Jahrgang 
01-26 (1866)
Seite
128
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gen, an die man die Hände feſtgebunden hatte. In einiger Entfernung von dem Mörſer lagen zerſtreut ein Fuß, ein Bein und einige Stücke des ſchwarzen Schleiers, unter dem das Opfer verſteckt geweſen war. Alles Uebrige war ver⸗ ſchwunden.

Nach der Exploſion ſtürzten zwei Frauen von dem Por⸗ tal des Harem herbei, löſten die Arme von den Pfählen ver⸗ hüllten ſie unter dem Schleier und kehrten eilig in das Harem zurück, um dort die ſchrecklichen Beweiſe abzuliefern, daß der Gerechtigkeit voller Lauf gelaſſen worden ſei. C.

Auch ein Geſetzbuch.

In einem landwirthſchaftlichen Verein trat ein langer, magerer Herr an den Rednertiſch, zog ein mächtig großes Papier aus der Taſche, entfaltete es bedächtig und hielt nun mit würdevollem Weſen einen Vortrag über die verſchieden⸗ ſten Gegenſtände, wie z. B. über die Gottloſigkeit, über die Gleichgültigkeit der Reichen für den Ackerbau, über die Aus⸗ wanderung der Landbewohner nach den Städten u. ſ. w. Plötzlich unterbrach einer der gelangweilten Zuhörer den Redner mit folgenden Worten:Aber, mein Herr, man ſagt uns beſtändig, daß die Städte zu unſerem Nachtheile Alles abſorbiren; anſtatt dies uns ſo oft zu wiederholen, ſollte man lieber ein Gegenmittel vorſchlagen. Unſere Gutsbeſitzer wohnen ganz in der Stadt, unſere Kinder ziehen in die Stadt, unſere Dienſtleute ziehen auch in die Stadt. Ich bin eben⸗ falls in der Stadt geweſen und was habe ich dort geſehen? Leute, welche ſchnell leben und deren Uhrzeiger in fünfund⸗ zwanzig Minuten um das ganze Zifferblatt herumlaufen. Sie fahren in ſchönen Wagen einher und wickeln den Hals in große Kragen ein wie ein Blumenbouquet in eine Papierhülſe; ſie ſtrahlen in ihren Equipagen, ſie ſind glücklich, denn ſie werden geſehen. Unſere Kinder vertauſchen den Pflug mit den Acten in einem Bureau oder in der Schreibſtube eines Notars. Hier werden ſie mager und gelb wie Quitten, aber ſie ſind zufrieden, denn man nennt ſie Herr Calculator oder Herr Regiſtrator, bei uns würden ſie freilich Johann und Gottlieb geblieben ſein. Unſere Dienſtleute laſſen die Blouſe und die Holzpantoffeln im Stich und ziehen eine rothe Jacke und engliſche Jockeyſtiefeln an und ſetzen einen Cocardenhut auf. Sie eſſen gut, ſind warm gekleidet und nach ihrer ſelbſt⸗ zufriedenen Miene ſollte man auch glauben, daß ihre Men⸗ ſchenwürde in der Livrée gewachſen wäre. Der Grund dazu

iſt, daß heutzutage Jedermann nach etwas ausſehen will, und

daß er lieber Livrée trägt, um nur bemerkt zu werden. Alſo, mein Herr Redner, anſtatt über die Auswanderung aus dem flachen Lande zu ſeufzen, müſſen wir nach Abhülfe ſuchen. Ich meinerſeits ſchlage daher folgenden Geſetzentwurf vor:

Einziger Artikel: Diejenigen Gutsbeſitzer, welche auf ihren Gütern leben, tragen den Hut eines öſterreichiſchen Erzherzogs, ſteife Stiefel und einen großen Säbel. So wird man ſie ſchon von weitem erkennen. Die Pachter, Meierei⸗

Novellen⸗ZJeitung.

Menſchen und Thiere, bis auf den Haſen und den Maikäfer herab; alle Welt wird die Herren Landwirthes betrachten, und Sie werden ſehen, wir werden mehr Arme haben, als wir brauchen.

