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ters, die dieſem nach ſeiner Meinung von dem jungen Mädchen zu Theil geworden, empfunden.
Die verzehrende Leidenſchaft, die er zu der ſchö⸗ nen Hedwig gefaßt, ließ ihn Alles vergeſſen. Sie feſthalten, vor ihr niederfallen und ihr ſeine Liebe geſtehen, war das Werk eines Augenblicks.
Beſtürzt, erſchreckt hatte Hedwig den Ausbruch der wilden Leidenſchaft kaum verſtanden, als ſie ſich in ihrer Todesangſt von der Hand des Unverſchämten losriß und dem Pfarrhofe zu entfliehen wollte, um Schutz und Schirm dort zu finden, als er ſie mit den Worten:„Du biſt mein, und keine Macht der Erde ſoll Dich mir entreißen!“ erfaßte.
Hedwig hatte zu ihrem Entſetzen die Worte ver⸗ nommen. Eine eiſige Kälte durchrieſelte ihre zitternden Glieder; eine eiſige Hand legte ſich um ihr Herz! Sie wollte rufen, ſchreien, und doch entwand ſich kein Ton ihrer geängſtigten Bruſt. Jetzt fühlte ſie, daß der Arm Hugh's ſie feſter umſchlang, er ſie auf⸗ zuheben ſich bemühte. Alle ihre Geiſtes⸗ und Körper⸗ kräfte zuſammennehmend verſuchte ſie ihn fortzuſtoßen. Daſh's Bellen hatte ſich immer mehr geſteigert; wüthend fiel er jetzt den Räuber ſeiner Herrin an, und ein Biß des gereizten Thieres ließ Hugh laut aufſchreien, doch ſeine Beute hielt er ſelbſt im Schmerze feſt. Jetzt war es Hedwig, als wenn ſie einen Ruf hörte. Noch ein Mal ſtrengte ſie ſich an, und endlich gelang es ihr einen Hülferuf auszuſtoßen. Nun ver⸗ nahm ſie auch das ſchnelle Herankommen von Tritten. Daſh, dies auch hörend, fing von neuem an heftig zu bellen.
Hugh, der auch das Geräuſch vernommen, gab das junge Mädchen frei. Feig, wie er war, ſuchte er ſeine Rettung in einer ſchnellen Flucht, die ihm im Schutze der Dunkelheit auch gelang.
Aber kaum fühlte ſich Hedwig befreit, als kurz darauf ſchon wieder zwei Arme ſie umſchloſſen, doch dieſes Mal waren es keine feindlichen, denn in den Ausrufungen:„Meine Hedwig! Meine geliebte Schwe⸗ ſter!“ erkannte ſie die Stimme ihres theuren Bruders. Ja, Toni war es wirklich! Soeben angekommen, hörte er, daß das Fräulein nach dem Kirchhofe gegangen, und ſofort eilte er dorthin, um ſie zu überraſchen, und kam gerade im entſcheidenden Augenblick zur Befrei— ung und Errettung ſeiner lieben Hedwig. Einige Secunden ſpäter, und ſie wäre unrettbar verloren ge⸗ weſen, denn ſchon hatte Hugh ſie aufgehoben, um ſie davonzutragen, als die nahen Schritte ihn ver⸗ ſcheuchten.
Der alte Johann, der durch das Rollen des Wagens aus dem Hauſe herausgelockt worden war,
Novellen⸗Zeitung.
weſen, als er ſich beeilte ihm nachzugehen, doch da er den jugendlichen Schritten nicht ſo ſchnell folgen konnte, erreichte er erſt jetzt das Gewölbe. Er erzählte aber gleich und zwar ſehr aufgeregt, daß er eine männ⸗ liche Geſtalt über die Kirchhofsmauer hätte ſteigen und verſchwinden ſehen und daß er gleich darauf das Geräuſch eines fortfahrenden Wagens gehört habe.
Bei dieſen Worten athmete Hedwig erſt leicht, denn ſie wußte nun, daß ihr Verfolger wirklich ent⸗ flohen und ein Zuſammentreffen Toni's und Hugh's nicht mehr zu beſorgen ſei, denn welche ſchrecklichen Folgen ein ſolches zwiſchen den beiden Brüdern hätte haben müſſen, war ihr ſelbſt jetzt, in ihrem faſt ohn— mächtigen Zuſtande klar.
Liebreich war Toni um die Schweſter beſchäftigt, und als es ihm gelungen, ſie möglichſt zu beruhigen, konnte er die Fragen, was denn eigentlich geſchehen, wer es geweſen, deſſen Geſtalt wie ein Schatten bei
länger unterdrücken. Hedwig, die endlich der Sprache
wieder mächtig geworden, theilte ihrem Bruder Alles
das mit, was ſie eben erlebt.— In Toni kämpfte nach dieſem Bericht Erſtaunen
hoͤrte kaum, daß der Angekommene der junge Herr ge⸗
und Zorn. Seinen Entſchluß, Vergeltung an dem Be⸗ leidiger ſeiner Schweſter zu nehmen, ſprach er ſogleich aus. Die Schweſter bat ihn aber innig dies zu unterlaſſen, wobei ſie ihn auch die Anſicht gewinnen ließ, daß hier wieder ſichtbar Gottes Hand gewirkt und verhindert, daß die beiden Brüder ſich nicht be⸗ gegnet.
„Aber welch' böſer, ſchlechter Menſch muß dieſer Hugh ſein,“ rief jetzt Toni,„daß er jelbſt an dieſem heiligen Orte ſich nicht ſcheut, ein Verbrechen zu be⸗ gehen! Möge Gott ihn richten! Wir aber wollen hier an der Seite unſerer theuren Todten beten und Gott für Deine glückliche Rettung, meine Hedwig, danken.“
Der gute alte Johann, der ganz ſtill, aber tief be⸗ wegt die Mittheilungen der Geſchwiſter gehört, beugte jetzt auch ſein Knie und betete recht innig mit den Beiden. Als ſich Hedwig vollkommen fähig fühlte gehen zu können, ſagte ſie:„Nun, Toni, laß uns den würdigen Pfarrer aufſuchen; dieſer hat jetzt das rerſte Recht ſich an Deiner Rückkehr zu erfreuen und Alles zu erfahren. Du, Johann, gehſt aber wohl nach Hauſe, um Brigitte zu bitten, das Nöthige zum Em⸗ pfange unſres lieben Angekommenen zu ordnen.“
In der Pfarre fanden ſie die Familie traulich plaudernd im Wohnzimmer zuſammen. Mit innigſter Herzlichkeit wurde Toni begrüßt, aber eine wirkliche Empörung bemächtigte ſich Aller, als ſie die Schlech⸗ tigkeit Hugh's vernahmen. Der Paſtor erklärte, daß er Nachforſchungen über ihn anſtellen würde.
ſeiner Annäherung aus dem Gewölbe ſich entfernt, nicht


