14 Der Stern Amerika's.
ſtimmte die einfache Kleidung, die grobe wollene Jacke der ärmeren Raguſaner zu dieſer Hand und zu dieſen ariſtokratiſchen Zügen? Selbſt das lockige, dunkle Haar verrieth eine ſorgfäl— tigere Pflege, und die ganze Haltung des jun⸗ gen Mannes war mehr vornehm läſſig, als träg und ſchlaff, wie man ſie gewöhnlich bei den Leuten findet, deren Kleidung er trug, und die ſich gewöhnlich nur dann aus ihrer miß⸗ müthigen Ruhe aufraffen, wenn es ein gut Stück Geld leicht zu verdienen giebt.
Der Rath prüfte ihn lange, mit einem Blick, in dem ſich Neugierde und Mißtrauen paarten. Dann trat er näher an ihn heran.
— Für wen iſt das Schiff in Sicht be— ſtimmt, weißt Du es nicht? fragte er in illy— riſcher Sprache und fixirte den jungen Mann.
Dieſer, der den Rath nicht bemerkt hatte, blickte ſchnell auf, und eine deutliche Ueber⸗ raſchung malte ſich in ſeinem Blicke. Der ganze Ausdruck ſeines Geſichtes war dabei ein ſo le⸗ bendiger, daß die Neugierde des Raths in noch höherem Grade gefeſſelt werden mußte.
— Ich verſtehe nicht, ich bin ein Italiener, antwortete er kopfſchüttelnd.
Der Rath wiederholte ſeine Frage in italieniſcher Sprache, und der junge Mann ſchüttelte auch dies Mal den Kopf.
— Du biſt wohl nicht in Raguſa bekannt? fragte der Rath.
— Nein, ich bin mit einem Trabaccolo“*) von Ankona herübergekommen, antwortete der Jüngling. Ich hatte das Fieber, und das Fahrzeug ging weiter nach Trieſt. Ich werde hier warten, bis es zurückkömmt.
Obgleich dieſe Antwort mit ruhiger Sicher⸗ heit gegeben war, ſo ſchien ſie den Rath doch nicht zu befriedigen. Vielleicht war der ſchöne und reine Dialekt daran ſchuld, in welchem der Italiener ſprach.
— Da haſt Du faule Tage hier, ſagte er dann.
— Ja, die habe ich, erwiederte der junge
*) Küſtenfahrzeuge, die auf dem adriatiſchen Meere üblich ſind.
Mann lachend. Die Lazzaroni in Neapel ha— ben es nicht beſſer. Ich ſchlendere den Hafen entlang und ſehe auf das Meer hinaus. Das iſt meine Arbeit.
— Das ſieht man Deinen Händen an! ſagte der Rath.
Der junge Mann blickte raſch auf ſeine Hände nieder, und es ſchien, als ſei er ſelbſt von der Zartheit derſelben, die merkwürdig von dem groben Filzkittel abſtach, überraſcht. Es zuckte ſogar über ſein Geſicht.
— Ich habe in meinem Leben nicht viel gethan! antwortete er dann, und ſein Lachen zeigte dem Rath zwei Reihen der ſchönſten und ſauberſten Zähne. Meine Mutter hat ſich ein Stück Geld geſpart, und meinte immer, ich ſollte mich nicht ſehr anſtrengen. Da hat ſie Recht, die gute Alte, und das iſt vielleicht der einzige Wunſch von ihr, den ich erfüllt habe.
— Da biſt Du in Raguſa am rechten Ort, ſagte der Rath. Aber Du gefällſt mir. Wenn ich Dir Arbeit geben will, wo finde ich Dich?
— Arbeit? Was für Arbeit? fragte der luſtige Italiener.
— Nun, zum Beiſpiel, mich hinüber zu fahren nach Lacroma oder Gravoſa, oder einen Gang zu thun, erwiederte der Rath.
— Dazu bin ich bereit, erwiederte der Ita⸗ liener, aber mit einer Miene, die deutlich ge⸗ nug zeigte, wie wenig ihm daran gelegen war. Fragen Sie nur in der nächſten Schenke, gleich am Zollamte, nach Nicolo aus Ankona. Dann werden Sie mich gewiß finden— oder auch nicht!
Die letzten Worte ſagte er leiſe und ſeit— wärts.
— Gutl ſagte der Rath. kona, das werde ich mir merken. lange denkſt Du hier zu bleiben.
— Heilige Mutter Gottes, Herr, Sie fra— gen ja wie ein Inquiſitor! rief der Italiener faſt unwillig, aber immer noch lachend. Bis mein Schiff zurückkomme, und das kann lange dauern, wenn die Stürme von Primorie es an die Klippen ſchleudern.
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