Herztroſt.
anderſeitig wiederum dieſelbe bei jeglicher Windrichtung. Bläst der Wind aus Weſtnordweſt, ſo würde es ohne Zutritt der Ebbe Segelſchiffen faſt unmöglich ſein die Elbe hinunter zu kommen, und noch ſchwieriger würde die Schifffahrt bei Oſtſüdoſt ſtromaufwärts ſich geſtalten. So aber nützt der Schiffer bei contrairem Winde die Strömung des Waſſers; hinunter fährt er bei ungünſtigem Winde,— natürlich ſolchen dann, ſo gut es eben geht, im Laviren nutzend,— nur während der Ebbeperiode, hinauf nur während der Flutzeit. Dieſe verſchiedenen Strömungen halten jedes⸗ mal etwa fünf Stunden an. Wenn Wind und Waſſer beide dem Segel⸗ ſchiffer entzogen ſind, kann derſelbe nicht vorwärts kommen, ſondern er muß um nicht rückwärts zu treiben, ſich vor Anker legen. Jede einzelne Flut oder Ebbeperiode heißt in der Schifferſprache eine„Tied(Zeit)“. Bei contrairem Winde geht das Schiffen, trotz Hülfe der Strömungen, nur langſam. Ich bin einmal auf einer Strecke von 6 Meilen 42 Stunden unterwegs geweſen. Wer die Sache kennt und es vermeiden kann, fährt deßhalb bei contratrem Winde nicht leicht mit einem Segelſchiff. Zu jener Zeit fuhren aber auf der Elbe noch keine Dampfſchiffe.
Meine Mutter, aufgewachſen an dem ſtürmiſchſten Ufer der Nord⸗ ſee, war wind⸗ und waſſerkundig, und auch ich hatte Kenntniß von beiden, da ich von Kindesbeinen an gar oft der Segelei mit einem kleinen Boote auf der Alſter obgelegen hatte. Am Montage nach der Oſterwoche wurde das Gymnaſium in K. wieder eröffnet, und ich wäre gern ſchon in den erſten Tagen nach Oſtern dorthin abgeſegelt, wenn nicht immer ein ſcharfer Nordweſt geweht hätte. Aber am Freitagmorgen zeigte es ſich, daß der Wind nach Oſten umgeſprungen war. Der Kalender wies nach, daß der Eintritt der Ebbe um 10 Uhr Morgens erfolgte, und mit dieſer Periode fiel der jeweilige Abgang des Fährſchiffes zuſammen.„Wenn der Wind ſo ſteif bleibt,“ ſagte meine Mutter,„dann biſt du ſicher heute Nach⸗ mittag um vier Uhr in X. Grüße die Tante Bordow vielmals von mir und empfiehl mich dem Herrn Grammatikus. Nimm mir aber auch ja dieneue Jacke gehörig in Acht.— Für die zwei Schillinge hier kannſt du dir bei dem Bäcker in der Deichſtraße einige Franzbröde kaufen, damit du unterwegs etwas zu eſſen haſt. Das bitte ich mir aber aus, daß für das Geld keine„Eiermahne“ oder„Maulſchellen“ gekauft werden; hörſt du wohl?“
Dieſe Ermahnungen und Rathſchläge ergingen an mich, während die


