Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
386
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386 Novellen⸗Zeifung. 8

Kirche ſpottete und ſich dieſes Spottes rühmte, erin⸗ nerte ſich plötzlich, daß auch er in früheren Jahren das heilige Sacrament der Communion und Firmelung empfangen hatte, und es bedurfte nur dieſer Erinne⸗ nerung, um das verlorene Schaf zur Heerde zurück⸗ zuführen. Ja, dieſe verlorenen Schafe waren die eifrigſten Kirchgänger, ſie verſäumten faſt keine Meſſe, und wieſen jeden Spott, der in ihrem Beiſein laut wurde, mit einer Entſchiedenheit zurück, welche mit der Vergangenheit dieſer Leute in Widerſpruch ſtand.

An einem Herbſtmorgen wanderten drei junge Leute durch die engen, ſtillen Straßen der alten Stadt Köln. Nach ihrer Kleidung zu urtheilen, mußten ſie zu den höheren Ständen zählen. Ihr Weg führte ſie aun einer Kirche vorbei, welche die Schaar der Gläu⸗ bigen ſoeben verließ.

Die Tage der Noth ſind für die Pfaffen die Tage der Ernte, ſagte einer der jungen Leute, wäh⸗ rend ein höhnendes Lächeln über ſeine Züge glitt. Seht nur, wie die Heerde ſich um ihren Hirten ſchaart. Als ob in ſeiner Nähe die Cholera ſie nicht erreichen könne!

Spottet nicht, Rabeneck! erwiderte der Zweite. Gönnt dem Ertrinkenden den Strohhalm; wer weiß, ob nicht die Stunde kommt, in der auch wir nach demſelben haſchen!

Bah, verſetzte der Dritte mit einem Achſel⸗ zucken verächtlicher Geringſchätzung,ich halte es für klüger, in den Armen eines ſchönen Mädchens bei'm ſchäumenden Becher der Cholera zu ſpotten, als

Ein lauter Schrei unterbrach die Läſterung des jungen Mannes. Die Gläubigen, welche die Kirche bereits verlaſſen hatten, eilten, ohne ſich umzublicken, davon; die, welche noch auf der Schwelle ſtanden, wi⸗ chen entſetzt zurück.

Was war das? fragte derjenige, welcher vor⸗ hin den Spötter zurechtgeſetzt hatte.

Die Cholera! erwiderte ſein Begleiter entſetzt. Siehſt Du nicht? der Bettler? komm, laß uns von dannen eilen.

Geht, wenn Euer armſeliges Leben Euch ſo ſehr

am Herzen liegt, zürnte der junge Mann,ich werde

dem Hülfloſen Beiſtand leiſten.

Um des Himmelswillen, Forſt, was ſicht Dich an! rief der Spötter, welcher bei'm ſchäumenden Becher der Cholera trotzen wollte.Ueberlaß es der Kirche, ihre Schwelle zu ſäubern, was kümmert's Dich!

Forſt warf einen vernichtenden Blick auf den herzloſen Spötter und ſchritt durch die beſtürzte, mit allen Zeichen des Entſetzens davoneilende Menge raſch auf die Kirchthüre zu. Auf der Schwelle des Gottes⸗

hauſes lag ein alter, in Lumpen gehüllter Mann, er wand ſich in heftigen Schmerzen auf dem Steinpflaſter. Keiner der Umſtehenden eilte ihm zu Hülfe, die Furcht vor Anſteckung überwog das Mitleid.

Erſtaunen und Ueberraſchung ſpiegelten ſich in den Zügen eines Jeden, als der junge Mann ſich dem Erkrankten näherte.

Holt einen Arzt und einen Wagen! befahl der Jüngling in einem Tone, der zur Genüge bewies, daß er gewohnt war, Gehorſam zu finden.Ei ſorge für eine wollene Decke, in welche wir ken einhüllen können.

Ohne ſich darum zu bekümmern, ob ſeinem Be⸗ fehle Folge geleiſtet wurde, zog er ein Fläſchchen aus der Taſche, aus welchem er von Zeit zu Zeit dem Kranken einige Tropfen einflößte.

Sie ſollten ſich doch der Gefahr nicht ſo ſehr ausſetzen, Herr Forſt, ſagte einer der Umſtehenden, ein ſchlichter, behäbiger Spießbürger.Was liegt an einem Bettler mehr oder weniger! er mag warten, bis die Krankenträger kommen und ihn in's Lazareth bringen. 4

Iſt das die Nächſtenliebe, welche in dieſem Hauſe gepredigt wird? fragte der junge Mann, vorwurfsvoll aufblickend.Guter Mann, dann bedaure ich, daß

Ihr hier Eure Zeit vergeudet. Der Spießbürger ſchlich ſtill davon, Forſt hatte

durch ſeine Antwort jede Erwiderung abgeſchnitten.

Gott wird Sie noch einmal ſegnen, daß Sie ſo viel für die Armen thun, nahm jetzt eine alte Frau das Wort;gewiß, es giebt wenige in Ihrem Stande, welche ſich der ärmeren Claſſe ſo menſchenfreundlich annehmen.

Freilich, freilich, pflichtete eine Andere bei,man muß dies um ſo mehr anerkennen, weil Herr Forſt ſo reich und jung iſt.

Bah, es giebt auch Leute, die ſich gerne damit dick thun, den Leuten Wohlthaten zu erzeigen, fiel ein vierſchrötiger Metzger ihr in's Wort.

Forſt blickte auf. ſolchen Dickthuer in die Hände zu fallen, als Men⸗ ſchen, die den Mund ſtets voran haben und, wenn's auf die That ankommt, ſich engherzig zurückziehen, entgegnete er ruhig.Mit Eurem Singen und Beten vertreibt Ihr die Cholera nicht, im Gegentheil, Ihr leiſtet der Seuche nur Vorſchub, wenn Ihr Euch in die Kirchen zuſammendrängt. Verbannt die Furcht und bietet der Gefahr muthig die Stirne, dadurch richtet Ihr mehr aus, als durch Euer gedankenloſes Geplärr.

Habt Ihr's gehört? wandte der Metzger ſich zu den Umſtehenden.Er ſchändet die Kirche, er läſtert Gott.

Und doch iſt es beſſer, einem

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