Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
820
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Bildern. Aber in der langen Gallerie, die uns aus der folgenreichen Zeit überkommen, welche zu der unſerigen als die ſo bedeutungsvolle Uebergangsperiode zu betrachten iſt, giebt es noch manche Lücken, die Jeder, dem ſich die Gelegenheit dazu darbietet, im Intereſſe der nach Wahrheit ſtrebenden Zeitgenoſſen zu ergänzen ſich angelegen ſein laſſen ſollte!

Das Lever.

Es war am Tage nach dem Oſterfeſte des Jahres 1711, als Ludwig XIV., welcher den größten Theil des Winters in ſtrenger Selbſtbetrachtung hin⸗ gebracht hatte, einen großen Hoftag in Verſailles anſagen ließ.

Es bedarf wohl keiner Erwähnung, daß jeder Saal des prächtigen Schloſſes, von den äußerſten Vorhal⸗ len bis zur weltbekannten goldenen Gallerie hinauf, dichtgedrängt mit denen angefüllt war, die danach rangen, ſich des langentbehrten Sonnenſtrahles wieder einmal zu erfreuen. Hofleute, welche ſchon ſeit vielen Jahren ihre Gallakleider nicht mehr angezogen hatten, Erbinnen, die während ihrer Jugendblüthe Schönheiten geweſen waren in der früheren Zeit dieſer ſo lange dauernden Regierung ſie alle kamen an dieſem Tage im allerſchönſten Glanze zum Vorſchein. Man ſah eine eben ſo zahlreiche als ſeltſam gemiſchte Ge⸗ ſellſchaft, in der ſich die Genoſſen der königlichen Jugendvergnügungen mit den höchſten Notabilitäten, welche dem Hofe zur Zierde gereichten, in buntem Zuſammen vereinigt hatten, um den Schimmer eines zu jener Zeit an ſich ſo impoſanten Hoftages zu erhöhen.

In einer entfernten Ecke des ſtrahlenden Audienz⸗ ſaales bemerkte man eine Gruppe ſehr ſchöner junger Frauen, aus deren Lächeln und ungezwungener Hal⸗ tung deutlich zu erſehen war, daß ſie ſich nicht eben allzuſtreng an die ſteife Etiquette banden, unter deren Formen der übrige Theil der Verſammlung eiſig erſtarrt ſchien.

In der Mitte dieſes fröhlichen Kreiſes ſtand eben ſo hervorragend durch blendende Schönheit als durch ihre königliche Haltung Frau von St. Cerets, eine Wittwe von zwanzig Jahren. Sie hatte das bedeutende Ver⸗ mögen des alten Herzoges, ihres verſtorbenen Ge⸗ mahles, geerbt und war jetzt erſte Hofdame einer Herzogin von Burgund.

Ein leichter Scherz belebte die liebenswürdige Gruppe, und während ihres die franzöſiſchen Damen ſo eigenthümlich charakteriſirenden Lächelns tauchte eine neue Figur im Kreiſe auf, deren zarte jugend⸗ liche Züge die Uebrigen mit entgegenkommender Freundlichkeit zu betrachten ſchienen. Auf den erſten

Novellen⸗Zeitung.

Blick erkannte man eine auffallende Aehnlichkeit in!der König!

den Zügen der ſchönen Herzogin und in denen des Jünglings. Ein ſtarker Familienzug ſchwebte um die dunkeln und etwas tief liegenden blauen Augen beider, während man ſich bei der ſichtbar unter ihnen beſte⸗ henden Freundſchaft auf den erſten Blick hätte verſucht fühlen mögen, das Paar für Geſchwiſter zu halten.

Von dieſer flüchtig gefaßten Meinung kam man jedoch ſchnell zurück, ſobald man den ſich jetzt dem Kreiſe nähernden königlichen Pagen bemerkte, der in haſtigem Tone ausrief:

Wo iſt Monſieur le Marquis de Boufflers? Mein Gott, Monſieur, was verweilen Sie noch hier? Ihro Majeſtät werden im Augenblick erſcheinen, und der Herr Marſchall Ihr Vater ſucht Sie ſchon ſeit einer Viertelſtunde.

In demſelben Augenblicke theilte ſich die Gruppe, und hervor trat ein elegant gekleideter, ſchlanker Jüng⸗ ling von etwa funfzehn Jahren, der vergeblich bemüht ſchien, die faſt weibliche Schönheit ſeiner Geſichts⸗ züge hinter dem kriegeriſchen Ernſt eines Mousque⸗ taires zu verſtecken. Ehe er dem Pagen folgte, blieb er vor der Herzogin ſtehen, nahm ihre Hand und drückte ſie, ſich verbeugend, mit den Worten an ſeine Lippen:

Au revoir, meine liebenswürdige Couſine. Sie haben ſich heute ganz herrlich auf meine Koſten di⸗ vertirt; nehmen Sie indeſſen mein Wort darauf, wie ich bemüht ſein werde, Ihnen in kurzer Zeit zu be⸗ weiſen, daß ich ein Mann bin.

Während bei dieſen Worten ein leichtes Geläch⸗ ter in dieſer von der anderen Geſellſchaft iſolirten Gruppe hörbar wurde, ſagte ein hoher, ſchöner Mann unter ſpöttiſchem und verächtlichem Blick ſo laut, daß man es faſt durch den ganzen Saal vernehmen konnte:

Téete bleue! Seht mir doch den drolligen kleinen Burſchen dort, mit ſeiner ritterlichen Galanterie. Ich würde den Rath ertheilen ihm die Ruthe zu geben für ſolche frühzeitige Talente.

Der junge de Boufflers, welcher eben im Begriff war den Saal zu verlaſſen, blieb, ſobald dieſe harten Worte ſein Ohr trafen, auf der Stelle ſtehen und drehte ſich dann kurz um, ſeines Gegners Angeſicht zu ſehen. Dann warf er das mit koſtbaren Reiher⸗ federn geſchmückte Barret auf den Kopf und legte die Hand an den kleinen harmloſen Staatsdegen an ſeiner Seite, indem er einen ſtolzen, verächtlichen Blick auf den Sprecher warf. Aber in demſelben Augenblick wurden die Flügelthüren aufgeworfen, und der dienſt⸗ thuende Kammerherr verkündigte mit lauter Stimme: