Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
560
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ſind, warten noch auf ihren Dorfgeſchichtenſchreiber. Ich kenne deren mehrere, und je lebhafter ich mich bei der heu⸗ tigen literariſchen Induſtrie wundere, ſie noch nicht novel liſtiſch gemaßregelt zu ſehen, um ſo weniger werde ich ſie nennen, denn vielleicht haben ſie doch das Glück, unberührt und dereinſt für wirklich tüchtige Kräfte eine Reſerve zu bleiben, ein geiſtiger Nothpfennig des ſtofflichen Materials.

Für Altbaiern hat Schmid manche intereſſante Volkszuſtände auf anziehende Weiſe geſchildert, und es iſt eben bei ihm weſentlich die detaillirte ſachkundige Schilde⸗ rung ſelbſt, viel weniger aber die künſtleriſche Compoſition, wodurch ſeine Producte Beachtung fanden und auch ver⸗ dienten. Dieſe einfache Behaudlung bringt manche Na türlichkeit in die Darſtellung.

Die neue vorliegende Erzählung ſpielt nicht unter Landleuten und Gebirgsbewohnern, ſondern unter den höheren Ständen und den Bürgern Münchens zur unglück⸗ lichen Zeit Carl Theodor's, der weder das Regieren, noch den braven Charakter ſeiner baieriſchen Unterthanen ver⸗ ſtand.

Es würde falſch ſein zu wähnen, daß die Behandlung dieſes Sujets an die Art und Weiſe exinnerte, mit welcher Trautmann ſeine beliebten Münchener Geſchichten ſchrieb. Während dieſe rein in einem nachgeahmten Chronikenſtyl und um jeden Preis humoriſtiſch gehalten ſind, liegt hier mit der ernſten Tendenz auch eine ernſte Behandlung vor.

Man hatte zur Zeit des genannten Fürſten, die kürzlich erſt vergangenen Schrecken der franzöſiſchen Revolution benutzend, die Befürchtung ausgeſtreut, als exiſtire in Baiern gleichfalls lauter heimliche Rebellion, und ſo war es gewiſſenloſen Fürſtendienern und teufliſchen Intrigan⸗ ten, wie z. B. der Geheimrath Lippert einer war, ſehr leicht gemacht, das argwöhniſche Gemüth Carl Theodor's fortwährend nervös zu beängſtigen. Da er ſelbſt zum Urtheilen und Regieren unfähig war, ſo überließ er es ſeinen Creaturen und unter dem Vorwande, es müſſe der Freigeiſterei ein beſonderer Damm entgegengeſetzt werden, ließ er ein heimliches Inquiſitionsgericht begründen. An⸗ kläger und Richter, ſämmtlich feil oder gewiſſenlos, waren hier dieſelben Perſonen, und man entblödete ſich ſo in München noch vor 60 Jahren nicht, Folterqualen anzu⸗ wenden, unſchuldige Perſonen hinzurichten und zu dieſem Zwecke ſelbſt dieeiſerne Jungfrau, eine alte verrufene

Uovellen-Zeitung.

[VIII. Jahrg.

Martermaſchine des Mittelalters, die in den Schauerro⸗ manen von Van der Velde und Leibrock genugſam geſchil⸗ dert iſt, in Anwendung zu bringen.

So ſoll nach dem Schmid'ſchen Roman dieſer empö⸗ rende Fall bei einem ſeiner Haupthelden, einem Hauptmann, Baron von Unertl, ausgeführt worden ſein. Der Verfaſſer läßt tief in den Regierungsverfall damaliger Zeiten hin einblicken und entrollt den kuppleriſchen Gang der Ver⸗ handlungen zwiſchen einzelnen Hauptmachthabern der executiven Behörden. Auch die Umtriebe des geiſtlichen Standee werden dabei gebührend enthüllt.

Die Perſonen, welche dabei vorgeführt werden, ſind mit ſpecifiſch baieriſcher Färbung wahrheitsgemäß gezeichnet, und die Handlung bietet neben dem Zeitintereſſe auch ein rein menſchliches dar, wobei es natürlich nicht an der Ver⸗ führung des ſchönen Geſchlechts und ſeiner Herzensnei⸗ gung in hohen und niedern Ständen fehlt.

Man lieſt in dieſem Buche mit Staunen, wie eine völlige gewaltſame Dunkelheit und Tyrannei erſt ſo kurze Zeit hinter uns liegt und wie viel man einem gutmüthigen anhänglichen Volke bieten durfte, ohne daß es die Schmach eines herabwürdigenden Joches von ſich warf.

Wenn man auch nicht hoffen darf, in dieſer rein ſocia⸗ len Geſchichte, die auf Verſtändniß des großen Leſepubli⸗ cums berechnet iſt, geiſtreiche Ideen, Schärfe des Dia⸗ logs, reiche Phantaſie oder Tiefe des Gefühls und der Lei⸗ denſchaft zu finden, und wenn auch endlich die Geſtalt der ganzen Darſtellung die ganz willkürliche eines ungenirten Erzählers iſt, welcher auf eine edle ſtyliſtiſche Behandlung der Sprache keine Anſprüche macht: ſo muß man doch dem Ganzen den Werth eines natürlichen, lebendigen Localge⸗ mäldes zuerkennen. Eine beachtenswerthe Liebe zum echten Bürgerthum ſpricht ſich darin aus, und das Beſtre⸗ ben, für geſellſchaftliche Aufklärung zu wirken und den ge⸗ ſunden Fortſchritt einer Bevölkerung lieben zu lehren, iſt überall ſichtbar.

Das Werk wird als eine unterhaltende Lectüre, aller⸗ dings zunächſt in Baiern und München, eine lebhafte Auf⸗ nahme finden; übrigens iſt es im Allgemeinen als Local⸗ bild von novelliſtiſchem Intereſſe. Die Fleiſchmann'ſche Buchhandlung zeichnet ſich mehr und mehr durch einen ffriſchen, in mehreren Richtungen glücklich gewählten Ver⸗ lag aus.

Verlag von F. d. Prockhaus in Leipzig.

Schuld und Unſchuld.

Eine Erzählung von Marie Sophie Schwartz. Schwediſchen von Auguſt Kretzſchmar. Geh. 2 Thlr. 20 Ngr.

Auch dieſe neueſte Erzählung der ſo ſchnell beliebt geworde⸗ nen Verfaſſerin bekundet ihre Meiſterſchaft in Verknüpfung und Löſung ſpannender Situationen wie in der Darſtellung eben ſo geiſtreich erfundener als pſychologiſch wahrer Charaktere.

Aus dem

Drei Theile. 8.

In Paris erschien und wird durch Alphons Dürr in Leipzig debitirt: 1.. Les Grotesques de la Musique par Hector Berlioz. 1 beau vol. in- 120. 1 Thlr.

In Paris erschien und wird durch Alphons Dürr in Leipzig debitirt: Feuillet, Octave, Le Roman d'un jeune homme V pauvre, Sme édition. In-1 20. 1 Thlr.

Michelet, L'Amour. 3me édit. In- 1 20. 1 Thlr. 5 Ngr.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Pürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Pevrient in Leipzig⸗