378 Novellen⸗
länger leben ſollen; Du hätteſt mir ſichere Regeln eingeprägt, nach denen ich der Welt begegnen müßte, um nicht erſt durch Schmerzen zur Erkenntniß zu ge⸗ langen. All das Schöne, das mir geboten war, hätte ich dann genießen können, ohne mich bewußtlos darin zu verlieren.“ V
„Herr Hermann,“ antwortete Louiſe,„erſt bei den Ihrigen erfuhr ich Ihren Lebenswandel, und ich kann Sie verſichern,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„daß mich das geſchmerzt hat. Denn ich war gewohnt, in Ihnen eine Ausnahme von unſerem Männergeſchlecht, einen jun⸗ gen Mann mit begeiſtertem und umfaſſendem Streben
zu ſehen. Und doch habe ich Sie nie mit Ihren Sie gaben ſich gläubig und in der Hoffnung, dadurch Ihr reicher Nahrung bedürftiges Herz zu erfüllen, dem wüſten Leben hin, während Jene mit ihm vertraut ſind und nach ihrem Gefallen es beherrſchen, wie der
vormaligen Freunden in eine Reihe geſtellt.
Töpfer den Thon und der Künſtler den Stoff. Aber daß Sie zu wenig Herz hatten, um an dem Sterbe⸗ lager Ihrer Mutter zu erſcheinen, das hätte ich von Ihnen am allerwenigſten erwartet.“
„Sie haben Recht, Fräulein von B.,“ verſetzte er „und ich weiß auch, daß die bitterſte Reue dieſen Feh⸗ ler nicht wird ſühnen können.“ Er nahm ihre Hand; Louiſe machte einen ſchwachen Verſuch, ſie zurückzu⸗ ziehen, aber er hielt ſie in der ſeinigen und ſank zu ihren Füßen:„Können Sie mir das verzeihen und durch das Geſchenk Ihrer Achtung mich wieder zum glücklichen Menſchen machen? Ich habe mich bemüht, das Urtheil der Andern gering zu ſchätzen und mir
durch ſtrenge Pflichterfüllung wieder Ruhe zu ver⸗
ſchaffen. O, werfen Sie in dieſes noch halbwunde Herz einen Strahl der Freude.“ „Stehen Sie auf, Hermann.“
„Nein, laſſen Sie mich immerhin vor Ihnen
knieen. Sie ſind das Höchſte, was mir auf Erden lebt. Ohne Sie ſtände es ſchlimm um mich; ich wollte an jenem verhängnißvollen Abend mir noch Stärke durch Ihren Anblick holen, bevor ich vor meine Mut⸗ ter träte. Ich weiß es, ich hätte mehr Mann ſein ſollen. Aber es hielt mich mit unzerreißbaren Ban⸗ den. Ich mußte, ich mußte Ihr heiliges Bild noch⸗ mal ſehen. Als ich Sie zum erſten Male erblickte, da wußte ich, daß ein neues, reineres Leben in mir angefangen hatte. Verzeihen Sie mir und ſagen Sie mir ein freundliches Wort.“
Louiſens Hände zitterten, und ſie ſchaute erregt in das Geſicht des Knieenden.„O Gott, man ſoll auf Erden keinen Engel ſuchen!“
Hermann erhob ſich und nahm die Weinende in ſeine Arme auf. Ohnmächtig lag ſie an ſeiner Bruſt.
Zeitung.
Er führte ſeine Lippen an ihren Mund, da ſchlug ſie die Augen auf, und während Thränen über ihre er⸗ rötheten Wangen rollten, ſchaute ſie ihn mit einem wunderbar innigen Blicke an. Sie ſtrich ihm die Locken aus der Stirne, küßte ihn und ſagte ſelig lächelnd:
„Ich werde wohl ſchwach genug ſein, den fehler⸗ haften Menſchen noch lieber zu gewinnen, als das hohe Weſen, als das Du mir zuerſt erſchienſt.“
Lieder von Jaroslav Kamenicky.
Aus dem Böhmiſchen überſetzt von
Alfred Waldau.
1. Volkslieder.
Es war ein ſchöner Frühlingstag, Der lockt' mich in den grünen Hag,
Auf Blumen hing der Thau wie Gold.
V Die Sonne ſtrahlte wunderhold,
Ich wallte fort am Saatenrand,
Bis ich in lieblicher Thalung ſtand; Als ich dort raſtend im Graſe lag, Da tönt's wie ſilberner Glockenſchlag.
Was war es, was ſo ſüß und lind Herangeweht der Frühlingswind?
Der Burſchen und der Dirnen Sang, V Er war es, der ſo entzückend klang.
Da war's nun, wo ich, ſeltſam entbrannt, Die hoͤchſte Lieb' im Herzen empfand: Ein herrliches Volk, das alſo ſingt,
Daß jedes Herz vor Wonne klingt!
Ihr Weiſen ſo ſüß und liebeweich,
Ihr ſeid den Engeln des Himmels gleich, Wenn ihr nicht wäret, in weſſen Hut, Ach! ſtände mein Volk, ſo lieb und gut?
Ihr ſeid die Sterne in ſeiner Nacht, Die Spiegel ſeiner Herzenspracht,
Der Nachhall ſeiner Trauer und Luſt, Der tauſend Seufzer aus wunder Bruſt!
Sein ganzes Sinnen und Trachten ſtrahlt In euch, mit treuen Farben gemalt,
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