Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
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Ich hatte nun Zeit die Anlagen des Schloß⸗ gartens zu muſtern. Nach einer Weile trat ſie wieder herein, in der

Modetracht des vorigen Jahrhunderts, im Kopfputz

ihrer Jugend. Ein blauer Ueberwurf gab ihr wirk⸗ lich etwas Theatraliſches, etwas Imponirendes. Sie ſchien an Leib und Geiſt wie umgewandelt. In der einen Hand hielt ſie zwei geöffnete Briefe. Sie ging imHeidenthume beobachtend auf und ab, als ob ſie die Bedeutung der Attribute der mythologiſchen Ge⸗ ſtalten erforſchen wollte. Dann warf ſie flüchtige Blicke in die Briefe und ſagte, nach den zwei gro⸗ ßen Pappeln, welche vor ihrem Fenſter ſtanden, hin ſtarrend:Friedrich von Matthiſſon!

Sie ſchien das von zu betonen.

Ich trommelte auf die Scheiben.

Plötzlich trat ſie mir näher und ſchien mit ei⸗ nem durchdringenden Blick mein Inneres erforſchen zu wollen. In ihrem Antlitz lag Würde, Hoheit, Seelenadel, Herausforderung! Ihr Auge ſtrahlte voller Jugendfeuer. Ihr Spiel war Wahrheit!

Ich konnte faſt dieſen Feuerblick nicht ertragen und fühlte es jetzt mehr als je, daß ſie eine Frau von hohem Geiſte war.

Beinahe vergaß ich das commandirte Trommeln.

Sprechen Sie, fing ſie, mir näher tretend, an, Herr geheimer Legationsrath, was führt Sie hierher in dieſes Schloß? Wollen Sie in dieſem friedlichen Aſyle den Frieden einer Seele ſtören, die mit der Welt abſchließen will und bereits abgeſchloſſen hat?

Schon wollte ich antworten, als ſie in neuem Jugendfeuer erglühend fortfuhr:

Was ſagt heute Ihr Herz, Herr Ober⸗Biblio⸗ thekar? Sie ſind bereits in den Jahren, in welchen das Strohfeuer überſpannter Liebe und blinder Lei⸗ denſchaft erloſchen ſein und einer ruhigen Ueberlegung Raum gegeben haben könnte! Oder empfindet Ihr Herz immer noch ſo heißblütig, wie damals, als Sie dieſe Gedichte hier ſchrieben?

Sie that mit der einen Hand einen heftigen Schlag auf die Briefe und hielt, mich ſtarr mit ei⸗ nem Feuerblick durchbohrend, inne, als ob ſie eine Antwort erwarte.

Ihr lebhaftes Spiel riß mich mit fort.

Nach einem gewohnten Fünffingerſtrich durchs Haar erwiderte ich, heftig auf die Scheiben trom⸗ melnd:

Ich liebe nichts mehr auf dieſer Welt!

Ich glaube, ich ſprach die Worte mit fürchter⸗ lichem Ernſt, weil ſie mich elektriſirt hatte:

Ihre ganze weibliche Größe zuſammenraffend er⸗ widerte ſie:Nun, ſo iſt es entſchieden! Ich ent⸗

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Novellen⸗Zeitung.

ſage für immer der Welt! Ich werde dieſes Aſyl hier nur mit meinem Tode verlaſſen, obwohl mich kein Eid an ein ſolches Gelübde bindet! Sie aber, Herr Friedrich von Matthiſſon, Herr geheimer Lega⸗ tionsrath, werden wohl thun es ſchon jetzt auf immer zu verlaſſen! Ihre. enaeMaürde nur den Frie⸗ den einer Seele ſtören, welche der Welt entſagt hat.

Sie drehete mir den Rücken zu mit einer Be⸗ wegung, welche eine Entlaſſung andeuten konnte, und trat demChriſtenthume näher.

Ich trat unwillkürlich tiefaufathmend vom Fen⸗ ſter zurück wie ein Verwieſener und ging der Thür zu.

Sie haben Ihre Rolle gut geſpielt, fing ſie an, als ich die Thür erreicht hatte.

Sie lächelte gezwungen und ſagte weiter:Nun

laſſen Sie uns unſere Plätze im«Chriſtenthums wie⸗

dernehmen.

Ich wußte jetzt, daß ich den Matthiſſon geſpielt hatte, und kannte nun ihr Verhältniß zu Matthiſſon näher. Sie ſchien durch dieſe Scene ſehr angegriffen zu ſein.

Gerade in jener Zeit, als ich bei Adelaide das Amt eines Vorleſers verwaltete, ward ſie einſtimmig zur Aebtiſſin erwählt. Von nah und fern brachte man ihr mündlich und ſchriftlich Gratulationen zu ihrem Vorſteheramte dar. Jetzt erſt ſah man, wie der Kreis ihrer Verehrer ſich von den höchſten bis zu den unterſten Ständen ausdehnte.

Ich hatte, ſo pflegte ſie gewöhnlich den gratu lirenden Freunden zu erwidern,mit der Welt abge⸗ ſchloſſen; nun aber tritt mir unerwartet dieſer Beruf entgegen. Ich ſehe es als einen Ruf von oben an und will ihn im Vertrauen auf Gottes Hülfe über⸗ nehmen.

Sie leitete die Angelegenheiten der Stiftung zu allgemeiner Zufriedenheit und traf ſo manche heil⸗ ſame Einrichtung. Jetzt ſehen Viele erſt ein, daß ſie von ſtarkem Geiſte war, und ſchätzen ſie darum höher.

Da ſie eine große Verehrerin der Kunſt war, ſo veranſtaltete ſie einſt im Schloßſaale ein Concert, zu deſſen Mitwirkung die beſten Kräfte aus dem Kreiſe ihrer Bekanntſchaft eingeladen wurden.

Es war eine ſehr Keih elſwaft im Schloß⸗

ſaale verſammelt, worunter auch der Prinz G.... nebſt Gemahlin ſich befand, welche beide wiederholte Beſuche bei der Aebtiſſin zu machen pflegten. Unter den Mitwirkenden war unter andern her⸗ vorragenden Künſtlern, Hofſängern und Hofſängerin⸗ nen auch der bekannte Violinvirtuoſe Herr Haaſe aus Dresden.

Das Concert fiel meiſterhaft aus. Herr Haaſe

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