768
Uovellen-Zeitung.
(VIII. Jahrg.
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Meyer's Neues Converſationslexikon. Hild⸗ burghauſen, bibliographiſches Inſtitut.
Wenn man einen modernen Salon betritt, ja, wenn man überhaupt die Unterhaltungen gebildeter Geſellſchaf⸗ ten beobachtet, ſo macht ſich ohne Frage viel weniger der Eindruck wirklicher Intelligenz und gründlichen Wiſſens, als die brillixende Erſcheinung einer vielſeitigen Beleſen⸗ heit geltend.
Dieſe Beleſenheit, welche nicht nur mit den Frogen des Tages, ſondern mit den überraſchendſten, ſehr entfernt liegenden Verhältniſſen des menſchlichen, ja überhaupt des Erdenlebens vertraut zu ſein ſucht, hat ein gewiſſe Aehn⸗ lichkeit mit dem Geiſte, welcher in einem Converſationslexi⸗ kon waltet.
In der That ſind auch Hunderte von den neueren Bü⸗ chern, die alle Zweige des Wiſſens mit und ohne Illuſtra⸗ tionen populär behandeln, nichts weiter als ſchwache oder gute Artikel eines großen modernen Rieſenconverſations⸗ lexikons, welches ſich Jeder privatim willkürlich in ſeinem Bücherſchrank mehr oder weniger vollſtändig zuſammen⸗ ſtellt.
Allerdings iſt dieſe Zuſammenſtellung etwas ſehr Lückenhaftes, und unſere Zeit fühlt daher ſchon lange das lebhafteſte Bedürfniß nach Werken, die eine ſolche Ueber⸗ ſicht des Wiſſenswürdigen in kurzer Weiſe darbieten. Die⸗ ſes Bedürfniß ließ alle beſſeren Converſatiouslexika trefflich gedeihen. Doch beſitzen wir, kleinere Anläufe un⸗ gerechnet, noch nicht gar viele, die ſich mit denen von Brockhaus und Pierer meſſen könnten.
Das Meyer'ſche war ſchon immer ein ſolches. Be⸗ ſonders aber iſt es durch ſeine jetzige neue und ganz ver⸗ änderte Auflage zu einer derartigen Geltung ausgerüſtet.
Ein berühmter deutſcher Philoſoph ſagte bekanntlich, als man ſich über die Summe ſeines Wiſſens in ganz ab⸗ gelegenen Fächern wunderte und auf ſeine reichen Neben⸗ ſtudien anſpielte:„Ich leſe gar nicht ſo viele Werke, als meine Freunde denken. Romane wähle ich nur dann, wenn ſie hiſtoriſche Wahrheit enthalten und ich es für nöthig finde, meine Phantaſie ein wenig auf die literariſche Sommmerweide zu bringen, damit ſie neben dem vielen Heu und auch oft leider ausgedroſchenem Stroh gelehrter Stallfütterung auch zuweilen Blumen und grünes Gras genieße. Meine eigentliche Lectüre in Mußeſtunden nimmt aber gewöhnlich irgend ein Converſationslexikon in An⸗ ſpruch. Das klingt barock für einen verſtändigen Maun von Geſchmack, ich finde aber, daß es eine wohlbegründete Wahl iſt. Wenn man nämlich nicht leugnen wird, daß ein Narr mehr fragen kann, als zehn Weiſe zu beantworten vermögen, ſo iſt es doch ebenſo ſicher, daß zehn in verſchie⸗ denen Gebieten Unterrichtete mehr wiſſen, als Einer, auch
ich täglich nach Bedürfniß einige ihrer Antworten darauf leſe. Ich finde dabei immer, daß ich ſehr wenig weiß, und meine größte Freude iſt die, dann und wann einen Artikel mit einigen Unrichtigkeiten zu erwiſchen, der meine Igno⸗ ranz durch das Gefühl tröſtet, doch in irgend einer Ange⸗ legenheit gründlicher unterrichtet zu ſein, als Leute vom Fach.“
Der beſcheidene, höchſt praktiſche Denker, welcher dieſe Aeußerung that, hieß Fichte, und er hatte in ſeiner Lieb⸗ haberei bekauntlich einen Genoſſen an Jean Paul.
