Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
498
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Novellen⸗Jeitung.

hum.

Eduard Neumann.

Im Kreis der Geliebten.

Abends unter'm Fliederbaum Saß ich, ſonſt allein,

Süß Erinnern, Wunſch und Traum Lud ich zu mir ein.

Geiſter aus der Sternenwelt Neigten wir ſich hier,

Geiſter aus dem Blumenzelt Stiegen auf zu mir.

In des Waſſers hellem Fall Hört' ich Stimmen gehn,

Wußt' der ſüßen Nachtigall Lieder zu verſtehn.

Doch was aus der Blume keimt, Aus den Sternen lacht,

Hab' ich's nicht hineingeträumt, Nicht hineingedacht?

Meiner Seele Wiederhall War's, mein eigen Ich,

Waſſerquell und Nachtigall Sprechen nur für ſich!

Jetzt nun unter'm Fliederbaum, Wenn der Abend graut,

Theile ich den ſtillen Raum Mit den Freunden traut.

Tauſchen Gruß und Blicke leis, Sinnig Wort und Scherz; Jeder bringet in den Kreis Ein empfindlich Herz.

Mitgefühlt und mitgedacht, Was es fühlt und denkt,

Hat ein ſüß Genügen ſacht Sich ins Herz geſenkt.

Aus dem Frieden wächſt die Luſt, Und von ſich befreit,

Fühlt die ſonſt ſo bange Bruſt Kindesſeligkeit.

Alſo unter'm Fliederbaum Freunden zugeſellt,

Leben wird der ſchöne Traum Und zum Traum die Welt.

*

Rückfall.

Es ſitzt im Kreis der Zecher Ein glühender, junger Geſell, Der hebt den ſchäumenden Becher, Sein Auge, es leuchtet ſo hell.

Ihr Freunde, ich bin geneſen Vom alten thörichten Wahn, Das ſentimentale Weſen Hab' ich nun abgethan!

Er ſpricht's. Die verklungene Liebe, Die Treue verleugnet er keck,

Die ſchmerzlich-ſüßen Triebe Des Herzens, und lacht ſie hinweg.

Hochauf! Es lebe das Leben, Die ungezügelte Luſt!

Die Andern ſich lärmend erheben Und jubeln aus voller Bruſt.

Und als der Jüngling entwichen Zur Nacht ins ſtille Gemach,

Da hat ein Traum beſchlichen Die Sinne ihm nach und nach.

Es hat ein ſanfter Friede

Den Hohn von der Lippe geſcheucht, Und unter dem Augenlide

Da wird es ſchwer und feucht.

Er hat ſein Lieb gefunden Aus ferner Zeiten Lauf,

Und alle die alten Wunden Des Herzens brechen auf.

Sie ſitzt ihm mild zur Seiten Und lauſchet, ob er ſpricht, Und ſchauet ihm, wie vor Zeiten,

Still gläubig ins Angeſicht.

Er aber birgt mit Zagen Das Haupt und wendet ſich,

Er kann kein Wort ihr ſagen

Und weinet bitterlich.

Da durch der Thränen Schimmer Sie lächelt ihm liebreich zu:

Mein Freund, ich habe dich nimmer Verleugnet, was weineſt du?

Gedichte von Eduard Neumann. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1863.