576 Novellen⸗
Misvrellen.
Louvois, Ludwig's XIV. Staatsſecretair und Kriegs⸗ miniſter, befand ſich einſt, was bei ihm oft der Fall war, in größter Geldverlegenheit. Er begiebt ſich zu einem reichen Manne, um ihn um ein Darlehn von 30,000 Livres zu bitten, was er ihm baldigſt zurück zu erſtatten verſpricht, da ſein Onkel de Courtenvaux, deſſen Erbe er geworden, ſoeben geſtorben ſei. Man verſpricht ihm die Summe und verlangt nur zwei Stunden Aufſchub. Louvois aber, überzeugt, daß dieſe Zeit genüge, um Erkundigung einzuziehen, daß ſein Onkel noch am Leben und friſch und geſund ſei, eilt in deſſen Hötel, ſchickt den Portier mit einigen Aufträgen aus, geht nach deſſen Loge, zieht die Livree an, wirft das Bandelier um und vertritt die Stelle des Portiers zwei Stunden hindurch, wobei er Jedem, der ſich nach dem Befinden des Hrn. von Courtenvaux erkundigt, die Auskunft ertheilt, daß derſelbe heute ½3 Uhr geſtorben ſei. So verſtrich die verlangte Friſt, und Louvois erhält die 30,000 Livres, um ſie nie zurückzuge⸗ ben, da er wohl wußte, daß er von ſeinem Onkel bereits ent⸗ erbt worden war.
Kleine Kritiken.
Dramatiſche Werke von Karl Gutzkow. Leip⸗ zig, Verlag von F. A. Brockhaus.
Wir haben bereits vor geraumer Zeit auf das Erſchei⸗ nen dieſer ſchönen und billigen Separatausgabe der Gutzkow'⸗ ſchen Bühne aufmerkſam gemacht. Zugleich theilten wir dabei ein Stück aus der geiſtreich liebenswürdigen Vorrede mit, mit welcher der Dichter ſeine Edition einleitete, die be⸗ reits eine ſehr lebhafte Aufnahme gefunden hat.
Mit vielem Recht, denn von den vielen Dramen, welche die neuere Literatur aufweiſt, gehören, ſelbſt die beſten mit⸗ gerechnet, die Gutzkow'ſchen zu den wenigen, denen nicht blos die Bühne erſt Leben und Genießbarkeit zu geben vermag. Die Bedeutung der waltenden Grundideen, ſowie überhaupt die Kraft der Einzelgedanken, die Spannung des Dialogs und das in vielen Momenten ſo ſiegreiche Streben, das gei⸗ ſtige Antlitz unſerer Gegenwart, welches dem Gegenwärtigen immer am meiſten verborgen iſt, zu enthüllen und die leiten⸗ den Kräfte der Zeit draſtiſch zu perſonificiren:— dieſe Quali⸗ täten ſorgen dafür, daß die Gutzkow'ſchen Dramen auch ein feſſelndes Object für die Leſerwelt ſind. Es liegt uns die Edi⸗ tion jetzt bis zum dreizehnten Bändchen, alſo in dreizehn Dramen vor, und jeder, der vor der rüſtigen Arbeitskraft des Producenten Achtung hat und es verſteht, was es heißt, ſich in unſerer Zeit auf einem ſo trügeriſchen Felde wie das The⸗ ater immer wieder von Neuem zu begeiſtern,— jeder, der dieſe Conſequenzen nur einigermaßen durchdacht hat, wird aus dieſer Lectüre eine hohe Meinung über die energiſche Fruchtbarkeit der Gutzkow'ſchen Muſe ſchöpfen. O. B.
Ein Juwel. Südamerikaniſcher Roman von Ernſt Freiherrn von Bibra. Leipzig, Hermann Coſtenoble. 1863.
