Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
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lands umher, und wenn ihre Privatannalen nur freimüthig

geſchrieben werden könnten, ſo würden wir zum Erſtaunen

Hunderte von Portraitähnlichkeiten mit der Creatur des Mo⸗

lière finden. Die deutſchen Luſtſpieldichter ſollten ſich's end⸗

lich zum Vorwurf machen, die ſelbſtverſchuldeten Schwächen

der Nation, die nichtswürdigen Laſter und Lebensprincipien

Einzelner mit eben der Schärfe proſtituirenden Witzes zu geißeln, mit welcher von einer kleinen Pariſer Bühne herab

nicht ohne Einfluß das 17. Jahrhundert von Molieére's Ko⸗

mödien in Angriff genommen wurde.(Molisre ſagt ſelbſt

von ſeinem Tartüffe:Dieſes Laſter der Scheinheiligkeit iſt dem Staate weit gefährlicher als alle andern, und wir haben

geſehen, daß das Theater viel Gewalt zur Beſſerung beſitzt.

Die ſchönſten Ermahnungen einer ernſten Moral ſind oft weit weniger mächtig, als die Geißeln der Satire, und nichts

beſſert die meiſten Menſchen ſicherer, als die Schilderung ihrer Fehler. Es iſt ein gewaltiger Angriff auf das Laſter, wenn man es dem Gelächter der ganzen Welt bloßſtellt.

Vorwürfe duldet man leicht, Spott nicht. Boshaft will man wohl ſein, aber lächerlich nie.)

Einen ähnlichen Weg zu gehen wie Molière, wäre eine viel ſchönere Tendenz, als diejenige, welche ſich in vielen mo⸗ dernen Stücken durch künſtlich herbeigezogene politiſche An⸗ klänge und gemachte publiciſtiſche Tiraden dem Unbefangenen offenbart. Wir wollen dem Dichter ſein heiliges Recht nicht antaſten, welches er zur primitiven Mitwirkung bei der Be⸗ freiung und Verklärung des allgemeinen Völkergeiſtes hat. Ein ſehr geringer

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untergeordnete Kräfte haben uns bewieſen, wie leicht es iſt,

durch Berührung in Frage ſtehender ſtaatlicher und ſocialer dramatiſchen Reſultat ſchreiten. Es iſt einem Kryſtalliſations⸗

Zugeſtändniſſe applaudirt zu werden. Ein reicher Fond von Poeſie und Schöpfungskraft iſt dagegen nöthig, um durch den hinreißenden, erſchütternden Ausſpruch allgemeiner See⸗ lenforderungen der ganzen Menſchheit in die Bruſt zu grei⸗ fen und Gebilde emporzubeſchwören, die jeder Gebildete an⸗

zuerkennen, aber nicht jeder Dichtende auszuſprechen und zu andern chemiſchen So that es jeder große Dramatiker mehr hinzugethan, und die gegenſeitigen Miſchungen und Bewegungen werden andere werden und eine andere G

geſtalten die Kraft hat. und für uns in der Tragödie beſonders Schiller, namentlich in ſeinen erſten Werken.

Ebenſo viel wahrer Dichterberuf iſt auch erforderlich, die menſchlichen Irrthümer im Luſtſpiele abzuſpiegeln und

die Charaktere mit pſychologiſcher Klarheit in intereſſanter, aber immer natürlicher Verwebung der Verhältniſſe hinzu⸗ ſtellen. Die alte Iffland⸗Kotzebueſche Periode machte ſchon den Verſuch, nur proſaiſch moraliſirend, die Kunſt den Pe⸗ danterien der Sittlichkeit unterordnend, und ſomit die ge⸗ machte Tendenz immer behaglich am Zopfe lenkend, unpoe⸗ tiſch, ſteif und fade, aber doch unterhaltend genug, um allem höheren Streben zum Trotz funfzig Jahre lang die Breter zu beherrſchen und noch jetzt zuweilen wie ein altes freund⸗ lich gemüthliches Geſpenſt darauf umzugehen. Die neueſte Komödie dagegen hat politiſche Anſpielung, liberale Lichtung ſocialer und ſtaatlicher Verhältniſſe und Grundſätze, Tages⸗ intereſſen, Wiener, Berliner und andere Localitäten und endlich die bunteſte Miſchung von allerlei kleinen Scherzchen und Späßchen zur Intention; im Aufgreifen hervorragender deutſcher Volkscharaktere aber zeigt ſie ſich ſchwächlich, und ihre Productionskraft reicht nicht bis zur typiſchen, vollendet künſtleriſchen Durchbildung und Fixirung aus.

Denken wir uns eine deutſche Idealkomödie, ſo würden Laune und Poeſie, Witz und Humor, moderne Lebens⸗ und

Novellen⸗Jeitung.

