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haglichen Bewohnern, mit ſeinen frühen Herbſtnebeln, durch die der hohle Wogenſchlag am Strande um ſo dämoniſcher dahinklingt, auch dieſe Naturſchilderungen ſind mit Wärme gezeichnet, wenn auch zuweilen romantiſche Uebertreibung und zu günſtige Farben weit über die Wahrheit hinausgehen.
Norderney wird mit der oſtfrieſiſchen Küſte durch jene ſchlammige, ſandige Untiefe verbunden, welche unter dem Namen Wat an dieſem und an noch einigen andern Punkten der Nordſee bekannt iſt. Die Ebbe legt hier den Meeres⸗ grund ſo bloß, daß man in ſolchen Stunden auf einem dazu wohl arrangirten Wege vom Feſtlande aus zu Wagen nach der Inſel hinüberfahren kann. Die kommende Fluth jedoch bedeckt dieſe Fahrſtraße ſechs bis zehn Fuß hoch mit Waſſer, bei Springfluthen und widrigen Winden noch höher. Es gehört Aufmerkſamkeit und eine genaue Ortskenntniß dazu, um auf dieſem Terrain ohne Gefahr als Seehunds⸗ oder Mövenjäger zu promeniren. Die Verfaſſerin läßt nun ei⸗ nen Badegaſt, einen ihrer Helden, den drohenden Elementen dieſes Wat anheimfallen, und man kann denken, zu welchen romantiſchen Spannungen und Nervenerregungen dieſes Aben⸗ teuer ihr willkommene Gelegenheit giebt. An mancherlei Outrirtheiten fehlt es im Gange der Darſtellung nicht, dech hat dieſe im Durchſchnitt etwas Gefälliges, und für anſpruchs⸗ loſe Leſer wird es dabei nicht an derjenigen Unterhaltung ge⸗ brechen, die man in der neuſten Salonnovelliſtik zu ſuchen pflegt. O. B.
Deutſchlands Ehre. 1813. Hiſtoriſcher Roman von Bernd von Guſeck. Leipzig, Hermann Coſtenoble. 1864.
Die gewandte novelliſtiſche Art, mit welcher Bernd von Guſeck ſeine Erzählungen gefällig zu ſchürzen und den Kno⸗ ten unter mancherlei Ueberraſchungen wieder zu löſen ver⸗ ſteht, iſt den Freunden ſeiner mit leichter Routine ge⸗ ſchriebenen Romane genugſam bekannt. Der Verfaſſer wen⸗ det ſich gern den militäriſchen Kreiſen zu und weiß deren Le⸗ bensintereſſen und geſellige Zuſtände glücklich zu ſchildern.
Was bei dieſer Edition mit Anerkennung hervorgeho⸗ ben werden muß, iſt beſonders die ehrenwerthe Wahl des hiſtoriſchen Stoffes, denn die Zeit von 1813 wird immer der Glanzpunkt unſerer modernen Geſchichte bleiben, und ſelten bewegten ſich irgend wann im öffentlichen Leben ſo poetiſch brauchbare und für den Erzähler ausgiebige Perſonen als in jener von Begeiſterung gehobenen Epoche.
Natürlich iſt ſowohl dieſer ganze geſchichtliche Hinter⸗ grund als auch faſt jede einzelne auf demſelben hervorra⸗ gende Geſtalt ſchon von andern Schriftſtellern benutzt worden; dennoch kann man dieſe patriotiſch⸗nationale Wahl des Ge⸗ genſtandes nur loben.
Guſeck hat es verſtanden, daraus eine Compoſition zu erbauen, die von herkömmlichen Vorlagen erfriſchend ab⸗ weicht und dem Blick des Publicums wieder manche neue Seiten der großen vaterländiſchen Action eröffnet.
In der Benutzung der Specialgeſchichte zeigt ſich Fleiß und Unſicht, ſo ſind z. B. ſehr intereſſante Aufklärungen über den geiſtesſchwachen Oſtermann und den faſt immer verkannten hochbegabten Eugen von Würtemberg dargebracht. Napoleon iſt ohne Caricatur gezeichnet, der Plan der Kriegs⸗ führung ſcharf kritiſirt und die phyſiſche Uebermacht der ver⸗ bündeten Armeen richtig hervorgehoben,— wichtige Einzel⸗
Novellen⸗Zeitung.
heiten, gegen die ſonſt gewöhnlich gefehlt wird. Schiller's Spruch:„Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht ihr Alles freudig ſetzt an ihre Ehre“ bezeichnet die Tendenz dieſes Ro⸗ mans und entſchädigt den Vaterlandsfreund für mancherlei Mängel, die ſich gegen die Ausführung der poetiſchen Kunſt⸗ form geltend machen ließen. O. B.
