Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
512
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V jeden Tag beluſtigend, und man divertirt dem man es kann.

Kleine Kritiken.

Geſängen von Ewal Beyer. Plauen, bei Neupert. 1863.

Literatur zu produciren ſucht.

Ottaverime verfolgt. Großherzog von Weimar beginnt das Buch.

der Art keine großen Anſprüche mehr machen, denn den Ver⸗ faſſern blieb kaum Zeit, eben ſo viele Monate darauf zu ver⸗ wenden. So muß man zufrieden ſein, mit jener gewöhnlichen Glätte und Versgeläufigkeit abgefunden zu werden, die durch ein atmoſphäriſches Miasma alle Gebildete als literariſche Zeitkrankheit befällt. Dies zeigt ſich auch hier.

Wer brütet dort auf Stockholms ſchönem Eiland

So treu, ſo wahr die beſſ're Zukunft aus?

Wer ſprach ſo laut für's Kreuz und ſeinen Heiland,

Daß wir's vernahmen trotz des Föhns Gebraus?

Wofür ſie zeugten, unſ're Väter weiland,

Wofür ſie ließen Blut und Land und Haus:

Das will uns Guſtav Adolph ſchirmen, retten,

Befreien uns von Roma's neuen Ketten!

Das iſt verhältnißmäßig gut genug ausgedrückt, für ein ſo ausgedehntes Unternehmen, und man braucht nicht zu fürch⸗ ten, daß man ſchlechtere oder beſſere Verſe findet. Zuweilen hat der Verfaſſer einige andere Rhythmen eingemiſcht, was als eine willkürliche Vereinzelung der Nothwendigkeit und genügenden Motivirung entbehrt. So iſt die Form nach allen Seiten hin ungenügend und nicht einmal durch äußer⸗ lichen Glanz beſtechend.

Dieſe frugale Solidität trifft übrigens mit den gedie⸗ genen Tendenzen überein, welche die hiſtoriſchen Anſichten des Verfaſſers verrathen. Er hat ſeinen Gegenſtand mit Wärme aufgefaßt und in aufklärender Weiſe behandelt. Und die Wenigen, welche heut zu Tage noch Epen leſen, werden für dieſe Mühe durch den im Stoffe ſelbſt liegenden Reich⸗ thum bewegteſter Handlung und ergreifender Zeitzuſtände entſchädigt werden. O. B.

Satiriſche Epigramme der Deutſchen von Opitz bis auf die Gegenwart. Von Dr. H. Köpert. Eisleben. 1863. Obgleich nicht neu, iſt es doch für das Publicum kein

ertappten Manne den rothen Backen desſelben verſetzt hat.

Was wollen Sie, mein Theurer? das Landleben iſt nicht

ſich dort, je nach C.

Guſtav Adolph's letzter Heereszug in ſechszehn

Es iſt jetzt die Zeit, wo man in allen möglichen literari⸗ ſchen Verſuchen den unglücklichen großen Krieg, welcher einſt T.9 5.7 4 vahr do d Deutſchland an den materiellen und geiſtigen Bettelſtab wahrlich nicht unbedenlende brachte, zergliedert und in Spiegelbildern der Kunſt oder

Dieſen löblichen Bemühungen ſchließt ſich auch Beyer's Epos an, welches auf Gründlichkeit Anſpruch machen kann, da es die Bewegungen Guſtav Adolph's in dreizehnhundert Eine begeiſterte Widmung an den

Wenn man bedenkt, daß die mittelalterlichen Epiker an Dichtungen von ähnlichem Umfang zehn bis vierzig Jahre gearbeitet haben, je nach ihrem Vervollkommnungstrieb und nach den Zerſtreuungen und Nebenbeſchäftigungen, durch die ſie abgehalten wurden, ſo kann man an ein neues Product

512 Novellen⸗Zeitung. ¹ gen, die je eine eiferſüchtige Frau ihrem auf unrechtem Wege unintereſſantes Unternehmen, in einer Auswahl von Epigranf

men einen Ueberblick über den hiſtoriſchen Verlauf dieſen Dichtungsart in der deutſchen Literatur des 17., 18. und 19 Jahrhunderts zu geben. Auch eine Abhandlung über Theorit und Geſchichte der Epigramme, wie ſie der Verfaſſer hinzufügt mag willkommen ſein. Vor allen Dingen aber iſt nicht blor Ueberſicht, ſondern ein fein geſchulter Geſchmack nothwendigt um durch eine richtige Auswahl der einzelnen Gegenſtände der hier geſtellten Aufgabe zu entſprechen.

