Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
624
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624 Novellen⸗Zeitung.

ſchlägt er ſeine Arme übereinander und ſitzt ſchweigend da, ſpricht nur ſelten zu ſeinen Nachbarn, und ſcheint ſel⸗ ten zu bemerken, was vorgeht. Wenn er ſich auf eine Rede vorbereitet hat, ſo bemerkt man, daß er weit früher als gewöhnlich kommt, da er es liebt, vor der Eßſtunde zu ſprechen, wo dann ſein Gedächtniß ihm natürlich beſſer zu Dienſten ſteht, als zu einer ſpätern Abendſtunde, nach⸗ dem er ſtundenlang die heiße Luft des Hauſes und den ſtͤrenden Einfluß einer belebten Debatte ausgehalten hat. Man kann auch beobachten, daß bei ſolchen Gelegenheiten eine größere Anzahl von Mitgliedern als gewöhnlich im Hauſe iſt. In der Discuſſion entſteht eine Pauſe, und er erhebt ſich oder ſpringt vielmehr von ſeinem Sitze auf, und verſenkt ſich ſofort ins Herz ſeines Gegenſtandes, ohne Ein⸗ leitung oder apologetiſche Vorrede. In der That hat man ſchon ein paar Secunden eine eintönige und ziemlich ſchrille Altſtimme mit unbegreiflicher Geſchwindigkeit Worte hervor⸗ ſprudeln hören, ehe man weiß, daß ein neuer Redner, und zwar einer von nicht gewöhnlichem Range, ſich an der Debatte betheiligt. Noch ein paar Secunden, und Beifallsrufe vielleicht aus allen Theilen des Hauſes erwecken uns voll⸗ ſtändig aus unſerer Apathie, zwingen uns, der äußerſt fließen⸗ den und nicht ſehr verlockenden Stimme in ihrem ſchleunigen Laufe durch den Gegenſtand zu folgen, auf welchen der Red⸗ ner dem Anſcheine nach mit dem feſten Entſchluß eingeht, nie aufzuhören. Man denkt an einen Courierzug, welcher ſelbſt nicht an den Hauptſtationen anhält. Vorwärts, vor⸗ wärts eilt er, in vollem Vertrauen auf ſein eigenes Gewicht, hält niemals ſtill, um Worte oder Gedanken zu ſuchen, pau⸗ ſirt keinen Augenblick, nicht einmal um Athem zu ſchöpfen, während ſein Verſtand neue Kraft im Vorwärtsſchreiten ſammelt, den Gegenſtand nach ſich zieht mit allen nur mög⸗ lichen Atributen und Bildern, mit der Stärke eines Rieſen, und einen Lichtſtreifen auf dem Wege zurückläßt, welchen ſein Geiſt durchwandelt hat, bis er, unerſchöpft und allem An⸗ ſcheine nach unerſchöpflich, dieſe bemerkenswerthe Anſtrengung mit einem Schluß zu Ende bringt, welcher in declamatoriſcher Kraft ſo hoch gehalten iſt, ſo von Bildern ſtrotzt, ſo ausge⸗ zeichnet dazu geſchaffen iſt, die ganze Rede zu krönen und feſtzuſtellen, daß die Ueberraſchung, ſelbſt wenn ſie ange⸗ fangen hat aufzuhören, von Neuem beginnt, und der Zuhörer vollſtändig durch den Wirbelwind von Ideen und Emotionen, welcher über ihn dahin gefahren iſt, niedergeworfen iſt. Der Hochtory, Profeſſor Wilſon in Edinburgh, be⸗ ſchreibt ihn in ſeinenNoctes Ambrosianae dagegen wie folgt:Ein ſcheußlich häßlicher, ſchiefer, plattfüßiger, unge⸗ ſtalteter kleiner Kloß, mit einem Geſicht ohne Züge, ausge nommen eine gute große Stirn, glattem, puritaniſchem, ſan⸗ digem Haar, großen glimmenden Augen und einem Munde, der von einem Ohr zum andern reicht ſo ſteht er da und lispelt und ſummt und ſpricht dick und belegt mehrere Minu⸗ ten lang, bevor er in den Schwung ſeiner Rede hineinkommt; aber weiter hin kann nichts blendender ſein, als ſeine ganze Ausführung. Was er ſagt, iſt dem Inhalt nach reiner Unſinn und Dummheit; aber es iſt ſo wohl geſetzt und fließend vor⸗ getragen; es giebt eine ſolche endloſe Kette von Epigrammen und Antitheſen, ein ſolches Blitzen von Epitheten, eine ſolche Anhäufung von Bildern, und dabei iſt die Stimme ſo trom⸗ petenhaft und der Vortrag ſo grotesk, daß man eine Nadel im Unterhauſe könnte fallen hören. Es iſt ganz klar, daß er

wenigſtens die Haupttheile der Rede auswendig weiß, aber dafür lobe und preiſe ich ihn noch mehr. Durchweg war der Eindruck, den er auf mich machte, weit mehr, als ich er⸗ wartet hatte. 9.

