Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
688
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des lebenden Schmuckkaſtens war. Das arme Mädchen wurde in einer leeren Bude der belebteſten Straße zur Schau geſtellt. Sie ſaß regungslos wie eine Statue auf einem drei Fuß vom Boden erhabenen Sitz und erwartete die Käufer im tiefſten Schweigen. Man hatte über ſie, um ſie zu bedecken, ein Stück weißes Baumwollenzeug ge⸗ worfen, welches ſie vom Kopf bis zu den Füßen verhüllte, aber ſie trug nichts darunter, es war ihr einziges Klei⸗ dungsſtück. Indeß muß man es zugeſtehn, daß das Schickſal jener Abyſſinierinnen nicht ſo beklagenswerth iſt, wie es uns im erſten Augenblicke erſcheint. Da ſie zum Dienſt in den Harems beſtimmt ſind, werden ſie zur Familie gerech⸗ net, und ihre Lage iſt ſehr ähnlich der ihrer Gebieterinnen, die, eingeſperrt wie ſie, faſt ebenſo ſehr Sclavinnen ſind. Außerdem heirathet der Araber gewöhnlich die Mutter ſei⸗ ner Kinder, alſo entſprechenden Falls auch die Abyſſinie⸗ rinnen. Die niedrigſte afrikaniſche Abſtammung der Mut⸗ ter ſchadet dem Adel des Kindes nichts; nur der Vater iſt allein Ahne, die Mutter rechnet nicht mit. Bekanntlich heirathet der Sultan auch nur Sclavinnen, da er nicht Seinesgleichen neben ſich hat oder anerkennt. Ich habe in Aegypten auch ſelbſt unter Europäern viele ſolche Ehen kennen gelernt. Mehrere mir bekannte Franzoſen haben keine anderen geſchloſſen und befinden ſich ganz glücklich dabei(2!1). Nur gelten die Abyſſinierinnen als verſchwen⸗ deriſch, weßhalb man ſagt, daß ſie der Ruin der Familien ſeien(!). Ich kenne ſehr reizende abyſſiniſche Frauen, welche, ihre Farbe abgerechnet, überall an ihrer Stelle ſein würden. Und was die Farbe betrifft, ſo gewöhnt man

Uovellen-Zeitung.

ſich ſo ſchnell daran, daß ich nach ſehr kurzer Zeit gar nicht mehr darauf achtete. Sie entſchädigen für dieſen Schön⸗ heitsfehler, wenn es überhaupt einer iſt(l), durch ſammet⸗ artige Haut(die ſogar etwas Oeliges hat!), lange ſeiden⸗ weiche Haare, Strenge der Linien, Zierlichkeit der Formen, eine der ſchönſten griechiſchen Statuen würdige Regelmäßig⸗ keit der Züge, wunderſchöne Augen, vortreffliche Zähne, kleine Hände und Füße, kurz durch alle Reize, welche die Frau ausmachen, und es wundert mich nicht, daß ſie ſo heftige Leidenſchaften einflößen.

Wir haben dieſe Darſtellung von Didier beſonders ge⸗ wählt, um zu zeigen, welchen mächtig geiſtumprägenden Einfluß der Orient ſchon nach kurzem Aufenthalte hat. All die tiefſten Lebensanſchauungen werden erſchüttert, wenn nicht verändert, denn ein Europäer, dem die ſchön⸗ ſten culturſittlichen Begriffe, die höheren Anſchauungen von Familienleben und Würde des Bürgerthums heimiſch geworden ſind, kann dahin gebracht werden, ſelbſt eine Ehe zwiſchen verſchwenderiſchen, im Geiſt und Herzen unent⸗ wickelten abyſſiniſchen Sclavinnen und einem ganz entge⸗ gengeſetzt gearteten Abendländer gar nicht ſo übel zu fin⸗ den. Daſſelbe, nur in freierer Form, iſt dem Fürſten

Pückler in Muskau begegnet, der ſogar ein angenehmes

Vergnügen darin fand, ſich von ſeinen orientaliſchen Frauen auf der Naſe herumtanzen zu laſſen.

