Jahrgang 
27-52 (1864)
Seite
421
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Vierte

über ihn gebeugt, in athemloſer Spannung ihm for⸗ ſchend in's Auge ſah.

Mathilde! flüſterte er.Umſchwebt Dein Geiſt mich, um meine Seele heimzuholen?

Konrad! Er iſt's! rief Frau Gärtner, indem ſie mit leidenſchaftlicher Gluth den Gatten an ſich drückte.

Es währte einige Minuten, bevor der alte Mann ſich ſo weit gefaßt hatte, daß er an die Wirklichkeit, welche er für einen Traum, eine Viſion hielt, glauben konnte. Seine letzten Zweifel ſchwanden, als ſeine Gattin ihm mittheilte, daß ſie an jenem Tage, an welchem der Brand ausbrach, mit ihrem Kinde in die Reſidenz gefahren war, um dort eine Freundin zu beſuchen. Da ſie kurz vorher von ihrem Manne einen Brief erhalten hatte, laut deſſen die Rückkehr deſſelben erſt in einigen Wochen ſtattfinden ſollte, ſo

konnte ſie nicht vermuthen, daß er ſchon ſo bald zu⸗

rückkehren werde, deßhalb nahm ſie die Einladung einer Freundin, einige Tage in der Reſidenz zu ver⸗ bringen, an. Erſt am nächſten Tage erhielt ſie die Nachricht von dem Brande, gleichzeitig mit ihr die Mittheilung, daß ihr Gatte ſich in das brennende Haus geſtürzt habe und ſeitdem nicht mehr geſehen worden ſei. Dieſe Nachrichten erhielt ſie durch eine Milchfrau aus ihrem Dorfe, welche, da Niemand wußte, daß die junge Frau mit ihrem Kinde in der Reſidenz weilte, ſelbſt glaubte, daß die ganze Familie in den Flammen ihren Tod gefunden habe. Die junge Wittwe ſtellte ſofort die genaueſten Nachforſchungen an, um denjenigen zu ermitteln, der in dem brennenden Hauſe verſchwunden war. Augenzeugen erklärten, daß die⸗ ſer kein Anderer geweſen ſei, als Herr Gärtner, und die Antwort, welche einige Tage ſpäter von Hamburg eintraf, beſtätigte, daß der junge Mann die Rückreiſe plötzlich angetreten hatte. Die Zeungniſſe des Poſt⸗ conducteurs und des Miethkutſchers vernichteten den letzten ſchwachen Reſt der Hoffnung, an welchen die unglückliche Mutter ſich geklammert hatte.

Gärtner ſchloß Gattin und Tochter an ſein Herz.

Ich war zu ſtolz auf mein Glück, ſagte er, Gott hat mich dafür beſtraft. Aber er hat es gnä⸗ dig gemacht, Dank und Preis ihm, dem Lenker aller Dinge!

Jetzt will ich Sie nicht länger zurückhalten, verſetzte Kuno, indem er lächelnd dem alten Manne die Hand reichte.Da mein Vermögen binnen we⸗ nigen Wochen Ihrer Tochter zur Verfügung ſtehen wird, ſo denke ich, können Sie auch aus den Händen Clara's einen Vorſchuß nehmen, der Sie drückenden Sorgen überhebt. Nach der Hochzeit zählen Sie

Folge. 421 natürlich zu meiner Familie, in der ich das Amt des Schatzmeiſters bekleide. Ein Haus iſt bereits gemiethet, mein Wagen wird am Abend uns hin bringen.

Dieſes Anerbieten wurde von dem alten Manne mit Dank angenommen. Der Nachmittag verſtrich den Glücklichen raſch. Als der Abend dämmerte, führte Kuno ſeine Braut und deren Eltern in die ihnen beſtimmte Wohnung, welche, da ſie nur für einige Wochen benutzt wurde, einfach aber bequem eingerichtet war.

Als er in ſein Haus zurückkehrte, fand er ein Billet ſeines Oheims. Der alte Herr ſchrieb, daß er die Verlobungsanzeige geleſen habe und ſeine Miß⸗ billigung darübewäußern müſſe. Er rathe ſeinem Neffen, den Bruch mit der Geſellſchaft nicht zu einem unheil baren zu machen, es könne eine Zeit kommen, in der er ſich danach ſehnen würde, in jene Kreiſe, von denen er ſich jetzt losſage, zurückkehren zu dürfen.

Ein Lächeln der Geringſchätzung glitt über die Züge Kunos. Er beantwortete dieſen Brief ohne Zögern und erklärte in dieſer Antwort, daß er unbe⸗ kümmert den Weg gehen werde, den er ſich vorge⸗ Zeichnet habe. Von einer ſpäteren Reue könne keine Rede ſein, weil er noch nie an jenen Kreiſen Ge⸗ ſchmack gefunden habe und er ſich der Folgen, welche ſeine Vermählung mit einer Tochter aus dem Volke haben werde, vollſtändig bewußt ſei.

Ein Vierteljahr war ſeit jenem Tage verſtrichen. Der alte Herr Forſt ſaß in ſeinem Lehnſeſſel und er⸗ brach mit zitternder Hand das Siegel eines Briefes, den der Poſtbote vor wenigen Minuten gebracht hatte. Er trug die Unterſchrift Kuno's und ſein Inhalt lautete:

Du hatteſt Recht, theurer Oheim, als Du mir am Tage meiner Verlobung ſagteſt, ich ſei im Begriff, einen Schritt zu thun, den mir unſere Standesge⸗ noſſen nie verzeihen würden. Damals ſchon gab ich Dir Recht, aber ich vermuthete nicht, daß man ſo entſchieden Front gegen mich und meine Gattin machen würde, wie man es gethan hat. Du weißt, daß man die Beſuche, welche ich der Sitte gemäß machte, nicht erwiderte, daß von den Gäſten, welche ich zu meiner Hochzeit einlud, viele ſich entſchuldigen ließen, und ſogar der Pfarrer, der die Trauung in meinem Hauſe vollzog, ſich nach der Ceremonie unverzüglich entfernte. Dies Alles hatte ich erwartet, es befremdete mich nicht. Chacun à son goüt! Ich gab dem ehrwürdigen Herrn das Geleit bis zur Treppe und ließ meine Muſtkanten ein luſtiges Liedchen ſpielen, welches uns in bedeutend gehobenere Stimmung verſetzte, als es