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hundert Kanonen von verſchiedenem Kaliber nebſl be⸗ deutender Munition wurden dabei erbeutet. Drei große Segel- und Tauwerkſtätten, eine für 60 Kanonen gebohrte Fregatte im Begriff vom Stapel gelaſſen zu werden, mehrere Kriegsbriggs und Schooner wurden mit einer gry⸗ ßen Anzahl von Kanonenböten verbranut. Die Pulver⸗ magazine flogen unter Donnergetöſe eins nach dem andern in die Luft. Häuſer, ja ganze Straßen ſtürzten während der andauernden Exploſionen zuſammen. Was nicht in anderer Weiſe zerſtört werden konnte, wurde in den Fluß geſtürzt. Die ſchwerſten Geſchütze wurden dadurch un⸗ brauchbar gemacht, daß man Kanonen von geringerem Ka⸗ liber mit einer Kugel geladen in die Mündung der größern ſteckte und ſo letztere in Stücke ſchmetterte.
Was bis dahin geſchehen, war noch im Rechte des Krieges begründet. Hätte der Arm der Rache nicht weiter gegriffen, ſo wäre keine Veraulaſſung zu dem Wehgeſchrei gegeben, welches bald über den Oceau hinüber die alte Welt erreichte und dieſe mit gerechtem Unwillen gegen die engliſche Nation erfüllte. Unglücklicherweiſe wurde aber hier der Zerſtörung noch nicht das Ziel geſteckt. Eine be⸗ deutende Bibliothek, große Druckereien und das National⸗ archiv wurde ein Raub der Flammen. Obgleich Alles Eigenthum des Staates war, würde die Erhaltung dieſer Schätze dem engliſchen Generale eher den Dank als den Tadel ſeiner Regierung, und ſtatt Verachtung die Ach⸗ tung der amerikaniſchen Nation eingetragen haben.
Von den Privathäuſern ging vorſätzlich nur das in Flammen auf, aus dem die verhangnißvollen Schüſſe auf die Parlamentärflagge gefallen waren. Indeſſen waren die in den zahlloſen öffentlichen Gebäuden, in den Stores und in den Docks aufgehäuften Brennſtoffe hinreichend, ein Flammenmeer zu erzeugen, welches mit Eintritt der Nacht, wie das zwei Jahre früher breunende Moskau, meilenweit die Umgegend erleuchtete. Die auf dem Bla⸗ densburgher Schlachtfelde in einer Entfernung von vier
Uovellen-Zeitung.
engliſchen Meilen aufgeſtellte Reſervebrigade konnte die auf der Ebene vor Waſhington aufgeſtellten Piquets deut⸗ lich ſehen, und in den vor der Reſerve poſtirten Wachen erkannte die Mannſchaft deutlich die einzelnen Geſichtszüge ihrer Cameraden.
Noch ſchrecklicher anzuſchauen war das Entſetzen erre⸗ gende Schauſpiel, als ſich nach Mitternacht ein Gewitter erhob in Begleitung eines die Erde erſchütternden Orcans, welcher die brennenden Dächer in die weite Ferne trug und ſie mit den krachend zuſammenſtürzenden Baumrieſen miſchte.— Flammende Blitze zuckten über der Erde, die ringsum in Flammen gerieth, wo die Zweige der gefalle⸗ nen Bäume mit den brennenden Trümmern in Berührung kamen. Die Donnerſchläge waren mitunter ſo ſtark, daß ſie das Getöſe der einſtürzerden Häuſer, das Explodiren der Hohlgeſchoſſe und das Auffliegen der Pulverthürnie erſtickten.
Der Orcan trieb die Verwirrung in der Stadt bis zum höchſten Grauſen. Die Einwohner hatten keine Ahnung von dem ſie treffenden Schickſale gehabt. Die Zuverſicht, welche ſie auf ihre Truppen geſetzt, war ſo groß, daß es ihnen nicht in den Sinn kam, als die Schlacht
verlaſſen. Selbſt der Präſident war nicht eher auf ſeine perſönliche Sicherheit bedacht, bis die Flüchtlinge aus der Schlacht in die Stadt ſtürzten und die Straßen mit dem Rufe erfüllten,— daß Alles draußen verloren ſei.
