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Novellen
ſen, Du ſeiſt ein Demagoge, ein Mann ohne Bildung und Ehrgefühl.“
„Mögen ſie ſchwätzen!“ entgegnete Kuno gelaſſen, „ich bin nicht geſonnen, mich unter die Vormundſchaft der Convenienz zu ſtellen.“
„Ja, ja, ich weiß, Du biſt ein Emancipirter, Kuno, aber die Stunde kommt, in der Du Deine thörichte Emancipation bereuen wirſt. Man ſagte mir, Du habeſt einen von der Cholera befallenen Bett⸗ ler von der Straße in Dein Haus aufgenommen, dem Arzte eine moraliſche Ohrfeige gegeben und einem friedliebenden Bürger ein geladenes Piſtol auf die Bruſt geſetzt, um ihn zur Hülfeleiſtung zu zwingen.“
„Sagt man nicht auch, daß ich einen Mord be⸗
Zeilung.
dies führen? Sage mir, mit wem Du umgehſt, und ich ſage Dir, wer Du biſt.“
„Es iſt bequem, ſich hinter Sprüchwörter zu ver⸗ ſchanzen,“ entgegnete Kuno mit einem Achſelzucken verächtlicher Geringſchätzung.„Bevor man über den ſittlichen Ruf eines Menſchen urtheilt, ſollte man ſich überzeugen, ob man dazu gegründete Berechtigung hat. Es iſt wahr, ich verkehre viel mit Rabeneck, aber Nie⸗ mand kann behaupten, mich am grünen Tiſch oder bei einem Zechgelage geſehen zu haben. Rabeneck iſt für mich ein intereſſanter Menſch, ich benutze ihn, um mich über fremde Länder und Sitten belehren zu laſſen.“
„Der Umgang mit dieſem Manne, der früher
gangen habe?“ fragte Kuno ruhig.„Sei unbeſorgt,“ fuhr er fort, als er die Beſtürzung ſeines Oheims bemerkte,„ſo weit iſt es nicht gekommen. Daß ich mich für den Fall eines Angriffs zu ſchützen ſuchte, kann Niemand mir übel nehmen, und wenn ich dem Arzt eine moraliſche Ohrfeige gab, ſo hatte er ſie verdient.“
Wieder ſchüttelte der Oheim das Haupt.„Daß Du Dich des Erkrankten annahmſt, finde ich lobens⸗ werth, aber dies mit Oſtentation zu thun, ihn ſogar in Dein Haus aufzunehmen—“
„Freilich, jeder Andere würde ſich damit begnügt haben, aus gemeſſener Entfernung den Verlauf der Krankheit abzuwarten, für einen Wagen Sorge zu tragen und mit dem Gefühl, ſeiner Bürgerpflicht Ge⸗ nüge geleiſtet zu haben, davongegangen ſein,“ erwi⸗ derte Kuno raſch.„Ein Bettler iſt ſo gut ein Menſch wie ich, ſein Leben iſt ihm ſo koſtbar, wie mir das meinige.“
„Brechen wir ab,“ ſagte der alte Herr verſtimmt, „ich kann mich mit Deinen Anſichten nicht befreunden.“
Die Unterhaltung ſtockte, Kuno blickte gedanken⸗ voll vor ſich hin.
zu unſerm Stande zählte, muß Dich in Deinen ba⸗ rocken Anſichten beſtärken,“ fiel der Oheim ihm in's Wort.„Ihm kann man's nicht verdenken, wenn er die Gleichheit der Stände predigt, er würde dabei gewinnen. Deshalb iſt es beſſer für Dich, daß Du eine Frau nimmſt.“
Ueber das Antlitz des jungen Mannes glitt ein Lächeln des Spottes.„Glaubſt Du, daß eine Frau mich bekehren werde?“
„Das nicht, aber ich bin überzeugt, im ſteten Umgange mit ihr wird Dein ſchroffes Urtheil über die Convenienzen unſres Standes ſich ändern.“
„Niemals!“ rief Kuno.„Nie werde ich billigen, daß der freie, denkende Menſch ſich unter das Joch der Vorurtheile beugen ſoll.“
Der alte Herr lächelte, in ſeinem Lächeln drückte ſich ein feſtes Vertrauen auf die Richtigkeit ſeiner An⸗ ſicht aus.„Wir werden ſehen,“ erwiderte er.„Ueber⸗ zeugt, daß Du noch nicht daran gedacht haſt, eine Wahl zu treffen, will ich Dir eine Dame vorſchlagen.“
„Bemühe Dich nicht, ich habe bereits gewählt,“ ſagte der junge Mann ruhig.(Fortſetzung folgt.)
„Es giebt nur ein Mittel, Dich auf den richti⸗
gen Weg zurückzuführen,“ nahm der Oheim nach einer Weile wieder das Wort,„und dieſes Mittel iſt die Ehe. So lange Du als Junggeſelle auf den Umgang mit Deinen liederlichen Freunden beſchränkt biſt, ſo lange Du Geſchmack findeſt an Zechgelagen und Orgien—“
„Oheim!“ fiel der junge Mann ihm in's Wort. „Wer hat Dir geſagt, daß ich an Orgien theil⸗ nehme und mit liederlichen Freunden umgehe?“
„Ereifern wir uns nicht,“ fuhr der alte Herr fort.„Iſt Rabeneck nicht ein Hazardſpieler, ein Mann, den Niemand achtet? Wenn Du mit dieſem Menſchen Umgang pflegſt, zu welchen Schlußfolgerungen muß
Gedichte von Emil Walther.
Abendklang.
Der Abend naht, und eine dunkle Hülle Legt weich ſich auf die ſtille Erde auf; Verſchwunden iſt der Sonne Glanz und Fülle, Sie hat vollbracht ſchon längſt den Tageslauf.
Vom Himmel ſtrömt herab ein ſüßer Friede, Der jeden herben Schmerz vergeſſen macht; Und ihre Sehnſucht haucht die Erde müde Mit leiſen Klagen in die ſtille Nacht.


