Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
480
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Dieſelbe iſt eine etwa 200 Fuß hohe, jäh abſchießende Felswand, nahe dem ſüdlichſten Punkte der Inſel und, wie es mir ſcheint, dem Zwecke der alten Dame ſehr entſpre⸗ chend. Ich muß bekennen, daß trotz allem Genie der

Sappho und ich halte ſie für die einzige wahre Dichte⸗

rin, die 2000 Jahre vor und nach ihrer Zeit gelebt hat, ihr theatraliſcher Tod mich nicht im Mindeſten rührt. Es war jedoch nicht immer ſo. Im Alter von 17 Jahren ſchrieb ich ein Gedicht über denTod der Sappho, das

von Empfindungen wild durchbebt und voll von ſtrömendem

Pathos war. Wie ſich von ſelbſt verſteht, ſtellte ich ſie als ſchönes junges Mädchen dar. Ein Anderes aber iſt es, wenn man weiß, daß ſie alt genug war, um Phaon's Mutter zu ſein, und daß, ungeachtet deſſen, was Alkäos von ihr als derveilchenhaarigen und holdlächelnden Sappho ſingt, ſie höchſt wahrſcheinlich hager, fahl und häßlich geweſen iſt, wie alle Griechinnen, ſobald ſie das fünfzigſte Jahr erreicht haben.

Die Wahrheit iſt, daß das nebelhafte Dunkel der Ver⸗ gangenheit Alles vergrößert, verherrlicht und verklärt. Wie es in den Tagen des Solon und Piſiſtratus war, ſo iſt es noch heute. Das heroiſche Zeitalter liegt weit hin⸗ ter uns, das Geſchlecht der Halbgötter iſt von der Erde verſchwunden. Vielleicht iſt es ebenſo gut, daß die Ver⸗ gangenheit ſo ungewiß iſt, daß wir auf die in ihr ſich be⸗ wegenden Geſtalten wie auf den feierlichen Zug eines Marmorfrieſes blicken, anſtatt ihnen die Kleinlichkeit unſeres Alltagslebens anzuheften. Wir müßten ſonſt an unſerer Verehrung für ſie und damit zugleich für das, was gut und edel in unſerer eigenen Zeit iſt, Einbuße leiden. Plato in Glarzlederſtiefeln und jedeufalls fügte ſich Plato den kleinlichen Moden ſeiner Zeit würde für uns aufhören, der akademiſche Weiſe zu ſein, von deſſen Lippen Honigſeim floß. Ein Jeder dieſer alten Griechen hatte ſeine Fehler, ſeine Leidenſchaften, ſeine Sünden, und das nicht weniger als wir, ſondern eher mehr. Das hiſto⸗

riſche Intereſſe, welches ſich an einen Ort knüpft, iſt eine

Sache für ſich, eine andere aber die Empfindung, welche

Uovellen-Zeitung.

dadurch in der Seele des Reiſenden angeregt wird. Kommt die letztere nicht ungeſucht, ſo iſt es eine erbärmliche Heu⸗ chelei ſie zu erdichten, und deßhalb verſpreche ich dem Leſer, daß ich mich ſo wenig wie möglich um die alten Griechen bekümmere, indem ich ſie nicht für einen Deut beſſer er⸗ achte, als die Angloſachſen, obſchon ſie es in einzelnen Stücken uns zuvor gethan haben..

Dieſe Anſichten, die zwiſchen einer herzhaften Frivo⸗ lität und Wahrhaftigkeit eine pikante Mitte halten, führt der Verfaſſer auch in ſeinem Buche durch wenn er in der That gar wenig über das alte Hellen m und ſeine dürftigen Ueberreſte ſagt, ſo beobachtet er das Volk und ſeinen Charakter deſto ſchärfer und fällt darüber ein im Durchſchnitt ſehr ungünſtiges, aber richtiges Urtheil.

Das Buch bildet für Laien eine lebendige raiſonnirende Unterhaltungslectüre.*

L. Bucher's Werk iſt gleichfalls größen Leſerkreiſen zur Erbauung zu empfehlen. Ebenſo deſale ein Journaliſt im beſſeren Sinne und in der Tagespreſſe ge⸗ reift, ſammelt der Autor hier einzelne, auf weiten Wande⸗

deutſchen Zeitungen abgedruckt ſind. Er hat ein bewegtes Element, das der ſocialen Politik,

land, Frankreich, Conſtantinopel und ſpeciel s Paris gibt, ſind Unterhaltungen und Raiſonnement n einem leichten, anſprechenden, unruhig flanirenden Teu Daneben iſt aber das Buch voll feiner Dlicke auf unſere Zeitverhältniſſe, und was man von einem höheren,

iſt nach den Begriffen des modernen Feuilletongeſchmacks oft ſehr intereſſant und beliebt.

lung, was mit vielen kleinen Schattenſeiten ausſöhnt, und dies iſt ein Fond von mannigfachen Kenntniſſen, wie ſie heut zu Tage in ihrer Mannigfaltigkeit nicht ſowohl dem Gelehrten, als dem Journaliſten nothwendig, aber ſelten zugetheilt ſind.

1. Mühlbach's neueſter Roman vollſtändig!

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Maria Thereſia und der Pandurenobriſt Trenck. Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach.

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Beſitzern des WerkesKaiſer Joſeph wird es als

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Redigirt unter Berantwortlichkeit von Ilphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſecke& Devrient in Leipzig⸗

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aber veralteten Standpunkte aus Geſchwätz nennen würde,

Vor Allem aber zeigt ſich Eins in Bucher's Samm⸗

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