Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
805
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Dierte ſeine Gewohnheit, die Arme ausbreitete und dann den jungen Mann bewegt an ſein Herz zog.

Willkommen in der Heimath! rief er, und ſetzte heiter hinzu:hier ſteht auch meine Clotilde, um Sie ebenfalls von Herzen willkommen zu heißen.

Dieſer floſſen die Thränen wie milde Thautropfen an den Wangen herab, während ſie doch gleichzeitig auch wieder den Grafen ſo liebevoll und ſo ermuthi⸗ gend anblickte, daß dieſem ſelbſt die Augen übergingen und es ihm war, als wenn er zu einem neuen ſeligen Leben erwache.

Es wurde unſerem Bekannten aber noch eine andere Ueberraſchung zu Theil.

Herr von Grünthal trat nämlich plötzlich lächelnd zwiſchen das Paar und deſſen Hände ergreifend und dieſe zuſammenfügend, ſagte er:

So, da habt Euch endlich, denn wenn alle Welt Frieden macht, ſo wollen wir auch nicht die Letzten ſein! Clotilde iſt mein einziges Kind, und es wäre am Ende doch wohl eine Sünde, wenn ich ſie nicht ſo glücklich machen wollte, wie ſie es verdient. Habe ſie genug gequält mit dem ſchlechten Patron, dem Bohnſtädt, dem nur die Güter hier in der Naſe ſteckten, und welcher ſeinen Monarchen jetzt, w es demſelben unglücklich geht, verlaſſen hat und in die Dienſte des neugebackenen Königs von Weſtphalen getreten iſt.

Der alte Herr ſchnitt ein Geſicht, welches ihm diesmal aber ganz gut ſtand, da ſich darin ſein pa⸗ triotiſches Gefühl ausſprach, bald aber heiterte ſich ſeine Stirn wieder auf, und ſich zu dem jungen Paare wendend, ſagte er lächelnd:

Nun, ich denke, Ihr werdet Euch ſo Manches zu erzählen haben und es daher nicht übel nehmen, wenn ich Euch auf ein Stündchen verlaſſe.

Wir brauchen dem Leſer wohl eigentlich kaum erſt zu bemerken, daß Clotilde und ihr Verlobter hierüber keinesweges ungehalten waren, und daß ihnen auch während dieſes Alleinſeins die Zeit nicht lang wurde..

Der Kanzleirath Gotthelf war im Herbſt nach Berlin zurückgekehrt und hatte wieder ſeine alte Woh⸗ nung in der Charlottenſtraße bezogen.

So wie wir ihn dort zum letzten Mal ſahen, ſo ſaß er auch jetzt wieder, mit der weißen Halsbinde und das ſchwarze Sammetkäppchen auf dem mit Sil⸗

berhaar bedeckten Haupt, in dem bequemen Lehnſtuhl

und machte ein Geſicht, welches von ſeiner inneren

Behaglichkeit Zeugniß ablegte.

Alles, wie wir es verlaſſen haben, ſagte er zu

Hedwig, die am Fenſter ſaß und von Zeit zu Zeit einen unruhigen Blick auf die Straße warf,nichts

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zolge. 805 hat ſich verändert, es iſt gerade, als wenn die Leute gewußt hätten, daß wir wieder kommen würden. Sogar der Buchfink, welcher auf der Linde im Gar⸗ ten jedes Jahr ſein Neſt baut und gewohnt iſt, alle Morgen von Dir gefüttert zu werden, hat heute ans Fenſter gepickt und einen langen Hals gemacht, als wollte er ſagen: Da ſeid ihr ja wieder; nun, ich heiße euch herzlich willkommen und denke, ihr werdet mich auch ferner nicht vergeſſen.

O, entgegnete Hedwig mit einer Wärme des Gefühls, welche weit über den Gegenſtand, um den es ſich handelte, hinausging,es thut dem Herzen wohl, wenn man weiß, daß man von denen die man liebt, nicht vergeſſen worden iſt.

Hm, ſchmunzelte der Alte, indem er einen pfiffigen Blick auf ſeine Tochter warf,und ſo wie der Buchfinke da draußen ſein Neſt baut, ſo iſt es die Beſtimmung des Menſchen, ſich einen häuslichen Heerd zu begründen und ſich eine Lebensgefährtin zu ſuchen, mit der er Leid und Freud theilen kann.

Hedwig erröthete und ſchlug ſchüchtern die Augen nieder, ohne eine Antwort zu geben.

Meine Kräfte ſind aufgebraucht, fuhr der Kanz⸗ leirath fort,ich habe dem Staate fünfzig Jahre ge⸗ dient und ich denke, es iſt mir wohl zu goͤnnen, wenn ich Anſtalt mache, die paar Jahre, welche ich noch zu leben habe, in Ruhe zu genießen.

Gott wird Sie mir hoffentlich noch recht lange erhalten, antwortete Hedwig in ihrer warmen, zum Herzen dringenden Weiſe.

Wie es dem Herrn da oben gefällt, ergänzte der Kanzleirath.Wenn ich aber nicht mehr bin, fuhr er fort,ſo bedarfſt Du einer anderen Stütze, meine Tochter.

Hedwig erröthete hier abermals und ſagte:

Ich hoffe ſie auch zu finden.

Jetzt verbreitete ſich über die Züge des alten Herren ein gemüthliches Lächeln, und heiter mit dem Finger drohend, rief er:

Du, Du! Ich glaube am Ende, daß Du bereits hinter das Geheimniß gekommen biſt.

Ein Geheimniß? rief beſtürzt das junge Mädchen, indem es bis an die Schläfe roth wurde; doch nein, Sie ſcherzen, Sie ſind heute bei guter Laune und wollen ſich einen Spaß mit mir machen..

Bei guter Laune bin ich allerdings, erwiderte der Kanzleirath,aber von Scherz iſt hier nicht die Rede. Du ſollteſt alſo wirklich bisher nicht gemerkt haben.. 2

Aber mein Gott, ich verſtehe Sie wirklich nicht.

Hm, hm, lachte von Neuem Herr Gotthelf

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