durch eine Handlung die verſchiedenen Abſchnitte ſo verbindend, daß gewöhnlich da ein Ineinandergreifen ſchwieriger pſychologiſcher Uebergänge und Wandlun⸗ gen ſein müßte, wo jetzt ein jäher Sprung iſt, der alle dergleichen Peinlichkeiten durch einige Sterne und Gedankenſtriche überflüſſig macht. Die beſſeren und ſorgſameren der modernen Novellenſchreiber paſſen dabei auf, daß ihnen durch dieſes flüchtige Verfahren nicht die Unannehmlichkeit paſſirt, im zweiten Capitel. daſſelbe„üppig gebaute“ junge Mädchen Ulrike zu nennen, die im erſten Aminde hieß; oder von ihren braunen ſüdlichen„Ambralocken“ zu reden, während noch vor wenigen Tagen ihre blonden Haare wie „ſonniges Nixengold“ über den„tadellos geformten“ Buſen fielen und ſein„ſehnſüchtig fluthendes Wogen und wogend ſehnſüchtiges Fluthen dem trunkenen Geliebten mit der Dämmerung einer ſüßen Märchen⸗ nacht verhüllten“. Dergleichen Verwechſelungen ſind ſtörend, aber freilich lange nicht ſo ſchlimm, als wenn zuerſt von den braunen und dann von den blonden Flechten ein und derſelben„königlichen Schönheit“ erzählt wird, da helle Haare allenfalls aus Galan— terie gegen die Verlegenheit der Autoren ſchleunig nachdunkeln, die„Rabenfittige“ hingegen, welche„das dunkle Email einer römiſchen Stirn myſtiſch wie ein Schmuck der Meduſa beſchatten“ nicht zu einer blonden Perücke ausblaſſen können.
Noch fataler wird die Verlegenheit, wenn der Dichter eine alternde Perſon, die er im Verlaufe ſeiner figurenreichen Geſchichte glücklich durch den Tod aus dem Wege geräumt hat, am Ende derſelben noch einmal auftauchen und ſich vielleicht gar in ihren beſten Jahren verheirathen läßt.
Den Autoren geht in der Hitze und Eile des Gefechts dergleichen leicht im Kopfe durcheinander; zuweilen läßt ſich wohl darauf rechnen, daß der Cor⸗ rector ſolche Irrthümer bemerkt und dem genialen Schöpfer zur Anzeige bringt; doch von den Correc⸗ toren kann man es nicht immer verlangen, ſich gleicher⸗ weiſe auf den Sinn des Inhalts wie auf die Recht⸗ ſchreibung einzulaſſen.
Das einzige Mittel, was ſich zur Vermeidung ſolcher Unannehmlichkeiten anrathen läßt, iſt, das Manuſcript nach der Abfaſſung noch einmal wieder durchzuleſen, allerdings eine ſehr zeitraubende und deshalb koſtſpielige Manipulation.
Ich begreife, daß Sie in dieſen Bemerkungen, de⸗ nen ſich noch hundert ähnliche hinzufügen ließen, eine ſehr kühle Ironie, ja vielleicht einen förmlichen Hohn erblicken.
In der That aber kann man ſie auch als ganz einfache wehmüthige Relation des wirklich vorhande⸗
Novellen⸗Zeitung
nen Literaturzuſtandes nehmen und braucht gar nicht an Spott zu denken.
Betrachten Sie nämlich die eben charakteriſirten literariſchen Ereigniſſe nicht als Kritiker, ſondern als Humaniſt, nämlich von jenem menſchlichen Stand⸗ punkte aus, welcher nicht bloß Kunſtleiſtungen wünſcht, vielmehr auch den Anfertigern ſolcher Arbeiten, die ſehr weit hinter dem Weſen eines Kunſtwerks zurück⸗ geblieben ſind, ein erträgliches Auskommen, mit an— dern Worten das tägliche Brod gönnt: ſo nimmt die Angelegenheit ein anderes Geſicht an.
Nur ſehr wenige Novellen und Romane erleben eine zweite oder gar dritte Auflage, und man kann keineswegs ſagen, daß dieſes höchſt ſeltene Glück den tüchtigen, gediegenen durchſchnittlich wiederführe. Erſt bei zwei oder drei Auflagen kann ſich nun aber ein Roman pecuniär ſo belohnen, daß der Gewinn für den Dichter der daran gewandten Kraft und Zeit einigermaßen würdig iſt, nämlich beiſpielsweiſe dem⸗ ſelben für zwei bis vier Bände 1000— 3000 Thlr. abwirft und zwar nicht etwa bald, ſondern endlich. Bei dem immer nur zu calculirenden Abſatz von einer oder kaum einer ganzen Auflage iſt dagegen die Ein⸗ nahme für dieſe Lectüre ſo unwürdig klein, daß ſie für das angeführte Quantum zwiſchen 200 bis höch⸗ ſtens 800 Thlr. ſchwankt, alſo eigentlich nur für Perſönlichkeiten paßt, die außerdem ſchon ein Ein⸗ kommen haben, welches ihre nothwendigſten Lebens⸗ ausgaben deckt. Wo dies nicht der Fall iſt, kann man ſich da wundern, wenn ſich bei den unbemittel⸗ ten Schriftſtellern, denen ihr Fach Brodearrière ſein muß, ja wenn ſich namentlich bei den Romanſchrei⸗ bern und Novelliſten eine große Flüchtigkeit nöthig macht, um ihre Zeit ſo auszunutzen, wie es für die Erhaltung eines Hausſtandes oder gar einer zahl⸗ reichen Familie unerläßlich iſt? Würden ſie ein an⸗ gemeſſenes Honorar erzielen, wenn ſie alle ihre Ar⸗ beitskraft, wie es eigentlich im Sinne der Kunſt möglich ſein ſollte, ein ganzes Jahr lang auf die Vollendung eines zwei⸗ oder dreibändigen Romans verwendeten? Leider keineswegs! Der Verleger ge⸗ winnt dadurch in Summa kein größeres Vertrauen, denn er hat es zur Beſchämung aller ſoliden Grund— ſätze und des beklagenswerther Weiſe nicht allgemein genug verbreiteten guten Geſchmacks erlebt, mit den ſeichteſten Productionen die beſten Geſchäfte zu machen, während ihm reſpectable Werke liegen geblie⸗ ben ſind, da ſie nicht mit dem Strom der frivol ober⸗ flächlichen Moderichtung ſchwimmen wollten. Der nach Claſſicität ſtrebende Autor würde alſo ſein ein— ziges Capital, Zeit und Arbeitskraft, ohne Lohn daran⸗ ſetzen, eine luxuriöſe Verſchwendung, die nur von


