362 Novellen⸗
eine Frau halb vom Lager und rief freudig:„Biſt Du es, Carl?“ ſchaute raſch nach der Thür und ſank mit einem Seufzer wieder in die Kiſſen zurück. Zu ihren Füßen ſaß ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren, abwechſelnd eifrig an einem Bauernkleide nähend und wieder ſorglich und prüfend in das Ge⸗ ſicht der Kranken ſchauend. Auf dem Tiſche neben dem Bette ſtanden Arzneigläſer. Das ganze Zimmer hatte bei ſeiner Dürftigkeit das Gepräge des ſchön⸗ ſten Ordnungsſinnes. Der Boden war friſcher ge⸗ ſcheuert, als man in dieſem Dorfe erwarten konnte; auf dem Tiſche lag ein Teppich, dem man anſah, daß er einmal ſchön geweſen, und ſelbſt weiße Vorhänge fehlten nicht, um dem Ganzen den Ausdruck eines liebend waltenden Geiſtes zu geben.
Beim Eintreten der Fremden erhob ſich die Näh⸗ terin, eine ſchöne, zarte Geſtalt mit blaſſen Zügen und verweinten Augen, bei deren Anblick die Dame heftig zuſammenfuhr, und bot den Fremden Stühle neben ſich an.„Sie müſſen ſich aber mit der gerin⸗ gen Bequemlichkeit zufrieden geben,“ ſagte ſie mit wehmüthigem Lächeln,„doch was verſchafft uns die Ehre des Beſuches?“
Die fremde Dame näherte ſich dem Bette, erklärte der ſich erholenden Mutter das Zuſammentreffen im Walde und bat verlegen, ihnen zu Hülfe kommen zu dürfen. In dem Geſichte der Kranken wechſelte die Farbe, und die Nähterin ſenkte den Kopf tiefer auf die wiederaufgenommene Arbeit.
„Ich werde bis zu meinem nahen Tode keine Hülfe mehr brauchen. Aber ich ſterbe hart. Ich hin⸗ terlaſſe einen Sohn, der die Stütze ſeiner braven Schweſtern werden ſollte. Dieſen Mittag ſchon hätte er hier ſein können; von Stunde zu Stunde ging eines der Mädchen auf die Höhe, ob noch Nichts von ihm zu ſehen ſei, und jedesmal ſagte das ver⸗ weinte Geſicht der Rückkehrenden, daß mein Carl ſich nicht nach ſeiner ſterbenden Mutter ſehnt. O Gott, das iſt hart! Es iſt mein Schmerzensſohn: unter tauſend Kämpfen habe ich ihn auferzogen, mit der innigſten Mutterfreude ſah ich den ſchönen Knaben zum reichbegabten Jüngling heranwachſen, und er iſt jetzt mein verlorner Sohn. O, noch einmal möchte ich ihn ſehen; ich wollte vergeſſen, daß ich an den Pfor⸗ ten des Todes bin, das Gebet um Vergebung meiner Erdenſünden und um Seligkeit im Jenſeits würde auf meinen Lippen erſterben; ich wollte nur an ihn denken und zu ihm ſprechen.“
Mit einem Blick voll ſeliger Hoffnung ſchaute ſie in die Höhe und ſo, mit gefalteten Händen, ſah ſie aus, wie wenn ſie hinaufſtrebte zum Throne Got⸗ tes, um dort knieend all ihren Schmerz auszuweinen
auf. Carl bemerkte von dem Allen Nichts.
Zeitung.
und für ihren Sohn zu bitten. Dann fieel ſie er⸗
ſchöpft zurück; ängſtlich eilten die Schweſtern herbei
und ſahen in ein Geſicht, auf dem der Tod mit dem Leben ſtritt.
„Wie heißt Ihr Bruder?“ fragte der Herr das Mädchen.
„Carl Hermann.“
Bei dieſem Namen erzitterte Louiſe von B., denn das war die fremde Dame.
„Carl Hermann?“ fragte der Herr,„wohnhaft in X., in der Jakobsſtraße Nr. 552“
„Derſelbe.“
Und im Augenblicke auch war Herr von B. im Wirthshauſe und ſchickte von dort einen Boten zu Pferde in die Stadt an den Sohn der unglücklichen Wittwe.
Als er zurückkehrte, ſtanden die drei Mädchen noch um das Bett der Frau, die in einen erquicken⸗ den Schlaf geſunken zu ſein ſchien, und belauſchten aufmerkſam jeden ihrer Athemzüge. Nach einigen Minuten öffnete ſie die Augen, aber dieſe ſtarrten nur kraftlos in den leeren Raum; der Athem wurde unregelmäßig, die Lippen bebten ſchwach, und mit einem kaum hörbaren„mein Sohn!“ hatte ſie von der Welt Abſchied genommen.
Während die Fremden ſich um die Schweſtern bemühten, eilte der reitende Bote in geſtrecktem Ga⸗ lopp der Stadt zu, die er noch vor Tagesanbruch zu erreichen hoffte.
Zum erſten Male wieder ſeit langer Zeit trat Carl Hermann über die Schwelle des Univerſitätsge⸗ bäudes. Sein Eintritt in's Auditorium verurſachte ein allgemeines Erſtaunen. Die Einen ſchauten ihn neugierig an, wie wenn ſie das Wunder nicht begrei⸗ fen könnten, und getrauten ſich nicht, ihn anzureden, aus Furcht, ihn dadurch an die verfloſſene träge Zeit
unangenehm zu erinnern, die Andern zogen eine ſpöt⸗
tiſche Miene, ſagten aber Nichts, aus Furcht vor einer derben Antwort. Die Profeſſoren ſelbſt ſchienen bei ſeinem erſten Anblick das Concept des Vortrags zu verlieren, aber die meiſten unter ihnen nahmen den Faden mit der Miene der Zufriedenheit wieder Er ſaß da wie ein in menſchliche Geſellſchaft gerathenes Geſpenſt; auf ſeinem marmorbleichen Geſicht ſah man den Sturm, der in ihm arbeitete. Während
rings um ihn die Federn emſig über das Papier
fuhren, war er bald meilenweit weg in jener rauhen Gegend, wo die mit dem Tode ringende Mutter ſei⸗ ner harrte. Er konnte und wollte das Bild nicht von ſeinem Geiſte entfernen; er fühlte, daß er unrecht
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