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Die dienſtthuenden Leichenbeſorger erhoben zwar einige Ein⸗ wendung gegen dieſen Wechſel in der Ceremonie, beſtanden aber nicht lange darauf, denn der Fluß lag in beunruhigender Nähe, und einige Stimmen ließen die Andeutung fallen, daß ein kal⸗ tes Bad ein ſehr wirkſames Mittel ſei, um widerſpenſtige Per⸗ ſonen zur Vernunft zu bringen. Der umgemodelte Zug brach auf mit einem kutſchirenden Schornſteinfeger auf dem Bocke des Leichenwagens, während der regelmäßige Kutſcher überwachend ihm zur Seite ſaß; in gleicher Weiſe vertrat den Dienſt der Leitung ein von dem ordentlichen Kutſcher unterſtützter Paſteten⸗ bäcker auf der Trauerkutſche. Ein Bärenführer, damals ein
populärer Straßencharakter, wurde, noch eh' der Zug den Strand
erreicht hatte, als Zierobjekt in den öffentlichen Dienſt gepreßt, und der Bär, der ſchwarz und ſehr ſchäbig war, verlieh dem
Theile der Proceſſion, in dem er marſchirte, ein ächtes und ge⸗
rechtes Leichenbeſtattungsausſehen. So ging unter Biertrinken, Tabakrauchen, Brüllen und
karrikirten Trauergeberden der unordentliche Zug ſeines Weges,
bei jedem Schritte Zuwachs aufnehmend, während vor ihm her überall die Läden ſich ſchloſſen. Sein Beſtimmungsort war die alte Sankt Pankraz⸗Kirche, weit draußen in den Feldern. Man langte im Laufe der Zeit dort an; die Menge ſtürmte in den Kirchhof hinein, und beſorgte in ihrer Art und zu ihrer voll⸗ kuuede Zufriedenheit die Beerdigung des verſtorbenen Ro⸗ ger Cly.
Nachdem der Todte verſorgt war, ſah ſich die Maſſe ge⸗ nöthigt, ſich nach einem anderen Zeitvertreib umzuſehen, weshalb ein anderer genialer Geiſt(oder vielleicht der frühere) auf den Einfall kam, Leute, die zufällig vorübergingen, als Old Bailey⸗ Spione zu bezeichnen, und die Volksrache auf ſie zu lenken.
Demgemäß wurden einige Dutzend harmloſer Perſonen, die viel⸗
leicht in ihrem ganzen Leben Old Bailey nie geſehen hatten, hin und her gezerrt und mißhandelt. Der Uebergang zu dem Spaße des Fenſtereinwerfens und dann zum Plündern der Wirthshäuſer war leicht und natürlich. Als endlich nach Ab⸗ lauf mehrerer Stunden etliche Gartenhäuschen in Trümmern
lagen, und zu Bewaffnung der kriegeriſch geſinnten Gemüther
unterſchiedliche Hofverzäunungen eingeriſſen waren, verbreitete ſich das Gerücht von Ankunft der Garden. Vor dieſer bedroh⸗ lichen Kunde ſchmolz der Haufen allmählig zuſammen. Vielleicht kamen die Garden, vielleicht auch nicht; genug, der Auflauf nahm das gewöhnliche Ende.
Mr. Cruncher hatte ſich an den Schlußbeluſtigungen nicht betheiligt, ſondern war auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um mit den Leichenbeſtattern ſich zu unterhalten, und ihnen ſein Beileid auszudrücken. Der Platz übte einen beruhigenden Ein⸗ fluß auf ihn. Er beſorgte ſich aus einer nahen Schenke eine Pfeife, rauchte wacker drauf los, ſah zu dem Gitter hinein und betrachtete ſich wohlbedächtig die Stelle.
