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16 Novellen⸗Zeitung.
wie als ein höchſt gebildeter Fürſt zu würdigen und zu ver⸗
gleichen. Schließlich bat der König den Masſtro um die
Erlaubniß, ihm den Verdienſtorden ſchicken zu dürfen, den er
kürzlich errichtet hat.. C Wisrellen.
Eine ſehr ſtark geſchminkte Herzogin ging mit einigen Damen im Garten von Verſailles ſpazieren. Ein vornehmer Herr vom Hofe, der ein etwas kurzes Geſicht hatte, war auch vor der Geſellſchaft, und es fiel ihm ein, unter dem Vorwande, daß er ſo eben aus dem Felde gekommen ſei, dieſer Herzogin einen Kuß geben zu wollen, dem ſie aber auswich, indem ſie ſich ſchnell halb zur Seite umwandte und ſich hinter eine Statue flüchtete, der ſo der zärtliche Kuß zu Theil wurde. Die ganze Geſellſchaft lachte über dieſes Qui pro quo; der Herr aber ſagte ganz gelaſſen:„Dabei iſt nichts verloren, Gyps iſt Gyps, es kommt ungefähr auf eines hinaus.“
Vom deutſchen Büchermarkt.
Frau Evchen von Werner Maria. Berlin, Verlag der Königlichen Geheimen Ober⸗Hofbuchdruckerei.
Dieſes Büchelchen iſt eigentlich ein Probeſtück muſter⸗ haft zierlichen, graziöſen Druckes und die genannte Verlags⸗ handlung kann auf viele ihrer hier einſchlagenden Leiſtungen mit Befriedigung zurückblicken.
Den Inhalt bildet eine kleine häusliche Sittengeſchichte voll moraliſcher Tendenzen, aber nicht ohne Natürlichkeit im Erzählerton. O. B.
Geiſtdeutſcher Claſſiker von Feuchtersleben. Wien und Leipzig, Hartleben's Verlags⸗Expedition.
Die Sammlung, welche ſich durch die Art der Feuch⸗ tersleben'ſchen Anſchauung und Auswahl dem Publicum in⸗ tereſſant macht, da jener Autor ein beſtimmt ausgeprägtes ſittliches Urtheil beſaß, iſt räumlich eine ſehr beſchränkte, indem ſie in zehn kleinen Bändchen Goethe, Schiller, Herder, Hippel, Klinger, Leſſing, Lichtenberg, Wieland, Benzel-Sternau,
Jean Paul im Auszug behandelt. Sie ſucht zugleich ein
Geſammtbild von der Lebensanſicht aller dieſer Autoren zu geben, und zeichnet ſich alſo vor andern durch eine beſtimmte Tendenz aus.. O. B.
Die Nonne. Roman vom Verfaſſer des„Verfluch⸗ ten“; Der Jeſuit. Roman vom Verfaſſer des„Verfluch⸗ ten“. Deutſch von A. Diezmann. Leipzig, Verlag von Steinacker.
Der Verfaſſer des„Verfluchten“, deſſen Name endlich zum öffentlichen Geheimniß geworden iſt, hat ſich vielleicht
ten Dunkelheit treten zu laſſen, dieſe Schöpfungen hervorge⸗ rufen hat. Die Form der Abhandlung war ſowohl in Frank⸗ reich wie in Deutſchland als Waffe gegen Bigotterie und Zelotismus ſtumpf geworden und der Verfaſſer rief, um ſeinem Culturzwecke beſſer dienen zu können, gleich der Beecher⸗Stowe eine mächtige Verbündete, die ſchöpferiſche Phantaſie zu Hülfe, um durch die Wirkungen des Kunſtwerkes in die menſchliche Seele eindringen zu laſſen, was dem Verſtande in ſeiner Reagenz auf den Verſtand allein nicht gelingen wollte. Gewiß lag es dem Autor ſelbſt fern, dabei auf den Begriff„Kunſtwerk“ ein entſcheidendes Gewicht zu legen. Er hat auch kein ſolches geliefert, denn weder„der Verfluchte“, „der Jeſuit“, noch„die Nonne“ ſind Kunſtwerke zu nennen. Wohl aber zeigt ſich in allen dieſen Zeitromanen ein außer⸗ ordentlicher Fonds jener Poeſie, welche aus den Lebenserfah⸗ rungen hervorgeht, ſobald dieſe nicht blos auf ein empfäng⸗ liches Gemüth einwirken, ſondern in demſelben auch ein glühen⸗ des ſittliches Gefühl für eine beſtimmte Idee rege machen. Was dieſen Romanen einen beſondern Charakter ver⸗ leiht, iſt, daß dieſelben ebenſo ſehr auf die allergrößten Kreiſe
des Publicums durch ihre merkwürdig ſpannende Handlung
als auf die Beförderung culturgeſchichtlicher Intelligenz wir⸗ ken. Natürlich würde ſich ihr ſachlicher und tendenziöſer Werth verlieren, wenn der Verfaſſer anfangen ſollte, in ſeinem Gebiete in einer Form thätig zu ſein, die den Romanſchrift⸗ ſteller von Profeſſion, den romantiſchen Erfinder par excel- lence zu kennzeichnen pflegt. Bis jetzt erinnern ſeine Werk nur, und zwar dann und wann nicht ohne Nachdruck, an dieſe Eigenſchaft.
