Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
71
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Er intereſſirt ſich für die Manövers und ohne Karte begreift er ſie nicht... ſtotterte Victor.

Franceschi ſah den Freund ſtarr an.

Du nimmſt alſo mit dem Marquis unſere Manöver, unſre Stellungen und, Gott verzeih mir meine Sünden, auch unſre Stärke an Mannſchaft und Waffen durch? Biſt Du wahnſinnig, Victor? Weißt Du nicht, wie man dergleichen in gutem Fran⸗ zöſiſch nennt?

Der Schaluppencapitain ſah genau ſo betroffen auf, wie Jemand, der inne wird, daß er einen bedeutend einfältigen Streich gemacht hat. Den Augenblick darauf ſchien er ſich jedoch ſchon wieder zu beruhigen.

Jetzt aber nicht weiter, Joſeph, ſagte er lachend, ſonſt machſt Du den armen La Ferroux, den einfach die Langeweile verzehrt, zum feindlichen Spion und Deinen Victor zum Vaterlandsverräther. Jetzt wird Dein Argwohn, eben weil er keine Grenzen kennt, beluſtigend.

Nein, fürchterlich, Freund! Du biſt beſſer benutzt, als ich glaubte. Hier muß Energie angewandt wer⸗ den, oder Du biſt, ſo wahr ich lebe, verloren. Und dieſer Fuchs da drüben ſoll mir nicht entgehen, mordious!,

Er deutete mit der Hand nach einem unweit des Strandes liegenden kleinen maſſiven Gebäude, welches, von zwei Linden überſchattet und von einem Gärtchen umgeben, das an ein kleines anmuthiges Gehölz ſtieß, in der Dämmerung einen reizenden Anblick gewährte. Victors Augen hafteten wie durch einen Zauber gefeſſelt auf dieſer Wohnung, die ſeine Geliebte umſchloß. Er hatte bereits Alles außer ſeiner Liebe zu Blanca La Ferroux wieder Unwillkürlich ſtreckte er die Hand aus und flüſterte:

Auf grüner Küſte ſteht Ein kleines Haus; Vpon Linden überweht, Schaut's nach den Wogen aus, Die rollen wild am Strande, Im feuchten Meeresſande.

Opfer und kehre wieder um.

Folge. 71

Noch hat Dich, da die Wohnungen nach jener Seite die Fenſter haben, Niemand bemerkt. Laß mich allein mit dieſem

Emigranten verhandeln und bei ihm die Karten

abholen.

Victor ward ziemlich verlegen.

Franceschi, ſagte er, zwar mit gedämpfter Stimme, aber ſo entſchieden als möglich,eben dieſe Bitte, wenn Du willſt, dieſe Forderung muß ich an Dich richten: Du kannſt nicht mit in jenes Haus gehen. Weißt Du, Du haſt dem Marquis zu rück⸗ ſichtslos widerſprochen, und er hat mir verboten, Dich je wieder bei ihm einzuführen. Warte alſo einen Augenblick, ich bin ſogleich wieder zurück.

O, jetzt iſt's aber ſicher wie das Evangelium! antwortete der Gascogner.Alſo hat der Fuchs ge⸗

ochen, daß ich eine Naſe beſitze, die für ihn zu fein

iſt? Hat er wirklich? Geh nur, geh nur. Ich warte ſchon. Aber ſag Deinem edlen Freunde, er werde mir dennoch nicht entgehen. Der Schaluppencapitain eilte in's Haus. Franceschi aber zog ſich, in tiefen Gedanken ſei⸗ nen Flaum auf der Oberlippe wiſchend, zurück und beſchrieb einen Kreis, um in das Gehölz zu gelangen.

Von hier aus konnte er auf die erleuchteten Fenſter

des Gebäudes blicken. Er nahm, unweit des Garten⸗ gitters, an einem dichten Haſelbuſche ſeine Stellung, zog ſein Nachtglas hervor, rieb den Spiegel deſſelben mit dem Zipfel ſeines ſchwarzſeidenen Halstuches und ſchob den Hut zur Seite, um ſo genau wie möglich zu ſehen, was im Innern des Zimmers

oorging.

So mochte er einige Minuten geſpäht haben, als er Tritte und ein Geräuſch hörte, als wenn Je⸗ mand durch das Gebüſch käme und die Zweige und Blätter ſtreifte. Der Gascogner kauerte ſich lauſchend nieder. Einige Augenblicke ſpäter ward er Zeuge eines Geſprächs und eines Auftrittes, die ſeine ganze

Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen und ihm auf

höchſt unerwartete Weiſe einen Theil der Räthſel löſten, welche er bei dem Marquis und dem Fräulein

La Ferroux ſo eigenſinnig vorausgeſetzt hatte.

Der junge Flottencapitain ſchien Empfindungen bemeiſtern zu können.

Franceschi ſtörte ihn gewaltſam auf, als ſie an das niedrige eiſerne Gitter gelangt waren, welches das Gärtchen einfriedigte.

Hörſt Du? ſagte er.Du wirſt ſo wenig wie möglich mit dem Marquis ſprechen, ſondern mir das Wort laſſen. Ich will dies ergründen; ich will meinen Mann ausholen, und es wird mir gelingen! Oder noch beſſer, Victor, bring' Deinem Joſeph ein

kaum ſeine

Inzwiſchen war Victor bei dem Marquis ein⸗ getreten.

Er befand ſich in einem zwar kleinen, aber deſto koſtbarer decorirten und möblirten Gemache. An dieſen Möbeln, an der ganzen Zimmerausſtattung erkannte man das Jahr 1804 nicht. Die ungeheuren Um⸗ wälzungen, welche die Revolution in Sachen des Ge⸗ ſchmacks und der Mode bewirkt hatte, waren hier vollſtändig ignorirt. Man glaubte ſich in dieſem Zimmer in's Jahr 1780 zurückverſetzt.