zend ſchön iſt, mit ihrem Erretter unvergeßliche Blicke wechſelt und ſich endlich im Winter das halb verſchmachtete Paar auf der Adelscaſino⸗Redoute nach dem ſiebenund⸗ dreißigſten Tanz durch zufällige Lüftung der Maske, eigentlich aber durch magnetiſche Ahnung in einem gehalt⸗ vollen Geſpräch wiederkennt und wiederfindet. Aber ach! die Angebetete iſt die Nichte ihres Onkels, was zwar an und für ſich nichts Ungewöhnliches hat, in dieſem Falle aber, wo Nichte und Onkel eine Grafenkrone mit wenig⸗ ſteus neun Punkten tragen, ſehr ſtörend wirkt, denn der Alte, welcher beinahe ebenſo ſtolz als beſchränkt iſt, hält auf die Hoheit und Reinheit ſeines Geſchlechts, über das er noch mit ſeinem Heraldiker ſchwankt, ob es von Pfalz⸗, Gau⸗ oder Rauhgrafen abſtammt. Für den armen Officier alſo keine Hoffnung, ſondern Verzweiflung! Hierauf noch Entdeckung eines vornehmen ungeliebten Nebenbuhlers, Duell natürlich, Verwundung durch Edel⸗ muth, herzbrechende heimliche Theilnahme der Geliebten; dann Geneſung; plötzlich kleiner Schmachkrieg in Schles⸗ wig⸗Holſtein, der Geliebte thut ſich hervor, wird Capitän mit Decoration, und der alte Onkel Graf von Dünkels⸗ burg⸗Jemine fühlt ſich in einer Familienconſideration ge⸗ müßigt„Ja“ zu ſagen, ſo daß bald das ganze Officier⸗ corps des Regiments auf der Hochzeit tanzen kann.
Wie nahe liegend ſind ſolche Stoffe, und welche un⸗ ſchätzbare Perſpective mannigfacher Verwickelungen bieten ſie dem Novelliſten dar! Auch finden ſich zum Vortheil des Erzählers unter dem Militär aller Staaten verhält⸗ nißmäßig viel offene angenehme Charaktere, denn geſunde Menſchen von glattem Umgangston, die für geringe Arbeit ein gutes Honorar und eine anſtäudige Stellung erhalten, haben ſchou durch dieſe Lebensſicherheit einen ſchönen Vor⸗ ſprung zum Jovialen. Hingegen„der vielgeplagte Mann iſt ſelten jovial.“
Hackländer, Heſekiel und Andere, die ſich dem Publi⸗ cum ſelbſt nennen, haben ſolche Geſchichten mit Geſchick— lichkeit erzählt und ſind gern geleſen worden.
Es ſind aber die echten Soldatengeſchichten eigentlich nicht. Das wirklich charakteriſtiſch Soldatiſche, was alle unbefangenen gebildeten Menſchen mit Vergnügen leſen, beſteht in einer genauen genrebildlichen, nämlich perſönli⸗ chen Darſtellung der militäriſchen Thätigkeit im Kriege. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob etwas mehr oder weniger ſüßliche Liebe mit im Spiele iſt. Der Krieg iſt das wirkliche Handwerk des Soldaten, und nur in ihm ſpielt derſelbe ſeine wahre, vollberechtigte Rolle.
Leider ſcheint es nun an ſolchen alten gedienten Mili⸗ färs zu fehlen, welche ſchreiben können oder mögen. Und doch iſt die Zahl derer nicht gering, die etwas erlebt haben in der Vergangenheit der deutſchen Armee. Nichts aber iſt eine größere Belehrung und angenehmere Unterhaltung, als in der Form von einfachen Memoiren große hiſtoriſche Begebenheiten durch einen Augenzeugen und Mithandelnden geſchildert zu ſehen. Solche Bücher
wiegen alle mittelmäßigen hiſtoriſchen Romane auf, und während ſie den Laien unterrichten und auregen, ſind ſie
die ſpeciellen Stützen des Geſchichtsſchreibers, der als
Uovellen-Zeitung.