Eine ganz beſondere Hervorhebung verdient die treffliche Ueberſetzung von A. Diezmann, au deren Gründlichkeit und Gewandtheit ſich viele moderne Ueberſetzer ein Beiſpiel neh⸗ men könnten. O. B
Dunkle Wege. Erzählungen. Aus einer Künſt⸗ ler⸗Ehe. Novelle. Der Stadtrichter. Novelle von Hutterus. Münſter, Brunn's Verlag.
Im Gegenſatz zu manchen Novelliſten von heute gewährt Hutterus durch ſeine kleinen Erzählungen den Eindruck, daß
ſie mit liebevoller Hingabe an die Sache geſchrieben ſind
und ſich auf eine wirkliche Beobachtung des Lebens ſtützen. Ein rohes ſtoffliches Intereſſe iſt darin vermieden und ein geſunder Nachdruck auf die Schilderung natürlicher Charak⸗ tere gelegt. O. B.
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Der gute Ton, von Johann Edlervon Kontski. Peſth, Wien und Leipzig, Hartleben's Verlagsexpedition. Wer von der Ahnung durchdrungen iſt, daß zu einem
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Manne von gebildeten Manieren noch mehr gehört als ein verr Frack und ein gerade eemporgerichteter Hut, wird in dieſem man Gefühle durch die hier vorgetragenen, gewiß für Manchen 4 leid höchſt nützlichen Anſtandsregeln zu ſeinem Beſten und zu dem
ſeiner Nächſten noch beſtärkt werden. O. B.
ebenſo ſehr durch den ungeheuren Beifall, den ſein erſter Roman gefunden hat, wie durch das ihm noch zu Gebote ſtehende Material veranlaßt geſehen, ſeine Dichtungen fort⸗ zuſetzen. Auch der„Jeſuit“ und„die Nonne,“ nicht minder wie jenes erſte Product aus Poeſie und Wahrheit gewoben,
greifen mit der gleichen katholiſch reformatoriſchen Tendenz in die Verrottung und reactionäre Heuchelei vieler unſerer kirchlichen Zuſtände der Gegenwart mächtig ein und rufen ihren hierarchiſchen Protectoren ein ernſtes Halt ein! entge⸗ gen. Man darf überzeugt ſein, daß zunächſt gewiß nur der ehrenwerthe Drang, die Wahrheit an die Stelle der Lüge, die zeitgemäße Aufklärung an die Stelle der künſtlich genähr⸗
Inhalt: Wie Cornelius Bloemaert nach dem Lande Chile kam, * und was ihm dort begegnet. Novelle von Ernſt Freiherrn von Bibra.— Fromme Liebe. Gedicht von L. Otto.— Literariſche Briefe von Otto Banck. Feuilleton. Dr. Livingſtone's Reiſen in Afrika.— Marco Polo, Bürger von Venedig und Commiſſar des Kaiſers Kubilai⸗Khan.— Der König von Portugal Dom Luis und Roſſini.— Miscellen.— Vom deutſchen Büchermarkt.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Qilo Srieduch Dürr in Leipzig.— Verlag der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig.— Druck von A. Edelmann in Leipzig.
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