622 Novellen
ſprechen müſſen. Erſt dann läßt ſich die Braut bereit finden, vom Pferde abzuſteigen, und geht nun auf ihrer Linken von
Zeitung.
tage feierlich in das Haus des Bräutigams geleitet. Nur bei den rohen und am meiſten von allen fremden Elementen
ihrem Gemahl, auf der Rechten vom Brautführer geleitet auf unberührt gebliebenen Mainoten iſt mit ſo manchen anderen
die Thüre des Hauſes zu. Aber noch darf ſie nicht in dieſes eintreten. 3 3
Die Schwiegermutter eilt vielmehr jetzt auf das Paar zu und bindet es mit Riemen feſt zum Zeichen, wie unzer⸗ reißbar die Bande der Ehe Mann und Frau umſchlingen ſollen. Dann giebt ſie den jungen Eheleuten aus einem Topf Honig zu eſſen: nicht blos von unerſchütterlicher Treue, auch voll lieblichen und ſüßen gemeinſamen Genuſſes ſoll die Ehe ſein.
Die Schwelle ſelbſt darf die Braut nicht berühren. In einigen Theilen Griechenlands muß ſie bei dieſem Eintritt auf ein Sieb treten und zwar kräftig; denn nur wenn ſie einen ſtarken Eindruck in daſſelbe macht, hat ſie dieſe eigen⸗ thümliche, aber für ſehr ſicher gehaltene Probe der Keuſchheit beſtanden.
Sofort wird nun das junge Paar in das Brautgemach geführt und dort mit paſſenden Hochzeitsgeſängen begrüßt.
Bei dem den Schluß des Tages ausfüllenden Schmauſe nehmen auch die Frauen Theil, nur die Braut bleibt ver⸗ ſchleiert ſtehen. In der Mitte der Mahlzeit nähert ſich ihr der Gatte und hebt den Schleier auf; zu dieſem feierlichen Moment ſingt man in Theſſalien folgendes Lied:
Meine ſüße Taube, mein Bräutlein fein
Sitzet an dem Wege und ſinget dort,
Fürchtet weder Knaben noch Jünglinge,
Fürchtet nur die Schwägerin, die eifrige,
Die ſchon früh am Morgen ſie wecket auf:
„Auf, du junge Frau du, es iſt ſchon Tag,
Wann denn willſt du backen der Brode neun
Und an die neun Schäfer hinausſchicken ſie
Und dann warten wieder auf andre neun?“ Den Morgen nach der Brautnacht erſcheint, wie bereits bei den alten Griechen, ſchon bei Sonnenaufgang eine Schaar befreundeter Jungfrauen und Jünglinge, das junge Paar mit einem entſprechenden Liede aufzuwecken.
Dieſer Tag wird dann unter Schmauſen, Zechen und Tanzen verbracht.
Am dritten Tage bildet den Schluß der geſammten Feſt⸗ lichkeiten noch eine eigenthümliche Feier, welche folgenderma⸗ ßen vor ſich geht. In feſtlichem Zuge wird die Neuvermählte nach der Quelle oder dem Brunnen geführt, woraus ſie in Zukunft ihren Waſſerbedarf zu entnehmen hat. Dieſer Act iſt ſo obligatoriſch, daß er auch dann nicht unterlaſſen werden darf, wenn der Brunnen zufällig derſelbe bleibt, aus welchem die Vermählte bisher geſchöpft hat. An der Quelle ange⸗ kommen, muß ſie dieſe feierlich begrüßen und in hohler Hand aus ihr trinken; dann wirft ſie einige Geldſtücke, auch ver⸗ ſchiedene Eßwaaren in dieſelbe hinein. Hierauf folgt ein von Geſang begleiteter Rundtanz um die Quelle. Und ſchließlich ſchöpft ein Jüngling, deſſen beide Eltern noch leben, mit einem beſonders dazu beſtimmten Gefäße Waſſer daraus und trägt es, ohne ein Wort zu ſprechen, nach dem Hauſe des jungen Paares zurück. Mit ihm gleichzeitig kehrt die ganze ausgezogene Geſellſchaft wieder nach Hauſe zurück. Dort angekommen nehmen beide junge Eheleute den Mund voll dieſes unbeſprochenen Waſſers und ſuchen ſich innerhalb der Thür des Hauſe damit zu beſpritzen.