Mit der allgemeinen Bildung der modernen Geſell⸗ ſchaft ſteigern ſich alljährlich auch die Auforderungen, welche man an ein Lexikon ſtellt, und ganz vorzüglich um⸗ fangreich wünſcht man heutzutage die Natur- und Länder⸗ kunde, und nicht minder alle Unterabtheilungen der erſtern, wie z. B. die Phyſik, Chemie, Phyſiologie, Botanik ver⸗ treten, doch ohne daß dadurch eine Ausartung in Trocken⸗ heit und Ermüdung des Leſers hervortrete.
Durch eine umfangreiche und intereſſante Befriedigung dieſer zeitgemäßen Anſprüche empfiehlt ſich das„Neue Meyer'ſche Converſationslexikon“ ganz beſonders. Es verdankt dieſe glänzende Seite der Mitarbeiterſchaft vor⸗ züglicher Fachmänner. In Bezug auf Ethnographie ſei neben andern Capacitäten nur der gewiegte und zugleich ſo ſtylreine Meiſter Karl Andree mit der ihm gebührenden Betonung erwähnt. Sowie er der im gleichen Verlag er⸗ ſcheinenden illuſtrirten Zeitſchrift„Globus!“ durch ſeine reichen Kenntniſſe und gehaltvolle Redaction in letzter Zeit ein Achtung einflößender Gewinn war, ſo ſind ſeiner unge⸗ wöhnlichen Kraft auch im Lexikon feſſelnde Arbeiten und lichtgebende Fernblicke zuzuſchreiben.
Das durch große Billigkeit ſich zu großer Verbreitung empfehlende Werk, welches wichtige Erörterungen, beſon⸗ ders geographiſche oder technologiſche, noch durch ſehr ſorg⸗ fältige Karten und Illuſtrationen unterſtützt, wird in 300. Lieferungen oder 15 Octavbänden vollendet ſein. In Rückſicht darauf, daß ſich auch ſchwache Augen durch Lec⸗ türe des praktiſch Wiſſenswürdigen unterrichten wollen, iſt der Druck größer, als man es gewöhnlich findet, gewählt worden. Zum Zeugniß der nothwendigen Ausführlichkeit, welche den Leſern viele andere theure und ſchwer zu hand⸗
z. B. die allgemeinen Artikel über Aegypten, Amerika, Auſtralien jeder über ſechzig Spalten ausfüllen und noch durch viele andere ergänzt werden, welche ſich jenen als Specialia einreihen.
Ohne Frage gehört ein möglichſt neues Converſations⸗ lexikon zu denjenigen Werken, welche als ergänzender Hin⸗ tergrund für alle noch ſo maleriſche und unterhaltende Buͤcherſtaffage auf keinem Arbeitstiſch oder Bücherräck
angenommen, es ſeien unter jenen mittelmäßige Geiſter vorherrſchend. Wohlan! ich bin dieſer Eine, und das Converſationslexikon ſtellt ſtatt jener zehn ihrer hundert dar. Die Tauſende von Fragen, welche das Lexikon an jene Männer geſtellt hat, mache ich mir zu Nutze, indem
Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Hürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Dürr in
mehr fehlen dürfen, ſelbſt nicht bei der Damenwelt, die gleichfalls täglich auf dunkle Punkte ſtößt, welche in der Journaliſtik oder Bücherlectüre als hell vorausgeſetzt werden, nichtsdeſtoweniger aber einer nachträglichen Be⸗ leuchtung bedürfen.
habende Hülfsbücher überflüſſig macht, ſei bemerkt, daß
Leipzig.— Druck von Gieſecke& Devrientin Leipzig⸗
No
Fer
un


