Jahrgang 
1857
Seite
55
Einzelbild herunterladen

55

aber der Blick, ſowie der Weg ſich ſüdweſtlich wendet, üm das Nordoſtufer des Neuenburger Sees zu erreichen.

Thäler hineinſteigen, um zu erkennen, welche unendliche Abwechſelung und welche Naturwunder auch hinter dieſen langen, wenig gefärbten Gewölbeketten liegen, die von fern ſo einförmig geſtaltet erſcheinen und ihre ſchärferen Kanten, Ecken, Vorſprünge und Wände gewöhnlich mit Wäldern abſtumpfen und überdecken.

Man empſindet die landſchaftlichen Gegenſätze zwi ſchen Jura und Alpen natürlich am ſtärkſten, wenn man von Bern her über Murten und dann quer durch das ſogenanntegroße Moos oberhalb des Nordoſtendes des Neuenburger Sees herüber fährt. Dieſes große Moos war ehemals offenbar, wie ſchon ſein Name an⸗ deutet, eine Fortſetzung des Sees. Sie mochte etwa bei Aarberg ihren Abfluß in die Aar haben, während dieſer parallel die Thiele oder Zihl den andern Abfluß bildete. Heute iſt die Thiele ſogar der einzige Abfluß des Neuen burger Sees und würde ſelbſt wol kaum den Bieler See zu bilden vermögen, wenn dieſer nicht dicht in ſeinem Ausfluß nach der Aar auch noch von einem zweiten Fluſſe, der Schüß, getränkt würde, welche hinter dem Chaſſeral von St. Imier herabſtürzt. Ehemals aber fluteten ſicherlich die Gewäſſer des Neuenburger, Murtener und Bieler Sees, vereint zu einer großen Waſſerfläche, vom Südabhange des Jura bis herüber zu den Uferhöhen der Aar, die als ſelbſtſtändiger und abgeſchiedener Fluß wol erſt mit jener Schlinge beginnen mochte, welche ſie heute am Eintritte der Zihl bildet. Wie auch noch heute in höheren Breitegraden die Erdhebung vom Norden herab ſteigt, ſo ſcheint es auch hier geſchehen. Der Jolimont zwiſchen dem Neuenburger und Bieler See und die durch Rouſſeaus Aufenthalt bekannte Petersinſel in letzterem hingen wahrſcheinlich zuſammen, obgleich es fraglich iſt, ob letztere damals ſchon ein Eiland, ob nicht vielmehr bloß eine Untiefe bildete. Langſam trocknete dann das große Moos aus. Aber noch iſt auch dieſer ſumpfige Seeboden nur ſtrichweiſe und beiläufig der Cultur ge wonnen. Unwirthlich überraſcht die halb wäſſerige, halb trockene Fläche ohne Baum und Strauch, nur etwa mit Schilf und Binſen beſetzt, nur belebt von unzähligen Waſſervögeln, eine faſt traurige Einöde, während die Bodencultur ringsum in fröhlicher Blüte ſteht und leuchtende Menſchenwohnungen zwiſchen heiteren Nutz pflanzungen für ſorgſamſte Pflege der Naturgaben zeugen.

Reich entſchädigt für dieſe Strecke langer Weile wird

Hinter Gampeln gelangt man beim Pont de Thielle über den Seeabfluß in den Canton ſeines Namens. Hier überſieht man die Waſſerfläche ihrer ganzen Länge nach. Wunderbar contraſtirt aber der Nordrand mit dem Sü⸗ den und Weſten. Jener, an vielen Stellen ſteil und felſig, iſt mit ſchönen Ortſchaften und fruchtbaren Wein bergen zunächſt umgürtet, über deren Hellgrün die gelb lichen Getreidefelder in ſchmalen Linien hinziehen, um weiter hinauf in Matten und Triften überzugehen und auf den Gebirgsrücken dunkle Wälderdecken zu legen. Dagegen erſcheinen die ſüdweſtlichen Ufer einförmig und auch weniger gut bebaut. Im Ganzen aber iſt die Anſicht dieſes Gewäſſers weniger maleriſch und mannichfaltig, als ſonſt die der Schweizerſeen. Wäh⸗ rend anderwärts die Städte, Ortſchaften und das ganze Culturleben gleichſam aus dem See empor zu blühen ſcheinen, macht hier ihr Verhältniß zum Waſſerbecken einen gewiſſermaßen entgegengeſetzten Eindruck. Wer

jemals am Züricherſee auf einer der Anhöhen geſtanden, den mag der gegenwärtige Anblick daran gemahnen; doch N

nicht der Aehnlichkeit halber, ſondern wegen der Gegen⸗ ſätzlichkeit des Eindruckes, den man von der Wechſelwir kung zwiſchen dem Leben auf dem Waſſer und ſeiner Fort ſetzung in das Uferland empfängt.

