Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
364
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Torquato Taſſo.

des unſterblichen Dichters bekannt. Taſſo liebte die Prin⸗ zeſſin Leonore, Schweſter des Herzogs Alphons von Eſte. Dieſer, welcher die verbrecheriſchen Hoffnungen eines Verſe⸗ ſchmieds mit einem Schlage vernichten zu müſſen glaubte, ließ den verwegenen Liebenden einſperren, und Taſſo verlor den Verſtand, nachdem er die Freiheit verloren hatte. Dieſe

die Seufzer Taſſo's ſeyen unerhört geblieben, während Andere behaupten, es habe ſeinem Glücke nichts gefehlt; nach einer dritten Verſion ſoll er nicht der Geliebte Leonorens, ſondern der Lucretia von Eſte, oder der Lucretia Bendidio, der Mai⸗ treſſe des Cardinals Louis von Eſte, geweſen ſeyn, und end⸗ lich wird erzählt, der Herzog Alphons habe ihn wegen eines

dem Annenhospital zu Ferrara in Haft gehalten. Behauptungen ſind jedoch der herzgewinnenden Sage, welche in Taſſo das bedauerns⸗ werthe Opfer ſeiner Liebe zur Prinzeſſin Leonore erblicken läßt, haben drei Jahrhunderte den Glauben bewahrt.

Vernehmen wir, was ein Franzos dazu meint, der ſich

fangenſchaft und die Narrheit Taſſo's Nachforſchungen an⸗ zuſtellen, und der einem Fürſten Vitale in Rom die intereſ⸗ ſanteſten Aufſchlüſſe über dieſen Gegenſtand verdankt.

Man hat für dieſe Liebe Taſſo's, ſagt Victor Cherbu⸗ liez, ſo heißt unſer Gewährsmann, freilich keine anderen duftenden Madrigals, ſeine unter dem TitelRime amorose ſeiner geheimen Wünſche hat entdecken wollen. In der That herrſcht in allen dieſen Dichtungen die feinſte Galanterie mit ihrer blühenden Sprache, ſie athmen die Leiden und Freuden der Liebe, ſie verrathen den echten für ſeine Dame ſchwär⸗ menden Minneſänger. Aber die Schönen zu beſingen, war das Amt der Hofpoeten, und in dieſer Eigenſchaft genoſſen ſie die vollkommenſte Freiheit; ſie durften ihrer Feder, ſo

unter mit ſehr lebhaften Farben malten, ſo nahm eben im 16. Jahrhundert Niemand Anſtoß daran. Wohl aber darf man die Genialität bewundern, mit welcher unſer Dichter das Thema zu variiren wußte und dazu immer wieder neue Situationen erfand. So richtete er Sonnette an ſeine ſti⸗ ckende, tanzende, Guitarre ſpielende, angelnde, ſchwarz ge⸗ kleidete, im Schnee mit vom Winde aufgelöſten Haaren wandelnde Dame u. ſ. w. Eines Tages hat ſie ihn mit ei⸗ nem Salat beſchenkt; dieſer Salat beſitzt, wie ſich von ſelbſt verſteht, alle Eigenſchaften jenes wunderbaren Krautes, welches den Glaucus in einen Meergott verwandelt, und wie dieſer, taucht der glücklich Liebende in einem Meer von Se⸗ ligkeit unter. Aber alles das iſt nicht die Sprache eines von wahrer Liebe ergriffenen Herzens, und dies um ſo weniger, als ſich noch ein Sonnett vorfindet, in welchem der Flatter⸗ hafte klagt, daß in ihm eine ehe die alte erloſchen iſt.

zwei Joche auf einmal zu tragen.

auf ſich nimmt, trägt an keinem ſchwer.

bekannten langen Canzonen, in welchen man das Geſtändniß

V

Novellen⸗Zeitung.

Feuilleton.

