Allein welche Erdenfreude wäre von bitteren Beigeſchmack?
Die menſchliche Geſellſchaft gleichti in manchen Stücken einem Bienenſtock, in welchem eine Königin das Regiment führt und fleißige Arbeitsbienen ihr geſchäftiges Treiben mit dem frühen Morgen beginnen und am Spätabende erſt beſchließen, während die arbeitfaulen Drohnen nur dem Geſchäft der Fortpflanzung obliegen und dabei von dem Schweiß ihrer Kameradinnen zehren. Solcher Drohnen gibt es leider unter den Menſchen auch, und zwar in mehren Arten, nur mit dem Unterſchied, daß ſie nicht, wie die Drohnen in den Bienenſtöcken, nachdem ſie den Zweck ihres Daſeins erfüllt haben, als unnütze Faullenzer getödtet und aus dem Stocke geworfen werden. Räuber, Diebe, Betrüger, Wucherer nennt man dieſe Drohnen unter den Menſchen; die zahlreichſte und gefährlichſte Art aber ſind die leichtſinnigen und gewiſſenloſen Borger, welche, der Miſpel auf den Bäumen und dem Schimmel auf dem Brote gleichend, von dem Schweiße und Fleiße ihrer arbeitſamen Nebenmenſchen praſſen und ihr Daſein friſten. Gegen Räuber kannſt du dich wehren, gegen Diebe dein Eigenthum verwahren, vor Betrügern und Wucherern dich hüten, aber gegen den leichtſinnigen, vor⸗ ſätzlichen Borger gibt es keine geeignete Waffe, kein feſtes Schloß, hilft keine Vorſicht. Sie ſind's, welche den mittelloſen Handwerker und Geſchäftsmann ruiniren, und die Haupturſache der Vertheuerung aller Bedürfniſſe, indem ſich der Geſchäftsmann für die ſchlimmen Bor⸗ ger an den rechtlichen Bezahlern ſchadlos zu halten ge— zwungen ſieht.
Ein vornehm gekleideter Herr, welchen der Petſchirer ſchon oftmals an ſeinem Arbeitstiſche hatte vorüberſpazieren ſehen, war es, welcher die Reihe der ſchlechten Bezahler bei dem jungen Graveur eröffnete. Zuerſt beſtellte Herr von Majoram ein gewöhnliches Petſchaft, und da daſſelbe zur Zufriedenheit des Beſtellers ausfiel, ſo ließ er ſein Wappen nebſt ſeinem Namenszuge noch in den Carneol eines Siege lringes ſtechen.
„Die Bezahlung für Ihre Arbeit,“ ſprach der vor nehme Herr beim Empfange des Siegelringes,„werde ich Ihnen morgen durch meinen Diener zuſenden.“
Allein es verſtrichen der Tage mehre, ohne daß der Diener das Geld überbrachte. Dagegen ſpazierte Herr von Majoram, wie früher, fleißig bei dem Graveur vor über, ohne ihn jedoch eines Blics zu würdigen. Ver gebens erhob ſich Julius bei Majorams Annäherung von ſeinem Sitze, vergebens machte er eine tiefe Verbeugung, ſcharrte er mit ſeinen Füßen,— der vornehme Herr be achtete dieſe ſtillen Mahnungen nicht, ſondern ſetzte ſeinen Weg unbeirrt fort. Endlich wagte Julius, ſ ſeinen Schuldner höflich anzureden und ihn an ſeine Schuld zu erinnern.
„Wie 2 verſetzte Majoram betroffen,„Sie hätten Ihre S Bezahlung noch nicht erhalten? Welche Vergeßlich⸗ keit meines Dieners, dem ich l längſt ſchon Ihr Geld ein gehändigt habe! Morgen— nein, heute noch ſollen Sie befriedigt werden.“
Dieſe Zuſage eines Mannes von Ehre blieb, wie die früheren Verheißungen, unerfüllt. Und der Mann war nicht arm, ſondern beſaß außer einem einträglichen Amte am königlichen Hofe noch ein anſehnliches Vermögen.
Dennoch blieb er denen, welche für ihn arbeiteten oder Waaren lieferten, die Bezahlung ſchuldig, auf die Nach⸗ ſicht ſeiner Gl läubiger bauend, welche theils das Anſehen und die Rache ihres vornehmen Schuldners fürchteten,
Dauer oder ohne theils die Prozeßkoſten ſcheuten.
