Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
265
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tern eerrn, mild

Dierte

Literariſche Briefe von Otto Banch.

Geſpräche mit einem Grobian. Leipzig, bei Brockhaus. 1866.

Dieſes Buch trägt noch außerdem auf ſeinem Titel die Worte:Herausgegeben von einem ſeiner Freunde. Wenn ich Ihnen noch hinzufüge, daß derſelbe ein mir ſehr wohlbekannter, vom beſſeren deutſchen Publicum hochgeachteter Freund, ja ein Freund alles Guten, Wahren und Schönen iſt, ſo geſchieht dies nicht, um Verlangen nach Veröffentlichung eines Ge⸗ heimniſſeszu erwecken, deſſen Schleier zu heben nur unſere moderne journaliſtiſche Indiscretion ſich veranlaßt fühlen könnte, ſondern ich möchte durch dieſe Hindeutung einzig und allein zur Empfehlung dieſes Werkes, zur vertrauensvollen Hingabe an die edle Tendenz deſſel⸗ ben beitragen.

Der wackere, klar und ſchön ſtyliſirende Autor hat ſich zwei Männer im Dialog und in der Disputation gedacht, von denen das für alles Hohe und Wahre erglühende Herz des Einen nur die Schattenſeiten unſeres Culturtreibens wahrnimmt und mit derber, aber echt ſittlicher Entrüſtung geißelt, während der Andere im Beſtehenden den an ſich guten Kern mit optimiſtiſcher Hingabe auch da erkennt und vertheidigt, wo er ſich mit den Gewanden der verirrten Unwahrheit und

dung verhüllt hat.

unn ich, wie es der Verfaſſer ſelbſt thut, dieſe Geſprache den Ehrlichen, Edeldenkenden und Muthigen im deutſchen Publicum als ein treffliches, wenn auch hier und da einſeitiges, Arcanum gegen feige Selbſt⸗ täuſchung und Einſchläferung des moraliſchen Ge⸗ wiſſens ans Herz legen möchte, ſo glaube ich dies doch bei der Eigenthümlichkeit dieſes Buches nur da⸗ durch erfolgreich thun zu können, daß ich die Leſer veranlaſſe, ein Stück dieſes Dialogs eine geraume Weile zu verfolgen. Da dieſes Geſpräch beſonders über die deutſche Literatur handelt, ſo möge daraus nicht gefolgert werden, daß hierin das Grundthema des Werkes zu ſuchen ſei. Im Gegentheil verbreitet ſich daſſelbe über ſehr viele andere wichtige Lebens⸗ fragen des bürgerlichen Menſchentreibens.

Die Leſer haben ſich unter dem Grobian einen Philoſophen zu denken, der ſich von der ihm bedenklich gewordenen modernen Welt in den Schmollwinkel der Einſamfeit zurückgezogen hat, wo er, in verbiſſener Stimmung, doch treuer Menſchenliebe lebend, die Be⸗ ſuche ſeines milderen Freundes empfängt und ſeine Be⸗ krachtungen mit demſelben austauſcht.

Die deutſche Nation, ſagt der Grobian bei einem dieſer Beſuche,iſt eben im Begriff, das Letzte zu verlieren, was ihr noch einigermaßen zur Zierde

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gereicht hat: den Sinn für Poeſie den äſthetiſchen Geſchmack!

Ich ſehe nicht, wie

Du ſiehſt nichts, was iſt, fiel er mir in's Wort,ſondern nur, was nicht iſt! Das iſt eben, fügte er ſpöttiſch hinzu,deine Specialität!

Ein bedauerndes Achſelzucken war meine Antwort.

Er ſah mit halbgeſchloſſenem Auge vor ſich hin, dann fuhr er fort:Ich hab' neulich von der Anarchie in der Republik der Wiſſenſchaft geſprochen! Aber das iſt ein wahres Kinderſpiel gegen die Anarchie in der ſchönen Literatur! Hier zeigt ſich die Zer⸗ fahrenheit und Verkommenheit der jetzigen Deutſchen in einem Maße, das man nicht anders als rieſig nennen kann. Es iſt ſchauerlich!

Lieber Himmel! rief ich;welche Beiworte!

Ich fürchte, entgegnete er,daß ich nicht einmal die Beiworte finde, die ich brauche, um die Zuſtände zu charakteriſiren, wie ſie wirklich ſind!

Du trauſt dir doch wohl zu wenig zu, verſetzte ich mit Anerkennung.Nach meiner Erfahrung iſt das deine Specialität; und du ſchöpfſt hier aus einem Born, der unverſiechlich ſprudelt!

Er machte eine Miene wie ein geſtreichelter Bär. Dann fuhr er fort:Was ich ſehe, das ſeh' ich, und ich ſehe nur, was iſt! Tag für Tag verliert unſer Volk mehr den Sinn für das Echte und Gute in der Dichtkunſt.

Warum nicht gar! entgegnete ich.Wir ver⸗ ehren die Claſſiker mehr als je!

Wie lange noch? rief er.

Ich ſchaute ihn überraſcht forſchend an. Er fuhr fort:

Niemand kann zwei Herren dienen! Wer auf der breiten Straße des Laſters zur Hölle wandelt, der kann nicht nebenbei auch noch auf dem ſteilen Weg zum Himmel aufſteigen. Die Maſſe der deutſchen Nation iſt geködert und folgt dem großen Ratten⸗ fänger; aber die Maſſe herrſcht, ſie reißt die Geiſter, die ſich einbilden, an dem Beſten halten zu können, mit ſich fort, und ſo geht Alles zum Teufel. Nichts bleibt ungeſtraft, alles hat ſeine Folgen: das iſt das furchtbare Geſetz der Welt! Die Kunſt desjenigen, der die Menſchen zu verführen trachtet, beſteht nun darin, daß er die Sünde luſtig und ihre Folgen durch⸗ aus harmlos erſcheinen läßt. ⸗Wie ſollte mir das Schaden bringen, was mich glücklich macht?« ruft der Gimpel. ⸗Das Angenehmſte muß ja nothwendig auch das Beſte und das Heilſamſte ſein!» fügt er weiſe hinzu. Und er beißt in den Köder, er zappelt im Netz, und das Ende iſt, daß man ihm den Hals umdreht!