„Jerry,“ ſagte Mr. Cruncher, ſich ſelbſt anredend,„du ſiehſt, daß man heute den Cly dort begraben hat, und du weißſt aus eigener Anſchauung, daß er ein junger gutgebauter Burſche war.“ 3
Nachdem er ſeine Pfeife ausgeraucht, und noch eine Weile länger ſeinen Gedanken Gehör geſchenkt hatte, trat er den Heim⸗ weg an, um vor der Schlußſtunde ſich wieder auf ſeinem Poſten bei Tellſons zu zeigen. Ob ſeine Betrachtung über Sterblich⸗ keit eine ſchlimme Einwirkung auf ſeine Leber geübt, oder ob er vorher ſchon ſich nicht recht wohl gefühlt hatte— vielleicht wollte er auch nur einem ausgezeichneten Manne eine kleine Aufmerkſamkeit erweiſen; kurz, er machte unterwegs ein Beſüch⸗ bei ſeinem ärztlichen Rathgeber, einem Chirurgen von hohem
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eben ſo gut hinpflumpfen, als denken; denn das eine wie das andere geht gegen mich. Ich ſag' dir, laß es bleiben.“
„Ja, Jerry.“
„Ja, Jerry,“ wiederholte Mr. Cruncher, ſich zum Thee niederſetzend.„Es iſt mir baarer Ernſt, und darum kein Wort mehr. Du haſt Urſache, zu ſagen: ja, Jerry.“.
Mr. Cruncher hatte keine beſondere Abſicht bei dieſen zän⸗ kiſchen Bekräftigungen, ſondern bediente ſich ihrer nur, um, wie dies ſo häufig von den Leuten geſchieht, im Allgemeinen eine ironiſche Unzufriedenheit kund zu geben.
„Du mit deinem ja Jerry,“ ſagte Mr. Cruncher, indem er ein Stück aus ſeinem Butterbrod biß.„Ah, ich kann mir's denken— glaub's wohl.
„Du gehſt heute Nacht aus?“ fragte ſein anſtändiges Weib, als er abermals einen Biß that.
„Ja.“
„Darf ich mitgehen, Vater?“ fragte ſein Sohn haſtig. „Nein, du darfſt nicht. Ich gehe fiſchen, wie deine Mutter Ja, das iſt der Zweck meines Ausgangs. Fiſchen.“ „Euer Fiſchzeug iſt ziemlich roſtig; iſt's nicht ſo, Vater?“
„Das kann dir gleichgiltig ſein.“
„Bringt Ihr auch einen Fiſch nach Hauſe, Vater?“ „Wenn's nicht geſchieht, wird's morgen ſchmale Koſt geben,“ verſetzte der Ehrenmann mit Kopfſchütteln.„Doch du haſt jetzt genug gefragt. Ich werde erſt ausgehen, nachdem du längſt im Bette biſt.“
Er beſchäftigte ſich für den Reſt des Abends damit, daß er ein äußerſt wachſames Auge auf Mrs. Cruncher hielt, und ſie durch ſtetiges Zanken hinderte, auch nur in Gedanken zu ſeinem Nachtheile zu beten. In dieſer Abſicht drängte er auch ſeinen Sohn, ſeine Mutter ſtets im Athem zu halten, und die unglückliche Frau hatte ſchwer darunter zu leiden; denn Mr. Cruncher zog lieber jede Kleinigkeit an den Haaren herbei, um ihr Vorwürfe zu machen, als daß er ihr nur einen Augenblick Zeit zum Nachdenken gelaſſen hätte. Selbſt der frömmſten Per⸗ ſon wäre es unmöglich geweſen, der Wirkſamkeit eines ehrlichen Gebetes tiefere Anerkennung zu zollen, als durch dieſes Miß⸗ trauen gegen das arme Weib geſchah. Gerade ſo ſieht man oft entſchiedene Geſpenſterläugner durch eine Geiſtergeſchichte in Zittern gerathen.
