Jahrgang 
1857
Seite
73
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Juſtinus Kerner, welcher ihn in ſeinen Kinderjahren noch ſah, beſchreibt ihn in ſeinenErinnerungen aus der

Knabenzeit, wie folgt:Herzog Karl Eugen ließ im

Herbſt über die Orangerie ein ungeheures Glashaus 1000 Fuß lang und 100 Fuß breit errichten. In deſſen Wänden verbreiteten zahlloſe Oefen Wärme. Das ganze Gewölbe des großen Gebäudes enthielt das ſchönſte Grün, und es hing ſo in der Luft, daß man keinen einzigen Pfoſten bemerkte. Da bogen ſich Orangenbäumen unter dem Gewicht ihrer Früchte. Da ging man durch Wein⸗ gärten voll Trauben wie im Herbſt, und Obſtbäume boten ihre reichen Früchte dar. Andere Orangenbäume wölbten ſich zu Lauben. Der ganze Garten bildete ein friſches Blätterwerk. Mehr als 30 Baſſins ſpritzten ihre kühlen Waſſer, und hunderttauſend Glaslampen, die nach oben einen prachtvollen Sternenhimmel bildeten, beleuch⸗ teten nach unten die ſchönſten Blumenbeete. In dieſen Zaubergärten wurden die großartigſten Spiele, drama⸗ tiſche Vorſtellungen, Ballete und Tonſtücke von den größ⸗ ten Meiſtern ausgeführt. Wenn auch manche dieſer Herrlichkeiten nur in der Phantaſie des greiſen Dichters leben mochten, dem die Knabenzeit wol allzu märchen⸗ haft erſchien(denn Vieles iſt geradezu unmöglich), ſo ſieht man doch daraus, daß die ganze Einrichtung eine eben ſo großartige, als prachtvolle geweſen iſt.

Aehnliche, wenn auch nicht ſo ausgedehnte Winter⸗ gärten entſtanden an verſchiedenen Höfen, und in Deutſch⸗ land und England gab es nach dieſer Zeit ſelten ein Schloß, wo nicht ein Gewächshaus als Wintergarten ein⸗ gerichtet geweſen wäre. Auch viele reiche Privatperſonen ahmten dieſen Luxus nach. Dabei zeigte ſich in Deutſch⸗ land ſo recht der Hang zu romantiſchen Tändeleien und die Sucht nach Wunderbarem. Als Beiſpiel nenne ich den ſogenannten Wintergarten des Fürſten Liechtenſtein in Wien, den ich noch geſehen habe, obſchon bereits in ſei nem Verfalle. Er befand ſich im Innern eines künſtlichen Hügels und ſtellte eine ziemlich gut nachgeahmte, viel verzweigte Höhle mit einigen Grotten und ſaalartigen Erweiterungen dar. Er wurde im Winter durch junge Fichten in waldige Schluchten verwandelt, und nur an den Ausgängen waren lebende Pflanzen hinter Fenſtern aufgeſtellt. Durch die Hauptgänge der Höhle wand ſich flußartiges ſtehendes Waſſer. Die Beſucher wurden durch Raubthiere, als Bären, Wölfe, Füchſe, Adler u. ſ. w. er⸗ ſchreckt, die jedoch glücklicherweiſe ausgeſtopft waren. Das Ganze verfehlte den Eindruck des Wunderbaren nicht, aber es war unendlich öde und wurde bald widerwärtig.

Der erſte Wintergarten für das große Publikum wurde von Leopold Fauſt, einem intelligenten Gärtner, in Berlin nahe am Ende der Königsſtraße eingerichtet, und er hat ſich bis vor wenigen Jahren in dem alten Zuſtande erhalten. In den erſten Jahrzehnten ſeines Beſtehens war er der Sammelplatz der feinen Welt. Concerte wech⸗ ſelten hier mit Maskeraden, Bällen und anderen Feſtlich⸗ lichkeiten und Vorſtellnngen ab. Die Ausſchmückung war indeß ſehr einfach und der Beſtimmung des Ortes angemeſſen. Einzelne Orangeriebäume und andere große Pflanzen waren mit Tiſchen umgeben oder bildeten mit ihren Kübeln Sitze, die durch Gruppen grüner Pflanzen und Lauben von einander geſchieden waren. Im Hauptſaal befand ſich das Orcheſter, zuweilen ein Theater, und zur Weihnachtszeit bot der Wintergarten das Bild eines Chriſtmarktes. Da zugleich eine ſehr lebhafte Gärtnerei damit verbunden war, ſo ſah man von Weihnachten an

