Wärmie und Wohlwollen für das Tüchtige und Schöne mit einem offenen Blick für etwa danebenhergehende Schwächen oder Schiefheiten verbinden, da kann man ſowohl dem Lobe als dem Tadel dasjenige Vertrauen ſchenken, welches das redliche Streben nach Wahrhaftigkeit immer fordern darf.
Vom Herausgeber ſelbſt finden wir in dem erſten Heft der„Revue“ einen Artikel„Zur Reform des Unterrichts⸗ weſens“. Unſer Blatt iſt nicht der Ort, dieſen Aufſatz kritiſch zu betrachten, wenn auch, wie in dieſem Falle, die Kritik nur in einem vielſeitigen Lobe beſtehen könnte. Kurz aber ſei es geſagt, daß jener Artikel nicht nur für das ruſſiſche, ſondern für jedes Cultusminiſterium eine Menge weittragender Bemerkungen vom höchſten pädagogiſchen Standpunkte aus enthält und nicht etwa auf graue Theorien, ſondern auf praktiſche Erfolge beſter Art ge⸗ ſtützt iſt.
Die weitern Leſerkreiſe und vorzugsweiſe die Freunde der Belletriſtik ſeien auf eine intereſſante Production in der„Ruſſiſchen Revue“ aufmerkſam gemacht. Es iſt eine Uebertragung von Friedrich Bodenſtedt, welcher ſich be⸗ kanutlich um die Verbreitung ruſſiſcher Poeſie in Deutſch⸗ land rühmenswerthe Verdienſte erworben hat. Dieſe Darſtellung„Fauſt“, Novelle in neun Briefen von dem talentvollen Jwan Turgenew, hat viel dichteriſchen Werth und einen feſſelnden Vortrag, der durch ſchlagende Kürze, vermiſcht mit feinen pſychologiſchen Bemerkungen und ausgeſchmückt, ich möchte ſagen, mit geſchmackvollen litera⸗
Uovellen-Zeitung.
riſchen Koketterien und raffinirten Pointen, ein vollkoinme⸗ nes Bild vom Charakter der modernen ruſſiſch. Literatun gewährt. Eine krankhafte Manierirtheit wird in ihr nicht nur erträglich, ja ſogar pikant, weil ſie nicht in einer idea⸗ liſtiſchen unnatürlichen Romantik graſſirt, ſondern ſich mit einer realen Lebensbeobachtung verbindet, den Dialog des wirklichen Menſchenverkehrs redet und Charakterſchilde⸗ rungen von großer Schärfe und Neuheit für deutſche Leſer gibt. Ueberhaupt iſt der ruſſiſche Salon eine wahre Fund⸗ grube für ſittenſchildernde Novelliſten, denn in ihm halten eine unerzogene Naivetät und eine verzogene naturaliſtiſche Ueberreiztheit ein wahres Kirchthurmrennen nach dem Preis der ſchönſten Situation.
Ohne Zweifel wird Wolfſohn's„Ruſſiſche Revue“ nicht ſowohl einen ſehr großen als einen ſehr gewichtigen intelligenten Leſerkreis finden, denn es werden ihn diejeni⸗ gen bilden, welche für die Kunſt dankbar ſind, aus der Tagesgeſchichte eines Volkes die Culturgeſchichte deſſelben rückwärts und vorwärts zu conſtruiren. Wolfſohn'’s Feder wird durch dieſes Medium hindurch in höherer Bedeutung politiſch wirken, ſo wie ſie durch das Medium des Dramas politiſch gewirkt hat. Der Autor wurde ſeiner Zeit von
der glücklichen Prophetie getrieben, durch ſeine ſchöne
Dichtung„Nur eine Seele“ der ruſſiſchen Leibeigenſchafts⸗ frage, die jetzt Millionen Gemüther beſchäftigt, vorzugrei⸗ fen. Möge ihm auf anderm Felde ein ähnlicher Erfolg zu Theil werden!
Soeben erſchien vollſtändig:
Männer der Zeit. Biographiſches Lexikon der Gegenwark. Mit Supplement: Frauen der Seit.
115 Bogen 4. Eleg. cart. Preis 6 Thlr. Eleg. geb. 6 Thlr. 20 Ngr.
Dies Werk, welches die Biographien von 1000 zu Anfang des Jahres 1858 noch lebender berühmter Männer und Frauen enthält, liegt jetzt abgeſchloſſen vor.
Ihrer Natur nach können die Converſations⸗Lexica gerade die Perſönlichkeiten der Gegenwarn nicht in der Vollſtändig⸗ keit behandeln, wie es wünſchenswerth iſt, ohne die ihnen geſtatte⸗ ten räumlichen Grenzen zu überſchreiten, auch bietet der längere Zwiſchenraum, welcher zwiſchen dem Anfang und dem Schluß ſolcher bändereichen Werke liegt, eine unvermeidliche Klippe dar, die es unmöglich macht, die Perſönlichkeiten der Gegenwart in ihren gleichzeitigen Wirken und Stellungen zu einander zu ſchildern.
Obgleich nun unſer Werk ſeinen ſelbſtſtändigen Weg in der Behandlung und Wahl des Stoffes verfolgt, ſo können wir es doch mit Recht als ein nothwendiges
Sunplement zu jedem Converſationslexikon bezeichnen und empfehlen daſſelbe Jedem, der ſich lebhaft für ſeine Zeit und die bewegenden Kräfte derſelben intereſſirt..
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eipsig, Verlag von Carl B. Torck.
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