Daß dies geſchehen ſei, kann man leider nicht ſagen doch ließe ſich darüber ſtreiten. Aller Streit hört aber au bei der traurigen Wahrnehmung, daß der Verfaſſer viele Autoren geradezu vergeſſen

hat. Es iſt weiter keine große Aufgabe, in der alten wohlbe⸗ kannten und tauſendfach durchgearbeiteten Literaturgeſchichte V Namen wie Logau, Leſſing, Käſtner, Goethe, Schiller, Rückert nicht zu überſehen; aber in der neueren Literatur die richti⸗ gen Perſönlichkeiten aufzufinden, dazu gehört allerdings nicht nur Urtheil, ſondern auch die noch ſeltenere Thatſache, daß man mit den Lebenden lebendig und mit dem Pulsſchlag der Gegenwart vertraut ſei. Was ſoll man aber davon denken, wenn man Namen wie Bodenſtedt, Melchior Meyr, Hebbel, I Feuchtersleben und manche andere von gutem Klang gänzlich

vermiſſen muß? Hätten dieſe Männer nur ein

paar einzelne Epigramme gemacht, ſo ließe ſich vielleicht trotz der Vorzüg⸗ lichkeit derſelben die Entſchuldigung geſtatten, daß der Ver⸗ faſſer nur im Epigramm wirklich ſich mehr bethätigende Natu⸗ ren hier einregiſtriren wollte. Gerade unter den Genannten aber ſind ſehr thätige und charakteriſtiſche Vertreter des Epigramms, und nur ein detentiöſes Kunſtſtück konnte ſie aus⸗ b

ſchließen. O. B. Aus Schinkel's Nachlaß, von Alfred von Wolzo⸗ gen. Berlin, Deckerſche Hofbuchdruckerei. 1863.

Es iſt der dritte Band dieſer wichtigen Reliquien des genialen Mannes. Was uns hier geboten wird, ſind ledig⸗ lich Reiſetagebücher, Briefe und Aphorismen und zum Schluſſe ¹ ein Verzeichniß ſämmtlicher Werke Schinkel's. Zugleich, bringt die prachtvoll ausgeſtattete Edition kleine Federzeich⸗ nungen des Verſtorbenen, wie er ſie als flüchtige Skizzen ſeinen Briefen an die Freunde als Illuſtrationen beigab. Endlich empfangen wir ein Portrait aus den dreißiger Jahren nach einer Selbſtaufnahme: der unſchöne, aber edle, ideale Kopf mit den ruheloſen und doch ſo kindlich offenen Denker⸗ 1 augen und dem beredten Mund.

Dieſen hatte Schinkel in der That, denn wenn auch der Inhalt des vorliegenden Werkes weſentlich für die Kunſt⸗ freunde, Architekten, Bildhauer und Maler von näherem Lebensintereſſe iſt, ſo wird doch der Styl, die Sprache, der darſtellende Vortrag Schinkel's alle Gebildete intereſſiren, und ſie müſſen einen Mann bewundern lernen, der ſich nicht blos als praktiſch ſchaffender, der ſich auch als denkender Künſtler zu den höchſten menſchlichen Ideen und Erkenntniſſen freie Bahn brach.

In ihren Reſultaten nur fand er das ſichere Fundament für die Dauerhaftigkeit ſeiner Gebilde.

Uebrigens liefert das Werk auch für größere Kreiſe des Intereſſanten genug in den allgemeinen Aphorismen und den lebendigen Nachrichten, die Schinkel aus Frankreich und England in Briefform nach Berlin ſande. O. B.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Oule

DAe

Friedrich Dürr in Leipzig. Verlag der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzi

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