[VIII. Jahrg. Theoretiker ſich ja immer ſeine wichtigſte ſtoffliche Nahrung, den Gang der Facta, von den Praktikern holen muß.
Ein ſolcher höchſt willkommener Autor iſt der Oberſt Karl von Suckow, und ſein Buch der perſönlichen Erinnerun⸗ gen iſt für jeden Deutſchen ein lebendiges intereſſantes Buch.
Der Verfaſſer beginnt mit ſeiner Knabenzeit und endigt ſeine Erzählung mit dem Ausgange des Befreiungskrieges, an dem er fortwährend Theil genommen.
Welch abenteuerlich merkwürdiges Soldatenleben, dem unſere Zeit in Sitten und Einrichtungen ſo ganz entwach⸗ ſen iſt! Zuerſt wird der junge dreizehnjährige Suckow von Wismar in Mecklenburg nach Berlin gefahren, und zwar auf einer Leiterwagenpoſt, und wird in Berlin über⸗ completer Fähurich. Ein luſtiger Unterſchied zwiſchen einem beſcheidenen Fähnrich von danials und einem— natürlich gleichfalls ſehr beſcheidenen von heute! Während dieſer jetzt chambre garnie wohnt, ſeine Chocolade bei Kranzler trinkt und ſein Eis bei Spargnapaui ißt, ſchätzte ſich ein damaliger Fähnrich glücklich, wenn ihm die Frau ſeines Feldwebels, bei dem er zur Beaufſichtigung untergebracht wurde, einen erträglichen Cichorienkaffee kochte, und wenn er ſeinen Wirth und ſeine Schlafcamera⸗ den, gemeine Soldaten natürlich, durch einige Schnäpſe günſtig gegen ſich ſtimmen konnte.
Die Zeiten haben ſich geändert und ſind bedeutend eleganter und bequemer geworden, doch dramatiſcher, feſ⸗ ſelnder in der That nicht.
Sehr viel haben ſich aber die militäriſchen Zuſtände verbeſſert, denn man begreift die Schlacht bei Jena, wenn man durch einen Augenzeugen die Organiſation und die Bräuche in der altpreußiſchen Armee kennen lernt. Dieſer Zuſtände waren ihrem Untergange verfallen, und es be⸗ durfte keines Napoleon, um ſie aufzulöſen.
Am merkwürdigſten iſt aber das Werk Suckow's, ſoweit es von der Periode erzählt, wo er und Tauſende von an⸗ dern deutſchen Ehreumännern gezwungen waren, gegen ihr eigenes Vaterland zu fechten.
Der damals junge Officier begleitete den tyranniſchen Eroberer nach Rußland und beinahe wurde auch er ein Opfer der großen Winterretirade. Die Schilderung dieſer Unglückstage läßt einen tiefen Blick in die menſchliche Seele thun. Es iſt eine ſpannende unbefangene Beſchrei⸗ bung der gewaltigen tragiſchen Kataſtrophe, wie ſie ſich nicht von außen, ſondern vielmehr von innen für Diejeni⸗ gen ausnahm, welche mithandelnd oder mitleidend darin thätig waren.
Der Verfaſſer hat eine unbefangene, etwas breite, aber anſprechende Schreibweiſe, geſunden Witz und einen heitern Humor. Seine Gefangenſchaft, die Schlachten von Smo⸗ lensk und Moſaisk und die Affaire bei der Bereſina bilden wohl die wichtigſten Knotenpunkte ſeiner unterhaltenden
Lectüre. Ueber die merkwürdigen verhängnißvollen Tage am letztgenannten Fluſſe werden wir unſern Leſern noch⸗
einige Scenen darbieten. Nicht minder lebendig ſind die
Bildder, welche der Autor von ſeinem Rückzug entwirft.
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Jürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Hürr in Leipzig.— Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig⸗
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