Kleine Aritiken.

Ruſſiſche Revue. Herausgegeben von Wilhelm Wolfſohn. 2. Band, 1. Heft. Leipzig, Steinacker.

Mit dieſem Hefte beginnt der zweite Band dieſes treff⸗ lich geführten Unternehmens, über das wir ſchon mehrmals ausführlicher geſprochen haben.

Die Leſer werden darin beſonders als angenehm unter⸗ haltende Lectüre eine für Rußland und ruſſiſches Leben ſehr charakteriſtiſche NovellePaul vom Grafen Tolſtoy finden, der ſich ſchon durch verſchiedene literariſche Productionen von hervorragender geiſtiger Tendenz und frappantem Gehalt in und außer Rußland beliebt gemacht hat. Uebrigens iſt dieſer Autor Leon Tolſtoy nicht mit dem liebenswürdigen Dichter desDon Juan Alexis Tolſtoy zu verwechſeln, der neuerdings auch auf dem Gebiete der Erzählung Glückliches geleiſtet hat.

Außer dieſem belletriſtiſchen Beitrag enthält auch dieſes Heft der Revue eine umſichtige Beachtung ruſſiſchen Strebens in Staat und Volk, und immer bemerkt man in dem Unter⸗ nehmen mit Vergnügen den geiſtvollen Blick und die ſolide Durcharbeitung des Herausgebers. O. B

Valjean. Drama in zwei Abtheilungen mit einem Vorſpiel, nach Victor Hugo's Romandie Armen und Elenden von Charles Hugo. Für die deuiſche Bühne bearbeitet von Dietzmann. Leipzig, bei Steinacker. 1863.

Derſelbe Ueberſetzer, welcher bereits das große Proſa⸗ epos Victor Hugo's übertrug, bearbeitete auch dieſes Schau⸗ ſpiel Karl Hugo's mit vielem Geſchick in der Sprache.

Der Dichter Victor hat dem Nachdichter Karl eine ſo detaillirte Vorlage in der bekannten Hauptepiſode oder viel⸗ mehr Grundlage der ganzen Erzählung gegeben, daß es oft möglich wurde, den Dialog Wort für Wort zu benutzen und nur einen theatraliſchen Rahmen durch die Scenerie darum zu legen. Zuweilen ſind einige Züge hineingedichtet und die Mo⸗ tivirungen nach dramatiſchen Bedürfniß ein wenig geändert. Auch hierbei bekundet ſich jenes savoir faire, welches einem talentvollen Franzoſen ſtets eigen zu ſein pflegt. Die ganze Arbeit hat etwas Leichtes, und bei dem ungeheuren Fond moraliſcher Wirkung und bei der Kraft der Charakterzeichnung, die in dem Urbilde liegt, kann es nicht fehlen, daß auch auf der Bühne ſehr ſtarke, überraſchende Effecte zu Tage treten werden.

Wahrſcheinlich wird weniger die dramatiſche Abrun⸗ dung, an der es hier und da fehlt, als der Drang vieler Schauſpieler, ſo markige Perſönlichkeiten darzuſtellen, zu ver⸗ ſchiedenen theatraliſchen Verſuchen führen, und ich bin über⸗ zeugt, daß dieſe bei einzelnen Scenen ſo brillante Reſultate geben, daß dadurch viele Schwächen und plane Stellen über⸗ tragen werden. Merkwürdig iſt übrigens, daß das manie⸗ rirte Element, welches in dem gewaltigen Roman enthalten iſt, in dieſer dramatiſchen Form viel ſtörender und nackter als in der proſaiſchen hervortritt. Die Berechnung der Effecte fängt an peinlich zu wirken, ſelbſt da wo die letztern unſer Gefühl gefangen nehmen. O. B.

Redigirt unter Verantwortlichleit von Ouio Sriedrich Dürr in Leipzig. Verlag der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig.

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