Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
377
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ſtatten dem Darſteller wenig dramatiſches Leben. So wird das Drama mehr und mehr zum blos ge⸗ ſchriebenen, und die Darſtellbarkeit nimmt ab. Bevor Deutſchland ſein verlorenes Nationalbewußt⸗ ſein wiederfindet, kann es von einer Nationalbühne höchſtens träumen. Hat es ja nicht einmal eine lebens⸗ kräftige Komik! Das Höchſte iſt naturwüchſige Lokal⸗ poſſe. Die klaſſiſchen Bühnen von Drury Lane und Covent Garden arbeiten ſchon ſeit einem halben Jahr⸗ hundert an ihrem Verfall. Die engliſchen Provinzen, ſelbſt die Rieſenfabrikſtädte, bieten in der Regel nicht einmal ein ſtehendes Theater; außer London iſt höck⸗ ſtens noch Dublin zu nennen. Das engliſche Theater zehrt ſeit Jahrzehnten meiſt von franzöſiſchem Material ohne Sinn und Auswahl. Hier wie überall ſind die einheimiſch klaſſiſchen Producte verdrängt, weil die flache Maſſe der Darſteller und Zuſchauer vor den Koloſſen zurückſchreckt. Paris und ſeine Blätter be⸗ ſchäftigen ſich viel mit dem Theater; aber nur, um ein pikantes Amüſement zu finden und ſich aufregen

zu laſſen, was die Treue des Gräulichen in der

Zeichnung der ſocialen Verderbniß wohl zu leiſten vermag. Trotzdem hielt dieſe Welthauptſtadt bis auf die jüngſte Periode herab das beſte Theater der Zeit. Das leichte, komiſche Genre im Vaudeville, die opéra comique(opera buffa) wurden lange mit einem er⸗ ſtaunlichen Leben(verve) und mit aller geſchmackvollen franzöſiſchen Leichtigkeit bearbeitet und wiedergegeben, während die große Oper mit ihrer Muſik an einer claſſiſch langweiligen Auszehrung leidet. Im Ganzen wirken Muſik, Pantomime und Tanz hier gleich ſehr zum Erfolg eines Stückes bei. Ueberall ſind die großen Schauſpieler todt oder alt geworden und nicht mehr erſetzt. Es hebt das allgemeine Urtheil nicht auf, wenn einzelne große Engländer, wie Edmund Kean, Macready und Charles Kemble in den erſten Jahrzehnten noch unvergleichlich über der Verſumpfung des geſchäftsmäßigen Spieles ſtehen; wenn Talma in majeſtätiſchem Auftreten und mit hiſtoriſchem Be⸗ wußtſein die Grandezza des Kaiſerreiches, das ihn trägt, wiedergiebt; wenn die 1858 verſtorbene, un⸗ vergleichliche und unerſetzliche Rachel ſtreng, einſam, antik in ſich ſelbſt ruhend auftrat und die ebenfalls große Italienerin Riſtori ihr folgt; wenn zumal am théatre italien oder durch ihr Spiel in England ge⸗ hoben die Catalani(18141818), die Paſta(von 1822 an), die Piſaroni, die Malibran(18271835), die hernach geſunkene Sontag(18261828) claſſiſch ſingen; wenn auch Deutſchland wenige Namen erſten Ranges(Devrient, die Schröder) aufweiſt.

Derſelbe Verfall trifft die Muſik. Sie mehr als jede andere Kunſt macht die Schwankungen der

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Zeit mit. Das Jahrhundert beginnt allerdings noch mit der unvergleichlich großartigen Muſik von Mo⸗ zart und Beethoven. Man mag von dem großen und ungeſchlichteten Streit über die Zukunftsmuſik ſo oder ſo denken: der Eindruck, den man aus ihr hin⸗ wegträgt, iſt doch der einer barocken Effecthaſcherei. Die ganze neue Oper iſt ein Product, das der Kunſt nur Unglück gebracht hat. Um zu beurtheilen, wie tief Sinn und Verſtändniß geſunken, wende man ſich übrigens geradezu an das claſſiſche Land der Muſik und des Geſanges Italien. Nicht nur zeigt es abſolut keinen Begriff für gehaltvolle deutſche Muſik (höchſtens etwa Meyerbeer wird gehört), die freilich weniger ſtimmgerecht auftritt: es verläugnet ſeine eigene claſſiſche Muſik ſogar Roſſini iſt ſchon ver⸗ altet und vergeudet ſeine entſchiedene Gunſt an die faden Lärmmacher des Tages(Verdi, mit türkiſcher Blechbegleitung). Daß dieſer Zug vollends die Ge⸗ ſangskunſt verdirbt, verſteht ſich von ſelbſt. Man mag wohl für die Stimme zittern bei den halsbrechen⸗ den Trillern und Fiorituren, aber fühlen kann man dabei Nichts. Was dem verſchmachtenden Wandrer in der Wüſte die Oaſe, das iſt dem unverkünſtelten Gemüthe, das gelangweilt oder betäubt unſere Concert⸗ muſik hinrauſchen hört, eine jener ewigen Melodien auf deren Schwingen das Wohl und Weh der Erde ergreifend abklingt. Das Fiſcherlied in derStummen, das Lied der Gefangenen in dem ohnehin mit tief⸗ ſinnigerem Ernſte angelegtenFidelio, Creutzer'ſche und Silcher'ſche Melodien u. a. m. ſind von jenen unvergeßlichen Klängen, um die uns jeder weitere Tag der unharmoniſch zerriſſenen Periode betrügt. Die Zeit hat große Meiſter erzeugt, und doch will Künſtelei die Kunſt todt machen. Auch da iſt die Technik Alles. Auch da tritt herein, was die Literatur zeigt: Maſſeneffect, realiſtiſches Veräußerlichen einer⸗ und abnormes pſychologiſches Grübeln andrerſeits.

Obgleich es unſerm Zeitalter an geiſtigen Im pulſen und an gehaltvoller Schärfe des Denkens nicht mangelt, ſo müſſen wir doch alle in des Verfaſſers Polemik gegen die Aeußerlichkeit des modernen Parnaß einſtimmen..

Er charakteriſirt trotz einer gewiſſen peſſimiſtiſchen Excentricität, die jedoch ſo leicht den ſittlichen Rigoris⸗ mus kennzeichnet, die Geiſtesſymptome der Gegenwart ſehr treffend: Es geht eine geiſterſchütternde Unruhe durch alle Schichten; es iſt ein drückend geängſtigtes Ueber⸗ ſtürzen und Taſten. Wir experimentiren, wir ſuchen in aller Welt die Hülfsmittel für die Uebel, die in uns liegen; wir argumentiren mit der geiſtvollſten Einſicht in das, was faul und krank iſt und wir finden nicht einen ſicheren Weg der Rettung; wir verfolgen die

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