Uebrigens iſt heut zu Tage, wie auch ſchon in den hiſto⸗ riſchen Zeiten von Hellas, durchaus das Gewöhnliche, daß
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auch die urſprüngliche Sitte erhalten, daß die Braut keine Morgengabe, wohl aber ihr Vater vom Bräutigam eine Ver⸗ gütigung für den Verluſt der Tochter im Hausweſen erhält; ſolcher Brautverkauf war bekanntlich auch griechiſche Urſitte.
Selbſt der Gedanke des Frauenraubes, der bei den alten Spartanern die Regel war, iſt im heutigen Griechen⸗ land hie und da noch nicht völlig ausgeſtorben, wie z. B. auf Euböa, wo der aus einem fremden Dorfe kommende Bräutigam mit ſeiner Sippſchaft bei ſinkender Nacht eintrifft und ſeine Schwiegereltern durch ſeine plötzliche Erſcheinung zu überraſchen ſucht.
Zum Schluß muß ich noch des mit der Heirath ver⸗ bundenen und im heutigen Hellas wie kaum anderswo allge⸗ mein verbreiteten Aberglaubens des Neſtelknüpfens gedenken.
Dieſes Neſtelknüpfen findet während der Trauung ſtatt, und deshalb knieet im Moment der Einſegnung, um dem Uebel V auszuweichen, der Bräutigam auf die vorgelegte Schleppe oder das Kleid der Braut. Den Zauber zu vollziehen, genügt, daß die Zauberin oder der Zauberer die Namen des Paares kenne und irgend welchen noch ſo kleinen Theil ihrer Kleider oder noch beſſer Haare derſelben beſitze. Dieſer Wahn ſteht bei dem gemeinen Manne noch völlig unerſchütterlich feſt, und man ſcheut keine Ausgaben, um alte Weiber, die im Rufe des Zauberns ſtehen, zu bewegen, den Zauber zurückzunehmen. Ich bin im Stande, die Ceremonieen mitzutheilen, welche eine ſolche Hexe anſtellte, um einen in dieſem Sinne an ſie geſtellten, durch Geſchenke kräftigſt unterſtützten Wunſch eines jungen Ehepaares zu erfüllen. Mein Berichterſtatter hat die ganze Scene unbemerkt und von der Dunkelheit der Nacht
Mitternacht trat das alte Weib nackt, nur den Kopf mit einem ſchwarzen Tuche verhüllt und über die Schultern ein zottiges Hammelfell geworfen, in ihren Garten. In den Händen hielt ſie zwei Holzpfähle, drei große Nägel und einen Strick. Nachdem ſie die zwei Pfähle in die Erde eingerammt und zwi⸗ ſchen ihnen das Seil ſtramm aufgeſpannt hatte, ſtellte ſie ſich vor dieſen Apparat, murmelte einige unverſtändliche Zauber⸗ formeln und ſprang ſieben Mal über den Strick herüber, in⸗ dem ſie ihre Beſchwörungen fortſetzte; dann legte ſie ſich abermals ſieben Male mit dem Rücken auf den Strick ſtark auf. Hierauf nagelte ſie den Strick mit den drei Nägeln feſt in die Erde ein, nahm aus ihrer Kopfbedeckung ein blaues Band, zerſchnitt daſſelbe in tauſend Stücke und ſtreute dieſe auf dem Boden umher. Daran ſchloſſen ſich neue in
deren Anfang„laſſe nach, ziehe feſt“ lautete und welche die Namen des Chepaares erwähnten. Alsbald riß ſie die Nägel ſammt Strick und Pfählen aus dem Boden heraus und kehrte ſo in ihr Haus zurück....
Wachsmuth hat das Verdienſt, dieſe höchſt eigenthüm⸗ lichen, bis jetzt faſt ganz unbekannten Gebräuche bei Verlo⸗ bungen und Hochzeiten der Griechen ans Licht gezogen zu haben. Er ging dabei auch auf eine Ableitung derſelben aus antiken Zeiten ein, eine gelehrte Erörterung, die als für die größeren Kreiſe des Publieums zu unverffändlich aus den vorſtehenden Mittheilungen ausgeſchieden wurde. 4 69.
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die Braut Mitgift erhält, und dieſe wird gleich am Hochzeits⸗
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beſtimmte wiederkehrende Formeln gefaßte Zauberſprüche,
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