Grad von Begabung gehört aber dazu, dies Recht bei Tagesſpecialitäten in Anſpruch zu nehmen; denn

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ſolcher Gebilde

Volkscharakteriſtik und urſprünglich nationale Entwicklung in den erſten Reiben ihrer Eigenſchaften ſtehen müſſen. Blicken wir dagegen ehrlich und offen auf den wirklichen Stand der Sache.

Unſere neuere Luſtſpielſchule hat durch ihre gemachte

monotone Manierirtheit, unermüdliche Wiederholung und

kleinliche Umwandlung verbrauchter Komödienmotive die Schauſpielkunſt ſeicht werden laſſen. Stücke, die, mit mehr oder minderem Talent gemacht, neben unwahren, haltloſen Charakteren und unnatürlichen Lebensbegebenheiten doch wei⸗ ter nichts enthalten, als ein wenig ſtoffliche Erfindung, In⸗ trigue und pikante Situation, müſſen dem Schauſpieler eine ſehr geringſchätzige oder gar frivole Anſicht von unſerer dra⸗

matiſchen Literatur einflößen. Die Perſonen ſind häufi 3

Gliedermänner, die er durch ſein Geſchick erſt einzurenken

und zu menſchlichem Anſehen zu bringen hat. Er kann aus ihrem geiſtreich ſchwatzenden, blaſirten Salondialog für ſeine Künſtlerſchaft nichts lernen; im Gegentheil muß er das de⸗ moraliſirende Bewußtſein fühlen: es komme auf ſeine Gunſt an, ob er dergleichen Scenen mit effectvoller äußerlicher Vir⸗ tuoſität über dem ſtillen Ocean der Langeweile ſchwimmend erhalten oder in demſelben ertrinken laſſen will. Wo ihm im modernen Luſtſpiele Charaktere man kann eigentlich nur ſagen Charakterzüge aufſtoßen, da ſind ſie aus den Hand⸗ lungen hervorgegangen, während es doch umgekehrt ſein ſollte. Hierin liegt das hohe Myſterium, die größte Schwierigkeit der dramatiſchen Production. Die Charaktere ſind im Luſt⸗ ſpiele, ſowie in der Tragödie als Urgrund der Handlung an⸗ zuſehen, aber beide, Charakterentwicklung und Action, müſſen ungezwungen mit einander als ein organiſches Ganzes, in dem ein pſychologiſcher Leitdraht nicht augenfällig wird, zum

proceß zu vergleichen: die chemiſchen Beſtandtheile, die wir⸗ kenden Einheiten tragen ihr eigenes mathematiſches Bewe⸗ gungsgeſetz in ſich, und das Ganze ſchießt zu einem kunſtge⸗ rechten Gebilde in ſtetigſter Zuſammenwirkung an. Einen Stoff, alſo ein handelndes Individuum,

Ge⸗ ſammtgeſtalt wird ſich als Reſultat ergeben.

Anders als in dieſem vergleichenden Bilde geht es in unſerer gegenwärtigen Theaterliteratur: nicht iſt, wie dort das chemiſch⸗phyſikaliſche Geſetz, hier das der pſychologiſchen Wahrheit Herrſcherin, ſondern die Willkür des Autors mit ihrem Gefolge forcirter Veranſtaltungen und leichtſinniger Bühnencoups nimmt dieſen bedeutungsvollen Platz im Cen⸗ tralpunkte der Production ein. Wie foll nun ein Künſtler Achtung vor Charakteren und Charakterzügen haben, die ohne ſelbſtſtändige organiſche Bildung von den beliebigen Schwan⸗ kungen der Handlung geſchaffen und infieirt worden ſind!

Die Folge davon iſt, daß ſich die Schauſpielkunſt einem eben ſo leichtſinnigen, hohlen Virtuoſen⸗ und Faiſeurthum wie die Bühnenliteratur in die Arme zu werfen beginnt und nur zu oft bei der Darſtellung der urſprünglichen Menſchen Shake⸗ ſpeares oder Molidère's in eine ſchülerhafte Lage verſetzt wird. Hatte der Künſtler nicht ſelbſt in der Iffland'ſchen und Kotzebue'ſchen Schule zehnfach mehr Gelegenheit als jetzt, ſein Talent zu bilden und eine individuelle feine Dar V ſtellungskunſt zu lernen und zu entwickeln? Gewiß, denn hier lagen ihm Stücke vor, denen ſich nicht abſprechen ließ, daß ſie wirklich für den Schauſpieler höchſt ausgiebige, frappante und detaillirte Charakterzeichnungen enthielten, wenn dieſe und der Impuls der Dichtungen ſelbſt auch

oft auf eine heuch⸗

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