Dieſer derbe, aber gute Einfall wurde mit rauſchendem Beifall aufgenommen. Der lange magere Herr faltete wür⸗ devoll ſein Papier zuſammen und ſteckte es zur allgemeinen Satisfaction der Zuhörer in die Taſche. e.

Misrellen. 4

Die Gattin eines venetianiſchen Nobile war über den Tod ihres einzigen Sohnes untröſtlich. Ein Mönch ſuchte ſie zu beruhigen.Erinnert Euch, ſagte er,an Abrahams Beiſpiel; dem Gott gebot, mit eignen Händen ſeinen Sohn zu tödten, und der ohne zu murren gehorchte.

Ach! ehrwürdiger Herr, erwiderte ſie mit Heftigkeit, von einer Mutter würde Gott ein ſolches Opfer nicht ge⸗ fordert haben.

Vom deutſchen Büchermarkt. Karoline, Prinzeſſin zu Schaumburg⸗Lippe. Von Ernſt Meier, Gotha, Verlag von Andreas Perthes. Dieſe Fürſtin, welche ihr Leben in den letzten dreißig Jahren der Erziehung gewidmet und ihr ganzes Vermögen zu dieſem Zwecke geopfert hat, ſtarb im Jahre 1846 zu Rudolſtadt und der Verfaſſer Ernſt Meier, welcher der Theil⸗ nahme dieſer Prinzeſſin nahe ſtand, ſo daß er nach und nach fünfhundert Briefe von ihr empfing, hat hier in kurzer Form ihre Biographie unternommen. Mehr als die Lebensſchilde⸗ rung anderer fürſtlicher Perſonen verdient wohl dieſe geleſen und beachtet zu werden, denn es handelt ſich darin um eine ausgezeichnete Frau, welche ausnahmsweiſe ihre geiſtigen Kräfte und ihre pecuniären Mittel zum wirklichen Frommen der Mitlebenden verwandte. Es ſpricht ſich in ihren 2 fen eine außerordentliche Klarheit des Verſtanuee 5* Herzenswärme aus; ſie hat ihre bürgerlichen Freande in der That zu lieben vermocht, eine Fähigkeit, die mon bei Fürſten zwar ſehr reichhaltig in Worten, aber ſehr ſelten in überzeu⸗ genden Thaten antrifft. O. B.

Die Sturmvögel. Von Wilhelm Andreä. Jena und Leipzig, Verlag von Hermann Coſtenoble..

Es gehört dieſe materiell romantiſche Erzählung zu der bekannten Rubrik der culturgeſchichtlichen Romane, in welchen irgend ein hiſtoriſch berühmter Held eingefangen und den Leſern als eine auferweckte, leibhaftig ſpukende Geſtalt der Vergangenheit bequem in die Stube geführt wird. Hier handelt es ſich unter andern um Ulrich von Hutten und um die Zeit der Bundſchuhkämpfe. Dergleichen geſchichtlich populäre Stoffe erleichtern für den Verfaſſer die große Wir⸗

beſitzer u. ſ. w. tragen Feldmarſchallsuniform. Was die Knechte betrifft, ſo könnte es ſie vielleicht geniren, als Schwei⸗ zergardiſten hinter dem Pfluge herzugehen, ſo tragen ſie die Uniform von Regierungsräthen, und damit ſie nicht über den

kung auf's Publicum, und ſo darf hier auf das jacta alea est mit Recht etwas gerechnet werden. O. B.

Inhalt: Thereſia Entzmann. Erzählung von Karl Neumann⸗ * Strela.(Fortſetzung.) Die Buße. Gedicht von Peter Krauß. Literariſche Briefe von Otto Banck.

Degen wegfallen, ſo ſtecken ſie ihn zwiſchen die Hörner ihrer

Ochſen durch.

Wenn ſie ſo einhergehen, wird ſie alle Welt anſehen,

Feuilleton. Zwei altfranzöſiſche Tafelgeſchichten. Die Ab⸗ nahme der alten Krieger. Eine Hinrichtung in Perſien. Auch ein Geſetzbuch. Miscellen. Vom deutſchen Büchermarkt.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ouo Inedrich Dürr in Leipzig. Verlag der Dürr'ſchen Buch

handlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig⸗