Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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dieſe beiden Warnungen zugehen ließ, that er ſicher nichts weiter, als daß er die Pflicht eines rechtſchaffenen Man⸗ nes erfüllte; es war in einer politiſchen Kriſis, aber doch trug er Sorge, das auszuſchließen, was für ihn und recht⸗ ſchaffene Leute die Unmöglichkeit war. Er wollte von keiner macchiavelliſtiſchen Politik etwas wiſſen. Er wollte einen Dynaſtiewechſel, doch kein Verbrechen.

Einen ähnlichen, noch fühlbarern Dieuſt leiſtete er der Julimonarchie von 1830, als er in der Pairskammer bei dem Proceß der Miniſter Karl's X. mit dem König und der Regierung dem Volke keine Folge leiſtete, das laut die Köpfe dieſer Miniſter verlangte. Er bewies bei dieſer Gelegenheit wie immer jene ſcharfſichtige Feſtigkeit, welche in öffentlichen Kriſen zu ſehen weiß, was man thun und was man nicht thun muß. Die vier bedrohten Häupter wurden gerettet, und das war die ſchönſte Weihe der Mo⸗ narchie von 1830, die an dieſem Tage die göttlichſte Sal⸗ bung hienieden hatte, die des Blutes, das zu vergießen ſie ſich weigerte.

Pasquier beſaß zwei große Eigenſchaften: in der Politik und Geſchichte eine ſeltene Ueberlegenheit der Unterſcheidungskraft und des Urtheils, die ſich auf eine bewundernswerthe Mäßigung des Charakters ſtützte; in der Moral eine tiefe Einſicht von dem, was dem Men⸗ ſchen ſelbſt, und von dem, was dem Zufall der Umſtände zuzuſchreiben iſt, deren Herrſchaft weit größer und tyran⸗ niſcher iſt, als man es gewöhnlich glaubt. Dieſe Einſicht flößte ihm eine große Nachſicht ohne Verachtung und Gleichgültigkeit ein. Er beſaß mit einem Worte die Wiſſenſchaft des öffentlichen und des Privatlebens. Ich werde dieſes große Lob durch einige Erzählungen rechtfer⸗ tigen, die meinen Erinnerungen entnommen und wechſels⸗ weiſe dem Privatleben oder der Geſchichte der Geſellſchaft und dem öffentlichen Leben oder der Geſchichte unſers Jahrhunderts entlehnt ſind. Den Anfang will ich mit Erzählungen des Privatlebens machen.

Dritte Folge.

Pasquier trat ſpät in's politiſche Leben ein. Er war beinahe vierzig Jahr alt, als er in der Eigenſchaft als Re⸗ queteumeiſter in den Staatsrath berufen wurde. Bis da⸗ hin hatte er während der Gefahren der Revolution, wäh⸗ rend der Aufregungen zur Zeit des Directoriums und ſpäter während der Hoffnungen der erſten Jahre des Con⸗ ſulats als Privatmann gelebt. Die Geſellſchaft, die er ſah, war theils politiſch, theils literariſch, war theilweiſe aus dem Auslande, wohin ſie ausgewandert war, theils aus den Gefängniſſen und den Verſtecken der Schreckens⸗ zeit zurückgekommen und ſie kehrte eben ſo wohl wie Pasquier zu den Erinnerungen der Jahre, die 1789 vorausgegan⸗ gen waren, zurück. Pasquier war im Alter von neunzehn Jahren als Rath in's Parlament eingetreten; dann hatte er die Revolution geſehen und war dem Schaffot nur in Folge davon entwiſcht, daß er erſt am 8. Thermidor als Gefangener nach Saint⸗Lazare gebracht worden war und man folglich noch nicht Zeit gehabt hatte, ihn vor das Revolutionstribunal zu ſtellen, als am 9. Thermidor (27. Juli 1794) eine neue Revolution der Schreckeuszeil ein Ende machte. Als er aus Saint⸗Lazare herausging, hatte er die gemiſchte Geſellſchaft des Directoriums und ſpäter die beinahe gereinigte Geſellſchaft des Conſulats ge⸗ ſehen; er konute daher in ſeinen Erzählungen dieſe ver⸗ ſchiedenen Geſellſchaften miteinander vergleichen, und dieſe Vergleiche, welche ſeinen ſeltenen Beobachtungsgeiſt beleb⸗ ten, gaben dieſen Erzählungen, beſonders in ſeinen letzten Jahren, einen unausſprechlichen Reiz und großes Intereſſe.

Es gewährte in der That einen ſehr großen Reiz, wenn er uns des Abends in ſeinem gaſtfreundlichen Salon, von mehreren Generationen umgeben, die für ihn alle jung waren, von den Sitzungen des Parlaments in den Jahren 1786 und 1787 oder von der Einnahme der Baſtille am 14. Juli 1789 erzählte, bei welcher Gelegenheit er die Bekanntſchaft der großen Schauſpielerin, Fräulein Contat, machte, die zu dieſer Scene, eben ſo wie ein großer Theil

Mein Hab' und Gut iſt viel zu klein, O liebe, gute Frau Wahrheit!

Sie rief in ihrem edlen Zorn,

Die gute Frau Wahrheit: 3

Wer hat, wie Ihr, ſo viel Weizen und Korn? Ich ſag's, die Frau Wahrheit.

Euch geiſtliche Herrn, Euch kennt man ſchon! Er rief voll Wuth:O freche Perſon!

Hinaus mit Euch!Ich gehe ſchon!

So ſprach die arme Frau Wahrheit.

Sie kam zu einem Mann, im Land

Als Freund der Frau Wahrheit

Und als Verfechter des Rechts bekannt,

Die gute Frau Wahrheit.

Mit offnen Armen empfing er ſie:

Wir bleiben zuſammen, wir trennen uns nie, Wir wiſſen ja Beide das Was und Wie,

O gute, liebe Frau Wahrheit!

Nur eine Bedingung drum aufgepaßt! Sprach die gute Frau Wahrheit.

Die Lüge war ſtets mir auf's Aergſte verhaßt, Drum heiß' ich Frau Wahrheit.

Was an Euch ſchlecht iſt, das nennt auch ſchlecht, Seid niemals Tyrann, wie niemals ein Knecht, Verdreht ſophiſtiſch auch niemals das Recht, Und niemals die heil'ge Wahrheit!

Da zuckt die Achſel der Biedermann:

O liebe Frau Wahrheit!

Im Dienſte der Freiheit kommt's niemals an Auf Lüge und Wahrheit.

Ein jedes Mittel iſt recht und gut,

Wenn's nur zur Zeit ſeine Wirkung thut; Wer nicht zur Lüge beſitzt den Muth,

Beſitzt ihn auch nicht zur Wahrheit.

Betrübt im Innern empfiehlt ſich alsbald Die gute Frau Wahrheit.

Wo haſt Du nun einen Aufenthalt,

O arme Frau Wahrheit?

Doch wie ſie nun ſo in Aengſten irrt

Und Alles ihr vor den Augen flirrt,

Da denkt ſie, die Hütte der Armen wird Ein Aſyl der armen Frau Wahrheit.

Sie klopft an ein Häuschen, es iſt gar klein Die gute Frau Wahrheit.

Sie bittet und fleht, man läßt ſie ein,

Die arme Frau Wahrheit.

Sie erzählt, ſie plaudert, ſie weint und klagt, Wie,ſie, gefragt oder ungefragt,

Dem König, dem Reichen die Wahrheit geſagt, Die gure, arme Frau Wahrheit.

Was Ibr gethan, war brav und recht, O gute Frau Wahrheit!

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