Die Ueberſetzung und Ausſtattung des im Ganzen ſo ſehr liebenswürdigen und gehaltreichen Buches von Didier ſind vortrefflich.

Wichtiges Memoirenwerk!

So eben erſchien und iſt in allen Buchhandlungen und Leih⸗ bibliotheken zu haben:

Mallfahrt durchs Jeben

vom

Zaſeler Frieden bis zur Gegenwart. Von einem Sechsundſechziger. Neun Bände von 150 Bogen 8. Eleg. brochirt. 10 ½ Thlr.

Dem großen Leſepublicum übergebe ich hiermit ein merkwür⸗ diges Buch! Es enthält die reichen Erfahrungen eines Mannes, welcher, gezwungen durch ſeine Lebensſtellung ſeinen Namen zu verſchweigen, die wichtigſten Perioden des 19. Jahrhunderts ſelbſt durchlebt und darin mitgewirkt hat. Der Sechsundſechziger ſchil⸗ dert dieſe Periode in ſeinen Denkwürdigkeiten theils durch intereſſante perſönliche Erlebniſſe, theils fällt er Ur⸗ theile Über hervorragende Perſonen, mit denen er in Ver⸗ kehr trat und die in der Entwickelungsgeſchichte der Neu⸗ zeit eine bedeutende Rolle ſowohl auf politiſchem, kirchlichem oder wiſſenſchaftlichem Gebiet geſpielt haben. DieWallfahrt iſt zugleich als ein höchſt wichtiger Beitrag zur Sittengeſchichte an⸗ zuſehen. Der Pilger ſchildert in einfacher und dennoch blühender Sprache, man glaubt einen Roman zu leſen.

Seit langer Zeit erſcheint kein Buch, welches ſolches Auf⸗ ſehen erregen wird, wie dies! Es läßt ſich in dieſer Beziehung den Varnhagen'ſchen Tagebüchern wohl an die Seite ſtellen. Seinen Leſerkreis findet es bei den höchſt wichtigen und ganz neuen Aufſchlüſſen über die Geſchichte des letzten Halbjahrhun⸗

derts unter allen Ständen und Berufselaſſen. Auch die Frauen werden die Herzensgeſchichte des Wallfahrers mit ſtei⸗ gendem Intereſſe und nicht ohne Rührung leſen. Leipzig. Hermann Coſtenoble, Verlagsbuchhandlung.

Architektonische Prachtwerke.

Calliat, Parallele des Maisons de Paris. Nouv. Période de 1850 1860. Liv. 1. Gr. in fol. 1 Thlr.

Varin, L'Architecture pittoresque en Suisse, ou Choix de Constructions rustiques, prises dans toutes les parties de la Suisse. Liv. 1. Gr. in 4. 1 Thlr.

Chabat et Penel, Batiments de Chemins de fer. Em- parcadères. Plans de gares Stations Maisons de gardes Remises ateliers etce., avec texte expli- catif. Liv. 1. Gr. in fol. 1 Thlr.

Sancet, Stalles du Choeur de la Cathédrale d'Auch. Liv. 1. In fol. 11/ Thlr.

Pfnor, Monographie du Palais de Fontainebleau, pagnée d'un texte par Champollion-Figeac. Gr. in fol. 1 Thlr.

Daly, LArchitecture privée au 19. siècle. Nouv. Maisons de Paris et des environs. Plans, Elévations, Coups, détails. Liv. 1. Gr. in fol. 1 Thlr.

Buchhandlung für ausländische Literatur von Alphoens Dürr in Leipzig.

accom- Liv. 1.

. 2. 2.; 5,15 ipzig⸗ V Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Pürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Pevrientin Leipzig

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