Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
384
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Ein ſolcher Mann wie dieſer mußte allerdings als der tüchtigſte Papſtcandidat gelten, denn nicht nur durfte man hoffen, daß ſeine Lebenszeit eine äußerſt gemeſſene ſei, ſon⸗ dern es ſtand auch zu erwarten, daß er die ganze Regierung den Cardinälen überlaſſen würde, und dies reizte und befrie⸗ digte den in Rom reſidirenden Theil derſelben ganz beſonders und verſchaffte allemal nicht nur dem älteſten, ſondern viel⸗ mehr auch dem indifferenteſten, geiſtig geſchwächteſten, charak⸗ terloſeſten Candidaten die meiſten Stimmen.

Darum, als nun Gregor XIII. verſtorben und die Cardinäle 42 Köpfe ſtark ins Conclave gegangen waren, um einen neuen Papſt zu wählen, einigten ſie ſich auch zum großen Verdruß der beiden Cardinäle Farneſe und Medicis,

welche beide als die Vornehmſten die meiſte Ausſicht zu haben

glaubten, ſchon in kurzer Zeit über den Cardinal Montalto, der ſeinerſeits ſeine Stimme dem Cardinal Ruſticucci in lei⸗ ſem, hinfälligem und vollkommen erſchöpftem Tone gab. Kaum indeß wurde das Ergebniß der Abſtimmung bekannt und kaum überzeugte ſich Montalto, daß er der erwählte Papſt ſei, ſo richtete er ſich, wie ſein Geſchichtsſchreiber Letti erzählt, ſtramm und kerzengerade auf, warf die Krücke, auf welche er bisher ſeinen ſcheinbar ſiechen Körper geſtützt hatte, in eine Ecke und ſtimmte ſofort das Te Deum mit einer ſolch kräftigen Stimme an, daß der ganze Sitzungsſaal vom Donner ſeines Baſſes wiederhallte! Verdutzt, verblüfft, ver⸗ nichtet ſchauten die Cardinäle darein, als ſich der ſchwache, hinfällige, ja faſt blödſinnige Greis, für den ſie ihn bisher gehalten, ſo auf einmal in einen geſunden, kräftigen, energi⸗ ſchen Mann verwandelte, allein der Fehler war einmal gemacht und ließ ſich für jetzt nicht mehr repariren. Mon⸗ talto blieb Papſt und regierte während ſeines ganzen Ponti⸗

ficats mit einer Strenge und Energie ſonder Gleichen. Es

war Sixtus V.

Es liegt viel Humoriſtiſches in dieſen Zuſtänden; doch es würde heiterer wirken, wenn es nicht zu gleicher Zeit auch ſo tragiſch wäre, einen ſo großen Theil der civiliſirten Menſchheit durch eine theatraliſche Handhabung ihrer höch⸗ ſten Intereſſen in die Irre geführt zu ſehn.

Wie und zu welchem Reſultat wird man zu einer Papſt⸗ wahl ſchreiten, wenn der jetzige Pontifex Maximus ſtirbt? Und wo ſoll der nächſte reſidiren? Das ſind Fragen, die Vielen ein Gräuel, aber ſelbſt den am meiſten

dabei Bethei⸗

ligten keineswegs leicht zu beantworten ſind,

Misrellen.

Karl XII.(geb. 1682), aus der pfalzgräflichen Linie des Hauſes Wittelsbach ſtammend, war ganz das Ebenbild ſeines Vaters, Karl's XI.; wer den Sohn verſtehen und be⸗ greifen will, muß den Vater kennen. Dieſer war ein Mann von ſchlichter deutſcher Sinnesart, ſein Aeußeres nicht könig⸗ lich, ſein Betragen ſo zutraulich, daß er die Leute, die zu ihm kamen, umarmte, ihnen wenigſtens die Hand drückte, und als er Dalekarlien beſuchte, mit den Weibern der Thalbauern ſich im Tanze herumdrehte. An Hofergötzlichkeiten, Komö⸗ dien und Tonfeſten fand er keinen Gefallen, zu derartigen Vergnügungen ſchlug er nur zuweilen die Pauken. Dafür war er aber ein gewandter Reiter und Jäger, wußte ein Boot zu regieren wie ein Matroſe, und machte oft an einem

Novellen⸗Zeitung.