„Und wohlgemerkt, keine Poſſen morgen,“ ſagte Mr. Crun⸗ cher.„Wenn es mir als einem ehrlichen Gewerbsmanne gelingt,
weiß.
einen Hammelſchlegel oder zwei heimzubringen, ſo laß mich nicht hören, daß du nichts davon anrühren, ſondern bei deinem Brode
bleiben wolleſt. Und wenn ich als ehrlicher Gewerbsmann im Stande bin, mir ein bischen Bier kommen zu laſſen, ſo ſchwatze mir nicht von Waſſer. Wer in Rom iſt, muß thun, wie man in Rom thut. Und thuſt du's nicht, ſo wird dir Rom ſauber über den Kopf fahren. Ich bin dein Rom, das weißſt du.“ Und dann begann er wieder zu brummen: „Kömmſt mir da immer mit deinem abgeſonderten Eſſen
und Trinken! Ich möchte nur wiſſen, wie du hier zu Eſſen und
Trinken kommen wollteſt mit deinem heuleriſchen Weſen und dei⸗ nem gefühlloſen Benehmen. Schau deinen Buben an— gehört er nicht dir? Er iſt ſo dünn wie ein Span. Du wilſſt dich eine Mutter nennen und weißſt nicht einmal, daß es die erſte Pflicht einer Mutter iſt, ihr Kind zum Aufgehen zu bringen.“ Dies berührte bei dem jungen Jerry eine zarte Seite. Er beſchwor ſeine Mutter, ihre erſte Pflicht zu erfüllen und, was ſie auch ſonſt darüber vernachläſſigen mochte, beſonders die Voll⸗
Ziehung der mütterlichen Verrichtung ſich angelegen ſein zu laſſen,
Deer junge Jerry tröſtete mit pflichtſchuldiger Theilnahme ſeinen Vater, und meldete, daß in ſeiner Abweſenheit kein Ge⸗
ſchäft ausgekommen ſei. Die Bank wurde geſchloſſen; die alten Comptoiriſten kamen heraus; es wurde die gewöhnliche Wache beſtellt, und Mr. Cruncher begab ſich mit ſeinem Sohne nach Hauſe zum Thee.
„Ich weiß jetzt, wo es ſteckt,“ ſagte Mr. Cruncher beim Eintreten zu ſeinem Weibe.„Wenn mir, einem ehrlichen Ge⸗ ſchäftsmanne, heute Nacht mein Ausgang mißglückt, ſo kann ich überzeugt ſein, daß du gegen mich gebetet haſt, und ich werde dich dafür ſo gut bearbeiten, als ob ich mit eigenen Angen zu⸗ geſehen hätte.“ 7
Die verzagte Mrs. Cruncher ſchüttelte ihren Kopf.
„Was, das thuſt du Angeſichts meiner?“ rief Cruncher mit den Zeichen unwilliger Beſorgniß.
„Ich ſage ja nichts.“
„Gut; aber du ſollſt auch Nichts denken. Du könnteſt mir
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auf welche das andere Stück Eltern ſo liebevoll und fein hin⸗
gedeutet hatte.. So entſchwand der Abend in der Familie Cruncher, bis
endlich der junge Jerry die Weiſung erhielt, zu Bette zu gehen.
An ſeine Mutter wurde der gleiche Befehl erlaſſen, dem ſie demüthig gehorchte. Mr. Cruncher kürzte ſich die früheren Stunden der Nacht durch einſame Pfeifen, und trat ſeinen Aus⸗ flug erſt gegen ein Uhr an. Um dieſe kleinzahlige geſpenſtiſche Stunde erhob er ſich von ſeinem Stuhle, zog einen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete einen Schrein und holte einen Sack, ein Hebeiſen von anſtändiger Größe, ein Seil, eine Kette und ande⸗ res derartiges Fiſchgeräth heraus. Nachdem er dieſe Gegen⸗ ſtände geſchickt an ſeiner Perſon verſorgt hatte, warf er Mres. Cruncher einen trotzigen Abſchiedsblick zu und ging aus.
Der junge Jerry, der nur dergleichen gethan hatte, als
kleide er ſich aus, war im Nu wieder aus ſeinem Bette und hinter ſeinem Vater her. Im Schirme der Dunkelheit folgte er ihm zur Stube hinaus, die Treppe hinunter, in den Hof und


