Der
AMerika's
im Orient.
Roman aus der Gegenwart
von
Adolf Mützelburg,
(Verfaſſer des„Rapitain Smith“ etc. etc.)
Raguſa.
De Nacht war dunkel, ſtill und warm, der Himmel tief blau, bedeckt mit zahlloſen Ster⸗ nen. Land und Meer ſchienen zu ſchlafen. Nicht einmal ein leiſer Hauch der Nacht wehte durch die maſſigen, abenteuerlich geformten Laub⸗ gruppen der Oleander⸗ und Lorbeergebüſche. Unbeweglich und ſtarr reckten die Pinien und Cypreſſen ihre vollen Kronen in die Nacht em— por, während ihr Fuß in nächtlicher Dämme⸗ rung verſchwand und zuſammenfloß mit dem chaotiſchen Dunkel, das undurchdringlich die Erde deckte. Nur das Meer, tief unten am Fuße der Felſen, ſchimmerte etwas klarer her⸗ auf, und hier und da am Rande deſſelben flim⸗ merte noch ein einſames Licht. Eines nach dem andern auch von dieſen erſtarb, und zuletzt glänzte nur noch ein einziges herauf, wie ein Stern aus den Tiefen des Meeres. Es kam vom Fort San Marco, auf der Inſel Lacroma, gegenüber dem Hafen von Raguſa.
Auf dieſes Licht, oder wenigſtens nach der Richtung von San Marco hin, hatte ein Mann ſeine Blicke gerichtet, der am Rande einer dich⸗ ten Gruppe von Pinien und Cypreſſen ſtand.
Die Dämmerung der Nacht und die Schatten Perlen, 10. Bd. 1. Lief. 1
der Bäume verbargen ihn ſo ſicher, daß ſelbſt ein ſpähendes Auge ihn ſchwer erkannt haben
würde. Auch machte er nicht die geringſte Be⸗ wegung. Stumm lehnte er an den knorrigen Stamm einer Pinie, feſt in ſeinen Mantel ge⸗ wickelt, den er wohl nur deshalb trug, um we⸗ niger leicht erkannt zu werden, denn die Nacht war angenehm. Seine Geſtalt ſchien hoch und kräftig zu ſein, und ſein Mantel hatte einen einfachen, faſt militäriſchen Schnitt. Auch ſeine Mütze, deren Schirm tief in das Geſicht gezo— gen war, zeigte eine zwar gefällige und leichte, aber doch militäriſche Form. So unterſchied er ſich auf den erſten Blick von den Bewohnern dieſer Gegend, ſowohl von den Kindern der Berge, den Morlacken und Tſchnernagorzen, als von den Einwohnern der Küſtenſtädte und von den Soldaten der öſterreichiſchen Beſatzung im Fort Imperiale, das hoch über Raguſa hinaus⸗ ragt und in deſſen Nähe unſer einſamer Unbe⸗ kannter ſich befand.
Er veränderte ſeinen Standpunkt nicht, und wenn er aus irgend einem Grunde das Meer beobachten wollte, ſo konnte er keinen beſſeren wählen, denn er hatte den Blick vollkommen frei. Eine Stunde verging, und eine zweite. Aber er gab nicht das geringſte Zeichen von Unruhe oder Ungeduld, obgleich ſich annehmen
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