Der jedesmalige An⸗ blick des ſtolz an ihm u Nerſchrriennden Majorams ver⸗ ſetzte dem Petſchirer einen ſchmerzenden Stich, und er, der Neuling im Geſchäftsleben, nahm ſich vor, ſeinen Schuldner eheſtens ernſt um ſein Geld zu mahnen.
III.
Der Herbſt mit ſeinen rauhen Tagen und kalten Win⸗ den hatte ſich eingefunden. Auch Julius litt unter deſſen Einflüſſen nicht wenig in der zugigen Hausflur. Der Hof des Hauſes enthielt einen Röhrbrunnen, deſſen weiches, fließendes Waſſer nicht nur von den Hausbe⸗ wohnern, ſondern auch von den Nachbarn benutzt wurde. Bei dem Waſſerholen aber ließen die nachläſſigen D ienſt⸗ mädchen nur zuoft die in den Hof führende Hausthür offen ſtehen, wodurch der Zug in der Hausflur vollends uner⸗ träglich wurde. Zwar hatte Julius, um die Vergeßlichen an ihre Obliegenheit zu erinnern, mit groß angekreideten Buchſtaben„Zugemacht“ an die innere Pfortenſeite ge⸗ ſchrieben, allein die Dienſtmädchen haben gewöhnlich an ungleich wichtigere Dinge als an das Thürzumachen zu denken. Das Letztere vergaßen ſie oft, aber nicht das, mit dem jungen und hübſchen Petſchirer ein Geſpräch an⸗ zuknüpfen, wobei ſie viertelſtundenlang die gefüllten Waſſer⸗ kannen neben ſich ſtehen ließen und dennoch über das un⸗ begründete Keifen ihrer Gebieterinnen klagten.
Mit der rauhen Witterung kamen auch die langen Abende, welche den Petſchirer nöthigten, nende Lampe zu kaufen und einen nicht geringen Theil ſeines Verdienſtes für Brennöl zu verwenden.
Eines Abends, wo Julius ein morgen abzuholendes Petſchaft vollenden wollte und daher emſig arbeitend an ſeinem Tiſchchen ſaß, hörte er ſich plötzlich mit den Worten angeredet:
„Huh! Herr Pech, heut' iſt's friſch. Nicht wahr?“
Ein flüchtiger Seitenblick des Künſtlers belehrte den⸗ ſelben, daß ein junges, hübſches Dienſtmädchen dieſe Frage an ihn gerichtet, welches zwei gefüllte Waſſerkannen hin⸗ geſetzt hatte und ihre vollen, bloßen Arme rieb.
„Ja wol iſt's kalt,“ verſetzte Julius, ſeine Arbeit nicht unterbrechend—„und wie mich bedünkt, haben Sie noch obendarein die Hofthür offen ſtehen laſſen. Fühlen Sie nicht, daß es zieht?“
„Die infame Thür!“ ſprach das Mädchen.„Ja, ſehen Sie, Herr Pech, wenn man in beiden Händen zu tragen hat, ſo dürfen Sie es mit dem Thürzumachen nicht ſo genau nehmen. Einen Stoß mit dem Fuß habe
ich ihr gegeben, ob ſie aber richtig in's Schloß geflogen
Haben Sie denn ſo gar nothwendig, daß
iſt, will ich freilich nicht behaupten. Nun, wenn ich wie— derkomme, will ich meinen Fehler gut machen. Ein junger Mann, wie Sie, muß übrigens Feuer in ſeinen Adern haben und nicht gleich über Kälte klagen. Aber, Herr Pech, Sie ſitzen ja wie angepicht über Ihrer Arbeit. Sie nicht einmal aufſchauen? Oder unterlaſſen Sie das nur, um die ſau⸗ beren Mamſells nicht anſehen zu dürfen, welche jeden Abend ſchaarenweiſe hier vorüberſpazieren? Hörten Sie eben, wie jene drei frech auflachten und laut über Sie und mich ſpotteten? Nur zu gut kenne 8 ſie. Sind ſie doch mit mir in die Schule gegangen! Die Eine war die ſchwarze Jule, die Zweite Heinzens Jette und die Dritte Kellers Guſte, die ſie wegen ihres rothen Haares
eine hellbren-⸗
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