Der Präſident Madiſon war am Morgen mit der Armee ausmarſchirt, und war bei derſelben verblieben, bis die engliſche Armee in Sicht erſchien. Es war, als ob das Glänzen der engliſchen Bajonnete ſeinen am Morgen bewieſenen Muth etwas verkühlt hatte; denn er bemerkte gegen einige Freunde, daß ſeine Gegenwart im Senate augenblicklich wohl nöthiger ſei als auf dem Schlachtfelde. Nachdem er noch einmal durch die Reihen ver in Schlacht⸗ ordnung haltenden Truppen geritten war, begab er ſich in
Rouen hatte, wie alle Induſtrieorte, wo die Arbeiterbevölke⸗ rung in einem gegebenen Augenblicke eine wichtige Rolle ſpielen kann, den Gegenſtoß der Kriſis, die damals in Paris in ihrer ganzen Heftigkeit ausbrach, tief zu fühlen. Einige Wühler hatten die Arbeiter in den Vorſtädten und in den benachbarten Thälern bald zum Aufſtand aufgewiegelt. Eine zahlreiche erhitzte Bevöl⸗ kerung bemächtigte ſich gewaltſam der Stadt. 15,000 bis 20,000 Raſende umgaben unter dem Rufe: Vive la République! die
Caſernen, luden die Soldaten ein, ſich ihnen anzuſchließen, und
drohten, ſie zu entwaffnen, wenn ſie ſich weigerten. Die Stellung wurde bedenklich; die Gefahr war drohend; ein Augenblick des Zögerns konnte die unheilvollſten Ereigniſſe herbeiführen. Vor Allem mußte Caſtellane die Ordnung und die Disciplin in den Regimentern aufrecht erhalten, welche man von Seiten einer De⸗ magogie, die um ſo gefährlicher war, weil ſie die Form eines warmen Patriotismus anzunehmen wußte, durch Verſprechungen und Doctrinen zu erſchüttern ſuchte. Der General de Caſtellane machte von ebenſoviel Mäßigung wie Energie Gebrauch. Da er kein franzöſiſches Blut vergießen und die Stadt nicht der Wuth eines Barricadenkrieges überliefern wollte, wozu vielleicht ein un⸗ vorſichtiger Weiſe abgefeuerter Musketenſchuß das Signal gege⸗ ben haben würde, und da er andererſeits fühlte, daß es dringend nothwendig ſei, ſeine Regimenter dem gefährlichen Einfluſſe der Empörung und Unordnung zu entziehen: ſo ließ der General, ohne einen Augenblick ſeine gewöhnliche Ruhe und Kaltblütigkeit zu verlieren, die Truppen in Reih und Glied aufſtellen, ertheilte
den Befehl, die Caſernen zu räumen, marſchirte dann durch die
Menſchenmaſſe, die ihm murrend Platz machte, und verließ die Stadt, um in einer Entfernung von drei Kilometres eine Stel⸗
lung an dem Abhange eines Hügels zu nehmen, deſſen Zu⸗ gang im Fall eines Angriffs leicht zu vertheidigen geweſen ſein würde.— Indeſſen nahm in Rouen die Inſurrection in den Straßen von Minute zu Minute zu. Die anfangs ſo vertrauensvollen Behörden fühlten ſich durch die Volksmaſſe bald überflügelt, die in jedem Augenblicke mehr anſchwoll und ſie bald ganz fortzurei⸗ ßen drohte. Man ſchickte Deputation auf Deputation an den (Berg Riboudet, um den General zu beſchwören, mit ſeinen Regi⸗ mentern in die Stadt zurückzukehren. Herr de Caſtellane ſtellte ſeine Bedingungen; er forderte das förmliche Verſprechen, daß man iin ſeinen Händen den Oberbefehl über die Nationalgarde mit dem über die Truppen vereinige; daß man ihn alle für die Herſtellung der öffentlichen Ruhe nothwendigen Maßregeln ergreifen laſſe, ohne daß er ſich für irgend eine Regierungsform auszuſprechen habe; daß er ſeine Stellung an dem Verge Riboudet wieder ein⸗ nehmen könne, ohne daß er auf Widerſtand ſtoße, und zuletzt, daß eine Deputation der Municipalität und der demokratiſchen Comi⸗ tes ſich bei ihm einfinde und ihn um ſeine Rückkehr bitte. Dieſe letzte Bedingung, die allerdings etwas demüthigend für dieſe V Männer war, welche in ihrem blinden Vertrauen auf ihre eigene
Stärke den General hatten ausrücken laſſen, ohne einen Schritt zu thun oder ein Wort zu ſagen, um ihn zurückzuhalten, wurde ebenſogut wie die übrigen angenommen, worin ſich deutlich zeigt, wie dringend die Gefahr war. V Der Einzug des Generals in Rouen war ein Triumph; nie⸗ Ovation— man betrachtete das Rückkehr verknüpfte. Herr Als er erfuhr, daß Frank⸗
mals ſah man dort eine ähnliche Wohl der Stadt als eng mit ſeiner de Caſtellane hatte Rouen gerettet⸗
von Bladensburgh begann, ihre Häuſer oder die Stadt zu
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