Wir haben uns ſchon mehrmals über andere größere Werke von Bibra unterhalten und immer gefunden, daß er als Berichterſtatter und Novelliſt über Amerika zu den Bra⸗
Zeitung.
vour⸗Romantikern gehört, die ſowohl das fremde Terrain als die bunten Bilder ihrer Phantaſie auszubeuten verſtehen. Er hat ſich dazu Chile und andere amerikaniſche Lande zum Schlachtfeld gewählt, auf dem die Geſtalten ſeiner Einbil⸗ dungskraft gemiſcht mit denen der Wirklichkeit ihre Kämpfe mit einander, und zwar oft in ſehr theatraliſch effectvoller Weiſe, auszuführen pflegen. In der Luft verhängnißvoll ſchwebende Laſſos, wild auf der Prairie dahinraſende Hengſte, heimlich im Dunkeln gezückte Dolche und feurige Weiber, die eben ſo hingebend als liſtig, eben ſo treu als eiferſüchtig und rachedürſtig ſind,— dieſe und andere Objecte bilden die Re⸗ quiſiten und Perſonalien, mit denen Bibra ſein Amphitheater belebt, was er oft mitten im Felſengebirge aufſchlägt, das Meer und darüber den blauen Horizont im Hintergrunde. Seine Handhabung dieſer Gegenſtände iſt gewandt und, man kann es nicht leugnen, auch in neuerer Zeit deſperat genug; er ſchildert in Zügen, die oft ſo weit keck und überaus frei gezeichnet ſind, daß ſie von der Kette eines bindenden Zuſammenhanges nicht mehr genirt werden. Dennoch haben die ſtets novelliſtiſch gehaltenen Darſtellungen, die immer
eine Ueberfülle von Intrigue und Handlung bergen, etwas ſo⸗
Flottes, Friſches und raſch Erzähltes, daß ſie den Leſer zu feſſeln im Stande ſind und ihn daneben mit den Sitten der Ferne bekannt machen, wobei man freilich auf Treu und Glauben die Gewiſſenhaftigkeit des Verfaſſers entgegenneh⸗ men muß.
In dieſe Kategorie fällt auch die vorliegende abenteuer⸗ liche Geſchichte:„ein Juwel“, welche ſich in drei Bänden vor der Einbildungskraft des Leſers bunt genug ausbreitet.
O. B.
Der Himmelauf Erden. Roman aus unſerer Zeit von Adolf Mützelburg. Berlin, Verlag und Druck von Albert Sacco.
Dieſer ausführliche Roman, im traulichen, leichtver⸗ ſtändlichen Erzählertone gehalten und mit Geſchick auf aus⸗ gedehnte Leſerkreiſe im Volke berechnet, wird in ſeiner Vollen⸗ dung ſechs Bände umfaſſen und iſt gegenwärtig nur in drei Bänden vollendet.
Es verſteht ſich daher von ſelbſt, daß wir ein eingehen⸗ des Urtheil erſt nach Vorlage des geſammten Werkes zu fällen im Stande ſind, und uns jetzt damit begnügen müſſen, den Leſern über die erſte Hälfte dieſes Unternehmens einige An⸗ deutungen zu geben.
Es ſind dieſelben für dieſes Werk angenehmer Art, denn
man macht mit Vergnügen die Wahrnehmung, daß Mützel⸗ burg, deſſen Feder immer eine gar unterhaltende, treuherzige war, aufrichtiges Gefühl für die Forderungen der Zeit, für die letzten Conſequenzen des deutſchen Gemüths, für das Wohl und Wehe der Nation hat und es ſich angelegen ſein läßt, ſich reſpectable Eigenſchaften eines Volksſchriftſtellers anzueignen. 3
Die Fragen über künſtleriſche Abrundung der Compo⸗ ſition, über Durchführung der Charaktere, über das Austra⸗ gen der leitenden Grundidee bleiben natürlich bis zum Schluſſe des Ganzen offen und ſchwebend; doch immerhin iſt es ein Gewinn, ein Unternehmen ſo gefällig begonnen und den halben Weg fortgeführt zu ſehen, daß es ſo Mancher gern auch durch die zweite Hälfte desſelben mit ſeiner Theilnahme begleiten wird. O. B.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ollo Sriedrich Dürr in Leipzig.— Verlag
der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leinzjg.— Druck von A. Edelmann in Leipzig⸗
—
4 V 25
ge