Uebrigens war zur Zeit Taſſo's die Sprache der Liebe

Aller Welt iſt die Legende von dem tragiſchen Geſchick in gewiſſe herkömmliche Formen eingezwängt, die abzuſtreifen

er nicht verſucht hat. Wortſpiele, Petrarca und den proven⸗

aliſchen Dichtern nachgeahmte, mit Metaphern abwechſelnde

Hyperbeln, etwas abgenutztes rhetoriſches Flitterwerk ſind in ſeinen Verſen im Ueberfluß vorhanden und entſtellen die neuen und piquanten Schönheiten eigener Erfindung. Auf

jeder Seite lieſt man von Perlmutterzähnen, von goldenen

Legende hat aber auch mehrere Varianten. Die Einen ſagen, Haaren, von Korallen⸗ und Carminlippen, ſchneeigen Buſen,

Nacken von Elfenbein, Haut von Lilien und Roſen, Augen, welche Sonnen ſind, wie Sirocco verzehrendem Odem, Thrä⸗ nen, die wie ein Liebesregen herabträufeln, und dann von Feſſeln, Ketten, Käfigen, Schlingen, Netzen, Garnen, Ban⸗

den, Pfeilen, Köchern, kurz von dem ganzen Arſenal Amors,

für ihn und ſeine Umgebungen läſtigen Fiſtelgeſchwürs in Alle dieſe längſt widerlegt worden und nur

Flammen und Eis nicht zu vergeſſen.Wie mag es ge⸗ ſchehen, ſpricht er zu ſeiner Dame,daß Ihr, die Ihr von Eis ſeid, mein Herz in Flammen ſetzt, und Euer Eis dieſe Flammen nicht löſcht? Welcher Zwieſpalt der Natur, daß Eis Gluthen entzündet und an ihnen immer härter wird! Dies ſind dichteriſche Phraſen, aber nicht der Ausdruck wah⸗ ren innigen Gefühls, nicht Worte, die vom Herzen kommen und zum Herzen dringen.Es iſt dies nicht der Fehler

eine lange Zeit ausſchließlich damit beſchäftigte, über die Ge⸗ Taſſo's, werden die Vertheidiger der Legende einwenden,

es iſt der Fehler ſeiner Zeit. Er ſchrieb eben in dem blu⸗ menreichen und gekünſtelten Style, welcher damals geſchätzt wurde, warum ſoll er dabei nicht wirklichen, tiefen Schmerz

empfunden haben, den er eben in ſolcher Weiſe beſang?

Hierauf iſt zu entgegnen, daß das wahre Gefühl in jeder der

Beweiſe, als ſeine begeiſterten Sonnette, ſeine zierlichen und

zu ſagen, den Zügel auf den Hals legen, und wenn ſie mit⸗

Kaiſers und der icalieniſchen Fürſten zu erlangen.

hinter uns liegenden Literaturepochen, wenn ſie auch einem noch ſo gekünſtelten und manierirten Geſchmack huldigte, ſei⸗ nen entſprechenden Ausdruck gefunden hat.

Womit aber ſoll man es ſich erklären, daß, wenn Taſſo Leonoren liebte, deren Tod, wie man ſeinen Briefen entneh⸗ men kann, nicht den mindeſten Eindruck auf ihn machte? Leonore iſt todt, und er beklagt nur ſeine verlorene Freiheit, verlangt, daß man ſeine Haft mildere und ihm Spaziergänge erlaube; er bringt einen Tag auf dem Schloſſe der ſchönen Marquiſe von Eſte zu und plaudert mit ihr und ihren Da⸗ men ganz gemüthlich über die Liebe. Leonore liegt im Grabe, und er macht Sonnette auf den Tod Johann's von Oeſterreich, auf eine Hochzeit, auf die ſchöne Pandolfine, welche er mit einer Wald⸗ und Flußnymphe vergleicht. Leo⸗ nore iſt todt, und er beſchäftigt ſich, ſeine Dialoge über Adel und Würde herauszugeben und dazu das Privilegium des Sie iſt todt, und er ſchreibt an ſeine Schweſter Cornelia, daß er ſich ſehr unglücklich fühle, weil ihn ſeine Gefangenſchaft am Ar⸗ beiten und an der Herausgabe ſeiner Werke hindere, und

ſechs Wochen nach ihrem Tode macht er Hippolyt Bentivo⸗

glio die bitterſten Vorwürfe, daß er das ihm anvertraute Manuſcript, womit er ſich einige hundert Thaler hätte ver⸗ dienen können, einem wahren Piraten von Buchhändler über⸗ laſſen hätte. Mit einem Worte, in ſeine Lectüre, ſeine Träume, ſeine Arbeiten, ſeine gegen Schickſal und Menſchen

neue Leidenſchaft auflodert, noch gerichteten Anklagen vertieft, ſcheint er es gar nicht zu bemer⸗ Es iſt zu viel, ruft er aus, ken, daß Wer aber zwei Joche V ſagt Ihr alle aber dazu,

Leonore nicht mehr unter den Lebenden weilt. Was die Ihr je geliebt habt?

Es giebt aber in Taſſos Leben noch einen dunklen