Tage 18 20 ſchwediſche Meilen. Obwohl ein Freund des Friedens aus Neigung und Ueberzeugung, legte er doch im Kriege mit Dänemark an der Spitze ſeines Heeres großen perſönlichen Muth an den Tag. Dadurch, daß er fortan dem Kriegsweſen als dem ſicherſten Mittel zur Erhaltung des Friedens die größte Sorgfalt widmete, erhielt ſein natür⸗ licher Hang zur Sparſamkeit einen höheren Zweck. Aus ſeiner Kleidung war aller Aufwand verbannt; er trug be⸗

an einem Gurt; wie andere franzöſiſche Moden, haßte er auch die kleinen Zierdegen und verbot deren Gebrauch ſeinen Officieren. Seine Tafel war einfach; er liebte derbe, feſte Speiſen und ſehr ſchnell; der Wein hatte für ihn keinen Reiz. Aus dem Kirchengebete ſtrich er die Titel, weil er ihren Gebrauch vor Gott thöricht fand, es mußten die einfa⸗ chen Worte geſetzt werden:Bewahre und ſegne unſern ge⸗ liebten König und Herrn, ſeine Gemahlin und ſeine Mutter. Mit großer Strenge und Sorgfalt hielt er über die kirchlichen Vorſchriften und bemühte ſich nicht nur durch Verordnungen über Gleichförmigkeit des Gottesdienſtes, ſtrenge Sonntags⸗ feier und geſchärfte Prüfung der Geiſtlichen, ſondern auch durch ſein Beiſpiel die Religioſität zu befördern und zu bele⸗ ben; er ſelbſt las täglich, ehe er ſich ankleidete, in der Bibel, verrichtete ſein Gebet knieend und wohnte den Katechismus⸗ prüfungen, die er ſehr empfahl, in eigener Perſon bei. Er durchreiſte meiſt nur mit kleinem Gefolge das Reich nach allen Seiten, und unterſuchte mit eigenen Augen den Zu⸗ ſtand des Landes und das Verhalten der Beamten bis in die kleinſten Einzelheiten. Auch dem geringſten Unterthan war der Zutritt nicht verweigert; vielmehr bezeigte er ge⸗ rade geringen Leuten eine beſondere Zuneigung. e.

Der verſtorbene Kupferſtecher J. W. Meil, Profeſſor bei der Akademie der bildenden Künſte und mechaniſchen Wiſſenſchaften in Berlin, ein talentvoller Künſtler ſeiner Zeit, war ein ſehr witziger Kopf, und ſelbſt manche ſeiner ar⸗ tiſtiſchen Arbeiten gaben davon den Beweis.

Einſt kamen die Kinder des bekannten jüdiſchen Ban⸗ quiers Ephraim zu ihm und baten, ihnen zur Geburtsfeier ihres Vaters ein Medaille zu zeichnen, die ſie demnächſt ihm zu Ehren von einem geſchickten Medailleur ſchneiden und ausprägen laſſen wollten.

Meil fragte den einen der Söhne, der den Sprecher bei dieſer Gelegenheit machte, ob er nicht ſelbſt irgend eine Idee habe, die ſich zur Ausführung ſchicke.

Ja, ſagte dieſer,mir iſt eingefallen, daß ſich ein Bienenkorb gut paſſen würde, um welchen Bienen ſchwärmen und den Honig in die Zellen tragen, da doch unſer Vater mit geringem Vermögen, blos durch ſeine Induſtrie, ſich an⸗ ſehnliche Reichthümer erworben hat.

Schön! verſetzte Meil,die Idee iſt nicht zu tadeln. Ich werde darnach eine Medaille ſkizziren..

Nach einigen Wochen lieferte der Künſtler die Zeich⸗ nung ab, da Ephraim aber durch das im ſiebenjährigen Kriege ausgeprägte falſche Geld, bekannt unter dem Namen Ephra⸗

ſimiten, hauptſächlich zu einem reichen Manne geworden war,

ſo erblickte man, wenn man die Zeichnung genauer betrachtete, im Vorgrunde eine Horniſſe, die auf einem an einem Sten⸗ gel wie eine Blume angebrachten ſächſiſchen Achtgroſchen⸗ ſtücke ſaß und daraus den Honig(das Silber) ſog.

Medigirt unter Verantwortlichkeit von Olto Friedrich Dürr in Leipzig. Verlag

der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig.

ſtändig einen eng anliegenden Rock und einen langen Degen