Auch Blut und Eiſen! Von Ferdinand Pflug. Leipzig, Verlag von Bernhard Schlicke. 1864.
Dieſer ſtarke ſehr elegant ausgeſtattete Band bringt drei geſchichtliche Novellen:„Schill in Gollnow“; Der Schulmeiſter von Hagelsberg“ und„An der Göhrde“.
Der Styl, in dem dieſe Erzählungen vorgetragen wer⸗ den, überraſcht oft durch eine bündige Kürze und ein gewiſſes Mark in der Ausdrucksweiſe, wodurch manche andere Schwä⸗ chen in der Conſtruction der Satzbildung übertragen werden.
Das Element, mit welchem der Verfaſſer hauptſächlich zu wirken ſucht und dem auch eine allgemeine Anerkennung entgegenkommen wird, iſt ein warmer, nationaler Patriotis⸗ mus, und man kann das deutſche Publicum nur darin be⸗ ſtärken, wenn es auch ſolche leichtgeſchürzte novelliſtiſche Er⸗ findungen gerne lieſt, die in ihrem hiſtoriſchen Hintergrunde auf die Großthaten ſelbſtbewußter deutſcher Kraft hinweiſen.
Das deutſche Volk kann gerade zur jetzigen Zeit eine Vor⸗
führung jener ſchönen Handlungsweiſe ſeiner Voreltern dop⸗ pelt gut gebrauchen, und Alles, was in Wort und Bild nach⸗ drücklich daran erinnert, empfiehlt ſich ſchon von dieſer Seite her dem Intereſſe der Leſer.
Eine elegante, ſehr lesbare Edition, wie ſie die Werke der genannten Verlagshandlung überhaupt auszeichnet, eig⸗ net ſich ſehr dazu, der Verbreitung dieſer vaterländiſchen Un⸗ terhaltungslectüre förderlich zu ſein. O. B.
Ein Urtheilsſpruch Waſhington's. Hiſtoriſcher Roman von Julius Bacher. Leipzig, Hermann Coſte⸗ noble. 1864.
In den achtziger Jahren, als Amerika ſeine junge Frei⸗ heit um einen ſchweren Blutpreis von der engliſchen Herrſch⸗ ſucht erkaufte, ſpielt dieſe geſchichtliche Darſtellung. Sie friſcht mit oft recht lebendigen Farben und mit löblich kos⸗ mopolitiſcher Tendenz die Erinnerung an jenen hochherzigen heldenmüthigen John André auf, der ſich einſt durch die höchſte Selbſtverleugnung große Verdienſte um England er⸗ warb, aber bei der damaligen Barbarei der Kriegsführung von einem tragiſchen Geſchick ereilt wurde. brachte man erſt vierzig Jahre nach ſeinem Tode unter König Georg III. 1820 nach London und ſetzte ſie zu andern He⸗ roen der Wiſſenſchaft, der Kunſt und der Thatkraft in der Weſtminſterabtei bei.
Wir haben ſchon oftmals weiter ausgeführt, wie die moderne Art hiſtoriſche Erzählungen zu ſchaffen etwas Locke⸗ res hat, ſo daß oft Geſchichte und Novelle verbindungslos, ja nicht ſelten zwecklos, neben einander hergehen.
Dieſe Zeiterſcheinung iſt auch hier nicht ganz vermie⸗ den; wohl aber bringt es der feſſelnde Stoff mit ſich, daß die freie Erfindung des Autors feſter an die hiſtoriſchen Vor⸗ lagen gebunden wird. Für den Leſer eröffnen ſich in die⸗
Seine Leiche
Ciue
Erſchein jeden —
ſen Begebenheiten einer merkwürdigen Zeit intereſſante poli⸗
tiſche Perſpectiven, die der realiſtiſchen Unterhaltung für O. B.
größere Kreiſe keinen Abbruch thun.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ollo Friedrich Dürr in Leipzig.— Verlag der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig.— Druck von A. Edelmann in Leipzig⸗
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