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480 Zur Lecture.
Spur eines Idealiſirens am unrechten Platz und zur unrechten Zeit; unſer Intereſſe für dieſe Menſchen und Zuſtände wird nicht durch Züge in An⸗ ſpruch genommen, die ihnen nur angeklebt ſind, ſondern durch das rein Menſchliche und⸗Natürliche, durch das vollſtändig Wahre. Wir brauchen uns daher auch nicht zum Glauben an dieſe Charaktere, zur Theilnahme an im Allgemeinen uns fremden Zuſtänden zu zwingen, ſondern wir ſtehen mitten in dieſen Zuſtänden und ſind mit ihnen vertraut, wir ſehen dieſe Menſchen vor uns und leben, und leiden und freuen uns mit ihnen. Das iſt die Kunſt des Dichters und Erzählers.— Wir danken dem Verfaſſer für dies treffliche kleine Buch und empfehlen es dem Publikum auf's wärmſte. Laſſen die Leſer ſich nicht abſchrecken durch den Titel— es ſind keine„Liebesgeſchichten“; die ſich hier offenbarende Liebe iſt wirk⸗ lich die wahre, die allgemein menſchliche.
Leopold Sacher⸗Maſoch, Graf Donski. 2. Aufl. Schaffhauſen. Hurte r'ſche Buchhdlg. 1864.
Wir können uns begnügen, die zweite Auflage dieſes Buchs den Leſern mit wenigen Worten zu empfehlen; ſeine Beurtheilung hat es ſchon beim erſten Erſcheinen gefunden. Eine Erzählung aus der Zeit des galiziſchen Aufſtandes von 1846, ruft es uns jene Tage mit all ihrem Wahnſinn, mit ihrem Enthuſiasmus und Fanatismus, mit allem Schmutz, aller Wolluſt, mit der raubthierartigen, viehiſchen Mordluſt in erſchrecken⸗ der Klarheit ins Gedächtniß zurück. Der Verfaſſer verſteht zu erzählen, zu ſchildern, zu charakteriſiren; wäre das Deutſch nur ein wenig deutſcher.
L. Habicht, Kriminal⸗Novellen. Breslau. Trewendt. 1864.
Die ſieben kleinen Erzählungen, welche dieſen Band füllen, werden ihre Leſer finden und verdienen das auch. Der Verfaſſer zeigt ein hübſches Talent für Schilderung und Darſtellung und verſteht Menſchen zu zeich⸗ nen.„Die erſten Tauſend“, welche kleine Erzählung vordem in den Hausblättern zuerſt veröffentlicht worden, hat uns auch jetzt noch am meiſten angeſprochen. Auch„Zwei Finger“ enthält zum Theil vortreff⸗ liche Züge und Einzelheiten, während wir in„Eine Moostheegeſchichte“ einer gewiſſen Sentimentalität, die dem Verfaſſer ſonſt fremd, und in der
„Lady Macbeth“ mehr als einem Zuge begegnen, der uns wie eine Ueber⸗ treibung gemahnt.


