Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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Abſichtlichkeit verſtimmt nicht, da ſie mit einer natürlichen welche ihn die unnatürlichen Verhältniſſe nicht zu erwarten

Motivirung und einer zarten, oft echt weiblichen Darſtel⸗ lungsweiſe verſchmolzen iſt.

Die ſtofflichen Begebenheiten drehen ſich um die Lebens⸗ ſchickſale von drei Auvergnatenkindern, von denen zwei Ge⸗ ſchwiſter, die beiden Titelfiguren, die Bravheit mit auf die Welt gebracht haben, während ſie ein dritter Bube, ein unerzogenes Waiſenkind, erſt durch eigene gegen ſeine leicht⸗ fertigen Naturanlagen ankämpfende Anſtreugungen nach Verirrungen und Leiden allmählich gewinnt. Die armen Auvergnatenkinder ſind jene kleine Knaben und Mädchen, deren Exiſtenz nicht, wie die der Savoyarden, auf Murmel⸗ thiere, wie man im Auslande allgemein glaubt, ſondern auf ſolche Dienſtleiſtungen geſtellt iſt, die ſie ſich als Eſſen⸗ kehrer, Handlanger oder Laufbürſchchen, auf das wechſelnde Glück angewieſen, mühevoll erringen müſſen. Sie ſind oft angenehme, recht begabte Geſchöpfe, größtentheils, wie überhaupt das franzöſiſche Kind aus der entlegenen, oft einfach dürftigen Provinz, mit vorherrſchender Naivetät und vieler Gutherzigkeit ausgerüſtet. So gehen ſie in ihren Dienſten aus einer Hand in die andere und leider auch oft aus einer Verführung in die andere, und da die menſchliche Geſellſchaft für ihre Bildung und ſittliche Er⸗ ziehung nicht zu ſorgen vermag und den Zufall Pädagog ſein läßt, ſo endigen viele von ihnen ihr Leben, von Stufe zu Stufe tiefer ſinkend, an einem Ort, an dem ſie ſich nicht freiwillig aufhalten. Viele arbeiten ſich aber auch mit unglaublicher Ausdauer und Bravheit zu tüchtigen Men⸗ ſchen durch, treten häufig als erwachſene junge Leute auf dem Lande, unweit Paris, als Knechte oder Mägde ein und qualificiren ſich mit Vorliebe für das Gärtnerfach, in welchem ſie ſich ab und zu ein eigenes Heimweſen gründen.

Dieſe ſo zahlreich hervortretende Solidität des fran⸗ zöſiſchen Ouvrier ſtellt auch der kleine biographiſche Ro⸗ man, in dem natürlich auch die Aſſiſen, die Schickſalsſchu⸗ len vieler Unſchuldigen, nicht fehlen, ins beſte Licht. Und hierin liegt eia Moment der Gerechtigkeitspflege, welches

in uns deutſcheu Nachbarn einige Vorurtheile bekämpfen

helfen mag.

Es verdient nämlich wiederholt erwähnt zu werden, daß unſere erblich gewordenen Anſchauungen über die Flat⸗ terhaftigkeit und Unzuverläſſigkeit des franzöſiſchen Cha⸗ rakters, ſo wie über die unendliche Zahl von Verbrechen, welche ſich drüben begeben, keinesweges mit nur einigem Recht auf die franzöſiſche Bevölkerung im Allgemeinen zu beziehen iſt. Im Gegentheil fiudet ſich unter derſelben, und gerade in der ärmſten Claſſe, eine ſehr viel verbreitete Ehrenhaftigkeit, verbunden mit einem enthaltſamen Sinn für Erſparung und rühriger Thätigkeit, Eigenſchaften, die der germaniſche Stamm als Grundtugenden an An⸗ dern eben ſo als an ſich ſelbſt ſchätzenswerth nennen muß.

berechtigten.