Dort wogt wimmelnde Ruheloſigkeit auf hundert Dampfern, Segelſchiffen und Ruderbooten von Ufer zu Ufer, um die Blüten zu entfalten, deren Wurzeltiefe und Triebkraft die wunderſchöne Waſſerfläche. Unmittelbar am Ufer flattern dort, wie weite Blütenfelder, die ro then Zeugſtücken der Fabriken abwechſelnd mit weit ge dehnten weißen Bleichfeldern, hinter denen rauſchende Maſchinenſchlote andeuten, in welch' inniger Wechſelbe ziehung die menſchliche Thätigkeit des Landes mit dem von der Natur gegebenen Vortheile des Waſſers ſteht. Den viel breiteren Neuenburger See befährt dagegen bloß ein einziges Dampfboot. Unſcheinbare Barken ver mitteln außerdem den ſparſamen Verkehr von Ufer zu Ufer. Die vielen dunkeln Punkte, die wir auf ſeiner lich⸗ ten Fläche ſchwanken ſehen, ſind faſt ausſchließlich Fi ſcherboote. Und der Fiſcherei, die allerdings beträcht lich iſt, dienen ſeine Fluten hauptſächlich, während die Induſtrie nur hier und da einen vereinſamten Palaſt baute, an den ſich vielleicht dereinſt einmal eine Arbeiter⸗

coolonie, ein Dorf, eine induſtrielle Stadt anſchließen mag.

Doch ſchwerlich eher, als wenn jene politiſche Zwit terſtellung nicht blos geendet, ſondern auch vergeſſen ſein wird, welche das Grenzland Neuchatel weder von der Schweiz vollkommen abgetrennt ſein ließ, noch geſtattete, daß es mit ſeinem ganzen Leben ſo recht eigentlich ein wuchs in die Lebensbewegungen und Entwickelungen der übrigen Eidgenoſſenſchaft. Dies allein mag freilich viel leicht nicht einmal ausſchließlich die Schuld einer ge ringeren Regſamkeit zur Verwendung des Sees für die induſtrielle Entfaltung ſeiner Uferlande tragen. Es kommen wol auch noch andere Vorausſetzungen hinzu. Der Neuenburger See hat vor Allem verhältnißmäßig nur wenige Zuflüſſe, und dieſe ſind ja bekanntlich recht eigentlich die Anſiedelungsplätze gewerblicher Thätigkeit. Auffallender Weiſe ſind jedoch nicht einmal alle der wichtigſten durch Uferorte bezeichnet. Nur zwiſchen Orbe und Baron am ſüdlichſten Seewinkel liegt Yver don. Am Einfluſſe des Arnon, etwas weiter herauf am Nordweſtufer, hält Poiſſine Macht, wogegen gerade gegen über der Mantua unbenutzt in den See fällt. Ebenſo weiter gegen Neuchatel die Reute und am nordöſtlichen Seeende La Broye.

Stadt Neuenburg.

Neuchatel zwang den ſtarken Seyon, ihm die Grund⸗ lage für ſeine Bauten zu bieten. Faſt ausſchließlich auf Geröll und Geſchiebe ſeiner Mündung ſtellten einſt die Römer Novum castrum, die neue Burg, und ihre Nachfolger haben dem Fluſſe ſein Eigenthum nie

mals wieder überlaſſen, ſo oft er es auch mit brauſenden

Ueberſchwemmungen zurückforderte. Erſt die neueſte Zeit endete den alten Kampf, indem(183942) ein meiſtens in den Fels gehauener Canal den Seyon nunmehr au ßerhalb der Stadt zum See führt. Und dies nicht allein, auch noch ſpeiſen muß er die Stadt. Denn aus einer Schlucht weiter oben legten die Neuenburger eine Waſ⸗

1