Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
614
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614 Novellen

wir nicht ſcheiden, fuhr er fort,Ihr habt meine ſchroffen Worte gehört, hört nun auch die verſöhnen⸗

den, hört die Bitten eines Mannes, der es gut mit

Euch meint. Kommt her, ſetzt Euch wieder, ich will Euch ein Frühſtück bereiten; ſo laſſe ich Euch nicht gehen!

Arthur, den der geneigte Leſer ſchon längſt in dem Fremden erkannt haben wird, ließ willenlos Al⸗ les mit ſich geſchehen, ſchweigend nahm er Platz und das Antlitz in ſeine Hände bergend blieb er in tiefes Sinnen verſunken, bis Koch, der ſofort eine Kaffee⸗ maſchine angezündet hatte, das dampfende Getränk auf den Tiſch ſtellte.

So, ſagte er,jetzt bedient Euch, hier habt Ihr Kaffee, Butter und Brod, nehmt vorlieb mit dem, was ich Euch bieten kann.

An der Haſt, womit der Dichter über das Früh⸗ ſtück herfiel, bemerkte er wohl, daß es dieſem ſchon ſeit einigen Tagen an ordentlicher Nahrung gefehlt haben mußte, und er empfand ein inniges Mitleid mit dem ſo ſehr heruntergekommenen Manne.

Ich danke Euch, hob Arthur an, nachdem er ſeinen Hunger geſtillt hatte,es war ſeit drei Tagen die erſte ordentliche Mahlzeit. Ja, es iſt weit mit mir gekommen, fuhr er bitter fort,in den achtzehn Monaten habe ich Manches erfahren müſſen. Als ich hierher kam, glaubte ich mit meinen Kenntniſſen die Welt erobern zu können, aber bald ſollte ich enttäuſcht werden. Nach wochenlangem Hin⸗ und Herrennen ge⸗ lang es mir endlich, einen Poſten in einem Waaren⸗ geſchäfte zu erhalten, der mir kaum das trockene Brod einbrachte; mein Prinzipal war ein roher, ungebil⸗ deter Menſch, Tag und Nacht mußte ich arbeiten, und als ich einmal eine Viertelſtunde ſpäter in's Geſchäft kam, als es ausbedungen war, ward ich augenblicklich entlaſſen. Ein Handwerk kannte ich nicht, die Kauf⸗ leute wollten mich nicht beſchäftigen, und um nicht Hungers ſterben zu müſſen, kehrte ich die Gaſſen.

Arthur ſchwieg eine Weile, dann fuhr er in ſar⸗ kaſtiſchem Tone fort:Eine ſchöne Carrière, nicht wahr? Der erſte Buchhalter eines der größten Bank⸗ geſchäfte, der gefeierte Dichter, der feine Salonmenſch, und Gaſſenkehrer! Doch, das iſt hier nichts Ungewöhnliches, und ich ſelbſt gewöhnte mich bald an das Geſchäft, welches ich ſonderbarer Contraſt! im Salonanzuge verrichte. So weit habe ich's ſchon gebracht; ob ich noch tiefer ſinken werde, muß die Zukunft lehren.

Aber warum habt Ihr keine Nachricht von Euch gegeben? fragte Koch,warum habt Ihr nicht an Reichendorff geſchrieben?

Glaubt Ihr, ich wolle mich von meinem Weibe

Zeitung.

unterſtützen laſſen? brauſte Arthur auf.Ich habe mit der Vergangenheit gebrochen, ſelbſt meinen Na⸗ men vergeſſen; wäre ich hier ein reicher, angeſehe⸗ ner Mann geworden, vielleicht würde ich dann ſpäter aus der Verſchollenheit noch einmal aufgetaucht ſein, ſo aber, als Vagabund niemals!

Koch ergriff die Hand des Dichters.Kehrt zurück, erwiderte er mild,kehrt heim in Eure Hei⸗ math, zu Eurem Weibe, Euren Kindern! Ihr habt gebüßt, ſchwer gebüßt, und die Buße wird Euer Herz geläutert haben! In Eurer Heimath ſitzt ein lie⸗ bes, treues Weib daheim in ihrem kleinen, traulichen Kämmerchen, ihr Geiſt weilt bei dem Bilde des Gat⸗ ten, indeß ſie den horchenden Kindern von dem unter dem Raſen ruhenden Vater erzählt. Vor ihr liegt eine Stickerei, an der ſie arbeiten muß, um die Kin⸗ der ernähren und kleiden zu können, und ſie thut es unverdroſſen bis in die ſpäte Nacht, unbekümmert darum, daß ihre Augen ſchwächer und ſchwächer wer⸗ den, daß den erſchöpften Körper ſchon die langſam ſchleichende, tödtliche Krankheit arfaßt, und die Kin⸗ der bald allein in der Welt ſtehen werden und dann im Waiſenhauſe ihre ſchöne Jugendzeit verbringen müſſen. Und der Gatte jener ſorgſamen, braven Mutter, der Vater jener armen, hülfloſen Kinder, treibt ſich in der Fremde herum und ſtößt das Glück, das ihm daheim in den Armen ſeiner ihn noch immer ſo heiß liebenden Gattin, im Kreiſe ſeiner lieblichen Kinder blüht, mit rauher, pflichtvergeſſener Hand von ſich. Ja, er raubt ihnen noch den letzten Troſt, ſie ſollen nicht wiſſen, daß er noch lebt, ſollen nicht hoffen dürfen, daß er je wiederkehren konnte

Haltet ein! fiel ihm Arthur in die Rede. Wollt auch Ihr mein Herz foltern?

O, daß ich es könnte, fuhr Koch fort, indem er ſeine Hand auf die Schulter des Dichters legte und ihm ernſt in's Auge ſah,daß ich es gewaltſam aufrütteln könnte aus ſeinen Feſſeln, mit denen es eine unſelige Leidenſchaft gefangen hält! Kehrt zurück, Winter, Euer Weib wird Euch mit offenen Armen empfangen, Eure Kinder werden ſtürmiſch an Euer Herz fliegen, und Ihr werdet bei ihnen gewiß bald den ganzen wüſten Traum, der Eure Seele be⸗ fangen hielt, vergeſſen!

Ja, wenn ich wüßte, daß drüben noch ein Herz für mich ſchlüge vielleicht

Ein Herz? fragte Koch,glaubt Ihr, Eure Angehöͤrigen hätten Euch vergeſſen? Glaubt mir, ich bin nicht gelehrt, habe aber auch Menſchen kennen

gelernt, kehrt zurück, und wenn Ihr dann nicht wieder

glücklich werdet, dann muß Euer Herz keiner Regung mehr fähig ſein! Denkt Euch das Bild, welches ich

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dag