Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
674
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674

Uovellen-Zeitung.

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AEBWIN

. Sonette.

1.

Die himmliſche Rhetorik Deiner Augen,

Wogegen keine ird'ſchen Gründe taugen,

Verführte mich darf mich die Welt beſchuld'gen

Weil ich ihr treulos ward, um Dir zu huldigen?

Die Frau'n verſchwor ich und gemeinen Triebe,

Doch da Du Göttin, gilt mein Schwur nicht Dir!

Mein Eid war irdiſch himmliſch meine Liebe,

Drum Deine Huld ſühnt alle Schuld in mir!

Mein Eid war Hauch, und bloßer Dunſt iſt Hauch.

Du ſchöne Sonne! wenn Dein reines Licht

Den Dunſt verſcheucht, ſo biſt Du ſchuldig auch,

Denn Du brachſt mein Gelübde ich that's nicht! Und that ich's: welcher Thor wär ſo von Sinnen Es nicht zu thun, ein Eden zu gewinnen?

2.

Wie oft, wenn Deine zarten Finger ſpringen

Ueber das Holz, beglückt durch ihr Berühren,

Daß wunderbare Weiſen ihm entklingen,

Die wohllautvoll mein Ohr und Herz verführen,

Beneid' ich dieſe Taſten, wie ſie nippen

Glückſeligkeit von Deiner Hand geſpendet,

Derweil erröthend meine armen Lippen

Ihr Anrecht ſehn an kühnes Holz verſchwendet.

Gern würden ſie um ſolche Wonnen tauſchen

Mit jeder Taſte, die ſich tanzend bückt,

Wenn lieber Deiner Hand melodiſch Rauſchen

Das todte Holz als meinen Mund beglückt. Doch wenn das freche Holz geküßt ſein muß, Reich' ihm die Hand, die Lippe mir zum Kuß!

3.

Wenn ſich Muſik und Poeſie verbinden

Geſchwiſterlich, in ſüßer Harmonie,

Muß ſich Dein Herz zu meinem Herzen finden:

Du liebſt Muſik, ich liebe Poeſie.

Du liebſt es, Dowland's hehrem Spiel zu lauſchen,

Deß Lautenklang das Herz mit Zauber füllt

Ich lieb' es, mich an Spenſer zu berauſchen,

Deß Lied die tiefſte Weisheit mir enthüllt;

Du liebſt des Gottes weihevolle Klänge,

Die Dich empor zu höhern Sphären tragen

Ich liebe ſeine himmliſchen Geſänge,

Die, was ich ſelbſt nicht ſagen kann, mir ſagen. Ein Gott ſchuf beide! Wie ſie ſich verbinden, Muß ſich Dein Herz zu meinem Herzen finden!

8

Friedrich Bodenſtedt.

4.

Laß Andern ihre Wünſche! Deinen Willen

Haſt Du, haſt Willen jetzt im Ueberfluß;

Ich aber kann ihn mehr als gründlich ſtillen,

Wenn er ſich auch durch mich noch mehren muß.

Willſt Du nicht meinen Willen in den Deinen

Aufnehmen, der ſo Vielen ſich erſchließt?

Soll Andern nur Dein Stern der Gnade ſcheinen?

O ſag warum mein Werben Dich verdrießt?

Das waſſerreiche Meer kann doch nicht ſtillen

Den Waſſerdurſt, und ſucht, daß es ſich mehre

So mehr' durch meinen Willen Deinen Willen,

Du Willenreiche gleich' hierin dem Meere. Laß Keinen ſterben! Stürmiſch oder ſtill Flehn Alle nur was ich, der eine Will.

(Will, der abgekürzte Vorname des Dichters, heißt zugleich der Wille. Darauf beruht zugleich das Wortſpiel dieſes und des folgenden Sonetts.)

5.

Zürnt Deine Seel' ich komme Dir zu nah, Schwör' ihr nur dreiſt, daß ich Dein eigner Will ſei, Der, wie ſie weiß, am rechten Platze da; Aus Liebe ſchwör' und bitte, daß ſie ſtill ſei. Will wird mit Liebe Deines Herzens Schatz Bereichern und mit Willen allzumal Iſt doch für Viele Raum auf großem Platz, Und Eins zählt nichts in einer großen Zahl. So ungezählt laß ia der Zahl mich ſtehn, Wenn nur bemerkt von Dir, die Alle hält Sei ich Dir auch ein Nichts Du wirſt bald ſehn, Daß in dem Nichts Dir etwas wohlgefällt; Wenn Dir mein Name nur gefallen will, So liebſt Du mich auch, denn mein Nam' iſt Will.

6.

Wie eine Hausfrau ſorglich voller Haſt Dem Huhn nachläuft, das ſich davon gemacht, Ihr Kind zu Boden ſetzt und ohne Raſt Das Huhn verfolgt, bis ſie es heim gebracht, Derweil hell ſchreiend ihr verlaßnes Kind Sie aufzuhalten ſucht, die unverzagt Dem Huhn nachläuft, für Andres taub und blind, Nicht wahrnimmt, wie ihr eignes Kindlein klagt: So läufſt Du hinter dem, was Dir entweicht, Und ich, Dein Kind, klag' um Dich trübgemüth. O komm zu mir, wenn Du Dein Ziel erreicht, Küß mich, wie eine Mutter, ſei mir gut!

Und meine Klagen um Dich werden ſtill,

Und flehen will ich, daß Dir werd Dein Will!

William Shakeſpeare's Sonette in deutſcher Nachbildung von Friedrich Bodenſtedt. Berlin, 1862. Verlag der königl. Geh. Ober⸗Hofbuchdruckeret.

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