Die in franzöſiſchen Romanen geſchilderten Tugend⸗ helden aus der unterſten Schicht der Geſellſchaft ſind we nigſtens in ihrer Qualität kein unwahres Phantaſiegebilde. Beſonders zeichnet ſich eine lebendige Theilnahme für das Leid ihres Nächſten aus und eine raſche Opferbereitwillig⸗ keit zu helfen. Sie werden nicht ſelten geadelt durch jenes inſtinctive Gefühl ſocialer Zuſammengehörigkeit und Ge⸗ meinſamkeit, welches ſich als Reſultat einer nationalen Centraliſirung in Deutſchland noch wenig ausbilden konnte und bei uns durch viel idealere und deßhalb auch in der großen Menge ſeltenere Sittlichkeitsbegriffe erſetzt wer⸗ den muß.

Solche Betrachtungen werden auch bei der Lectüre von Pierre und Pierret in Ihnen auftauchen und ſie ſeien für diejenigen mit ausgeſprochen, welche vielleicht über die an⸗ ſprechende Unterhaltung das weniger bequeme Nachdenken für den Augenblick vergeſſen ſollten.

Eine etwas verwandte Wirkung macht das andere Werkchen: Roſa, von Preſſenſé, gleichfalls durch Drechsler übertragen. Wenn wir uns alſo hier einmal ausnahms⸗ weiſe über ein paar aus dem Franzöſiſchen ſtammende Schriften unterhalten, ſo iſt es recht wohl durch die ange⸗ nehme Erſcheinung motivirt, daß ſich in denſelben eine ungewöhnliche warme und weiche Gemüthsſeite enthüllt. In der letztgenannten Novelle iſt damit die ſpecielle pſy⸗ chologiſche Tendenz verbunden, den Charakter eines zum jungen Mädchen heranwachſenden Kindes zu ſchildern. Es iſt durch die verſchiedenen kleinen und großen äußeren Schickſalsweudungen hindurch mit der liebevollen Genauig⸗ keit des Fleißes geſchehen. Ein offner Sinn für das kind⸗ liche Gemüth iſt dabei bemerkbar, und die Darſtellung wird natürlich durch genrebildliche Ausführlichkeit. Was dabei von deutſchen Beobachtungen Abweichendes entgegentritt, wirft ein aufklärendes Licht auf die geſellſchaftlichen Zu⸗ ſtände und Erziehungsreſultate in Frankreich. Schon deß⸗ halb iſt es neben der üblichen novelliſtiſchen Unterhaltung für den deutſchen Leſer von Intereſſe. Wer franzöſiſche Kinder kennen gelernt hat, wird darin ein ſehr lebendiges Spiegelbild wiederfinden, und wo eine Seltſamkeit in der Charakterzeichnung auffällt, muß man nicht imm deuken, daß das Spiegelbild ſchief ſei, die Natur hat auch zuwei⸗ len ein zu kurzes geiſtiges oder körperliches Bein.

Dem Publicum mußRoſa ein angenehmes Gemälde geweſen ſein, denn es hat geſorgt, daß die Erzählung neun Auflagen erlebte. Der Vortrag iſt einfach und leicht, der Stoff ebenfalls, doch dabei in kleinen, engen Verhältniſſen

ziemlich figurenreich. Anregend wirkt es dabei, die fran⸗ zöſiſchen Charaktereigenthümlichkeiten mit den deutſchen in

Ja ſogar in dem übervölkerten, vom Sauerteig des Elends ähnlicher Lage zu vergleichen. Der unbefangene Leſer fin⸗ und der egoiſtiſchen Speculation in eine unreine Gährung det dabei mehr Gleichheiten, als er erwarten ſollte, und gebrachten Paris trifft der Blick des unbefangenen Beob⸗ viel Herzlichkeit, die ebenfalls wieder mit einer jugendlichen

achters auf manche beſcheiden verborgene Bürgerkrone,

Naivetät des Geiſtes verbunden iſt.