Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
610
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Uovellen-Zeitung.

Heinrich Leuthold.

Liederfrühling.

Der Lenz iſt da,

Und fern und nah

Gibt's neue Weiſen und Lieder; Wie einſt Merlin,

So lauſch' ich hin

Und Alles ſchreib' ich nieder.

Hoch in der Luft

Was die Lerche ruft,

Was die Droſſel klagt im Hollunder, Was den Roſen all

Flötet die Nachtigall,

Die lieblichſten Sagen und Wunder;

Was die Schlange klug

Ihre Kinder frug,

Die im Sonnenlichte ſchillern, Was Hänfling und Fink

Im Fluge flink

Einander zwitſchern und trillern;

Was die Vögel gewußt,

Die voll Wanderluſt

Aus dem Süden erſt gekommen, Was im Walde tief

An Märchen ſchlief:

Hab' Alles, Alles vernommen!

Hab es abgelauſcht,

Was lenzberauſcht

Die Glockenblumen läuten; Lieder und Melodien,

Wie Merlin

Kann ich ſie deuten.

Waldeinſamkeit.

Deine ſüßen, ſüßen Schauer,

O Waldesruh,

In meine Seele hauche

Und träufle du!

Laß mich träumen die Träume

Der Jugendzeit:

O Frieden, o Ruh', komm über mich!

Wie lieb' ich dich, lieb' ich dich, Waldeinſamkeit!

Der Frühling kam;

Es zwitſchern die Vögel, die Wipfel rauſchen

So wunderſam;

O Schöpfungsodem, der die Bruſt mir

Bezaubert und feyt,

O Frieden, o Ruh', komm über mich!

Wie lieb' ich dich, lieb' ich dich, Waldeinſamkeit!

Märzveilchen blühen, es treibt in den Bäumen,

Ein Münchner Dichterbuch. Herausgegeben von Emanuel Geibel.

Feierlich ſonntägliche Stille

Und Frühlingszeit;

Kein Laut, keine Seele

Weit und breit;

Nur ein leiſer, leiſer Kummer

Iſt mein Geleit 4

O Frieden, o Ruh', komm über mich!

Wie lieb' ich dich, lieb' ich dich, Waldeinſamkeit!

An der Niviera.

Mit ſchattigem Kaſtanienwalde

Senkt ſich vom Apennin die Schlucht, Oliven ſchmücken vorn die Halde, Limonen reifen an der Bucht; Ein dunkles Kloſter ragt zur Seite

Des Wegs, verhüllt mit Blüthenſchnee Vor uns in ungemeſſner Weite,

Ein glatter Spiegel, ruht die See.

Es ſtört die Welt mit keiner Kunde Dies reizende Begrabenſein;

Wir zählen weder Tag noch Stunde, Und wie im Traum nur fällt mir ein, Daß über'm Berg dort mit den Pinien Die Heimath liegt, an der ich hing, Eh' ich im Frieden dieſer Vignen

In deinem Arm verloren ging.

8⁸

Auf hoher See.

Ein unſichtbares Ungethüm Her blies der Miſtral ſchneidend ſcharf, Der Schaum und Fluth mit Ungeſtüm An Corſica's Geſtade warf.

In dunkeln Wirbeln ſchnob der Dampf Ohnmächtig brauſend aus dem Schlot; Das eine Rad war außer Kampf,

Und auf der Seite lag das Boot.

Das war ein namenloſer Schreck,

Ein Fluchen, Klagen und Geſchrei!

Ich aber ſtand auf dem Verdeck

Und bot die Bruſt dem Sturme frei. Das Leben gibt fühlt' ich zur Stund Mein zahlungsfähig Ich nicht hin,

So lang ich für ſo manches Pfund Saumſelig noch ſein Schuldner bin.

Prag, Verlag von A. Kröner. 1862.

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