Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
544
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Uovellen-Zeitung.

Sein letztes Wort doch als den Theil, Den rührendſten, mein Lied erreicht, Schmolz bei dem Stocken meines Tons Ihr Herz von Gram erweicht.

Denn was Gemüth und Sinn ergreift, Erſchütterte mein arglos Kind,

Die Melodie, die trübe Mähr,

Der Abend weich und lind,

Und Hoffnungen, von Furcht erzeugt, Und Furcht, von Hoffnungen erregt, Und ſüße Wünſche, lang bezähmt, Bezähmt und doch gehegt.

Sie wurde roth vor Lieb' und Scham, Sie gab entzückten Thränen Raum, Und meinen Namen hört' ich leis

Sie flüſtern wie im Traum.

Ihr Buſen ſchwoll, ſie trat zurück, Sie wandte ſich in ſüßem Graus, Dann flog ſie zitternd mir ans Herz Und brach in Thränen aus.

Sie ſchloß mich ſanft in ihren Arm, Der wie bewußtlos mich umſpann, Dann warf das Köpfchen ſie zurück Und ſah verſchämt mich an.

'S war theils aus Lieb' und theils aus Scham Und theils aus kluger Sittſamkeit

Ich ſollte fühlen eh'r als ſchau'n

Des Herzens ſüßen Streit.

Ich ſprach ihr zu, und ſie war ſtill, Dann hat ſie ſtolz ſich mir vertraut; Und ſo gewann ſchön Hedwig ich Zur holden, ſüßen Braut.

Es iſt wahr, dieſe vielen Thränen bilden einen ganzen Fluß von Sentimentalität, auf welchem das Lied förmlich davonſchwimmt, vom Wellenſchlag holdſeliger Seufzer, entzückter Scham und überſchwenglicher Sehnſucht zärtlich accompagnirt. Eine ſolche Waſſerpartie lyriſcher Em⸗ pfindſamkeit liegt ganz außerhalb unſerer Zeit, die nur zu trocken real geworden iſt. Dennoch aber iſt die Darſtel⸗ lung ſo fein, ſo reizend taktvoll und ich möchte ſagen im Gemüthe duftig, daß die antiquirte Richtung den Eindruck nicht beeinträchtigt. Im Gegentheil muß man bewundern, mit welcher heimiſchen Herzlichkeit die Phantaſie des Dich⸗ tters zu alten Gleiſen zurückkehrt.

Hier hat nun auch, und ich führe dieſes Lied eben als Beiſpiel an, der talentvolle Ueberſetzer durch die Leichtig⸗ keit ſeiner Sprache einen Ton getroffen, der den Eindruck

des Originals vollſtändig wiedergibt. Unter den übrigen Gedichten zeichnen ſich viele als glückliche Uebertragungen aus, ſoErbſenſtroh unddas Lied vom Hemde, welches auch bei uns in Deutſchland bekannter zu werden verdiente, da Wood es für Europa geſungen hat. Die Lieder von Thomas Moore, deren muſikaliſcher Gehalt in der Regel für tüchtige Gedanken entſchädigen muß, empfehlen ſich den Freunden dieſes überſchätzten Poe⸗ ten ganz beſonders.

Unter den amerikaniſchen Dichtern bieten vie Lieder von Longfellow, von dem ein Portrait beigegeben iſt, gleich⸗ falls deſſen zahlreichen Verehrern ein Charakterbild ſeiner lyriſchen Eigenthümlichkeit dar. Junig iſt ein Lied von

Prentice, und ein anderes von Morris gewährt amerika niſche Localtöne.

Die Sammlung wird das Glück haben, bald durch eine neue Auflage vermehrt zu werden.

Von Alphons Dürr in Leipzig iſt zu beziehen:

Geſchichte des Conſulats und des Kaiſerthums

von A. Thiers. Deutſche Original⸗-Ausgabe. Band 19. Preis 25 Ngr.

Histoire du Consulat et de l'Empire par A. Thiers. Vol. 19. Preis 1 Thlr. 5 Ngr.

So eben erſchien und iſt durch alle Buchhandlungen gratis zu beziehen:

Alphons Dürr's Scandinaviſcher Lagerkatalog.

Es umfaßt dieſes bis zur neueſten Zeit fortgeführte Verzeichniß in überſichtlicher Weiſe die vorzüglichſten

Erſcheinungen der Altnordiſchen, Däniſchen, Finniſchen, Isländiſchen, Norwegiſchen und Schwedi⸗ ſchen Literatur, und dürfte daſſelbe, ſo wie der weſentlich erleichterte Bezug dieſer Werke, in Folge des in Leipzig gegründeten, neuerdings vielfach vergrößerten Lagers der Scandinaviſchen Literatur vorzugsweiſe zur Kenntniß⸗ nahme und Verbreitung der uns ſo nahe verwandten nordiſchen Sprachen in weiteren Kreiſen beitragen.

Buchhandlung für ausländiſche Literatur von Alphons Dürr in Leipzig.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Devrientin Leipzig⸗

[VIII. Jahrg iit

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