in den verſchiedenen den Wintergarten bildenden Gewächs⸗ häuſern große Maſſen blühender Pflanzen aufgeſtellt, die verlooſt wurden. Fauſt's Wintergarten hatte ſeiner Zeit einen europäiſchen Ruf und war lange der einzige ſeiner Art. Er wurde in Berlin im Kleinen mehrmals nachgeahmt. Aber Kroll's Wintergarten und der Verfall des Alters brachte ihn zu Grabe. Kroll's Win⸗ tergarten, 1844 am Exerzierplatz vor dem Brandenbur ger Thore errichtet, machte ſeiner Zeit viel von ſich reden und iſt noch gegenwärtig nach ſeinem Wiederaufbau

er brannte bekanntlich ab eines der glänzendſten Locale zur Beluſtigung des Publikums. Allein er verdient den Namen eines Wintergartens eigentlich nicht; denn ſeine Säle ſind nicht einmal reich mit Pflanzen geſchmückt.

Dieſe Art von Wintergärten wurde jedoch nur in wenigen Städten Deutſchlands heimiſch. Die bekann teſten waren in Breslau von Kroll, und in Hamburg, von Maurein, in Verbindung mit dem Tivolitheater an gelegt. In England haben mehre Städte ähnliche Ein⸗ richtungen, doch ſind ſie mehr für beſondere Geſellſchaften als für das große Publicum.

In Frankreich waren die Wintergärten nicht ſo häufig wie in Deutſchland, England und Rußland, und Paris, das ſonſt für alle erdenklichen Genüſſe ſorgt, hatte bis 1845 noch keinen Wintergarten zum Vergnügen des Publicums. End⸗ lich 1845 bildete ſich unter der Direction des Herrn Leon Gramain eine Actiengeſellſchaft zur Begründung eines ſol⸗ chen, und er wurde in unglaublicher Schnelligkeit mit einem Aufwand von 4,500,000 Francs in's Leben gerufen. Die verwendeten Summen laſſen einen Schluß auf die Groß⸗ artigkeit dieſes Unternehmens ziehen. Man kaufte um jeden Preis alle nur wünſchenswerthen Pflanzen und ganze Sammlungen, unter anderen die berühmte Camellien ſammlung des Abbé Berléſe, die Pflanzenſchätze des Herrn von Montville, Palmen aus Belgien und Deutſchland.

Wir wollen dieſem Wintergarten einen Beſuch ab ſtatten und verſetzen uns im Geiſte 9 bis 10 Jahre zurück. Der Weg führt uns nach den Champs⸗Elyſées, jenem einförmigen, aus Baumreihen beſtehenden ungeheuren Platze zwiſchen den Tuilerien und der Barrière de l'Etoile. Schon von fern ſehen wir ungeheure Flaggen über den entlaubten Bäumen von den Kuppeln und Zinnen des hohen Gebäudes flattern. Eine halbrunde bedeckte Auffahrt bringt uns an den Eingang, wo ein aufgeputzter rieſiger Schweizer(Portier) uns einläßt. Wir treten zu erſt in einen großen von oben erleuchteten ovalen Saal, den ſogenannten Bilderſaal, deſſen Wände ſo reich mit Bildern geſchmückt ſind, daß man in einer Gemäldegallerie zu ſein glaubt, freilich in einer Sammlung von ſehr zwei felhaftem Kunſtwerth. Um den Eindruck dieſes glänzen den, reich vergoldeten Saales ganz zu genießen, muß man ihn ſehen, wenn die Glaskuppeln mit koſtbaren Vorhängen verhüllt ſind und Tauſende von Gaslampen Tageshelle verbreiten. Die an das Gewächshaus ſtoßende Saalwand iſt durchaus mit Spiegeln bekleidet. Zu beiden Seiten befinden ſich, 10 12 Fuß über dem Saalboden, 15 Fuß breite Säulengänge, die Arcaden genannt, von welchen man das glänzende Gewühl ganz überſehen kann, ohne zu hoch darüber zu ſein und von der Hitze zu leiden, wie es bei hohen Gallerien der Fall iſt. Dieſe Arcaden ſind mit ſymmetriſch aufgeſtellten großen Gewächſen, Hoſtons Werken der Sculptur und dergleichen auf das reichſte verziert. Der Fußboden iſt von ſchönem Eſtrichmoſaik ge⸗ bildet. Unter dieſen Gallerien befindet ſich ein Lager,

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