Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
464
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deu Garaus zu machen.

als dem Inlande in geographiſcher Beziehung gewidmet, denn es war geboten, ſich zur Unterhaltung und Aufklärung des Publicums vorzüglich fernen Ländern zuzuwenden. Auch rein nach Stoff und Romantik des Abenteuerlichen ſuchende Leſer werden ſich befriedigt fühlen. So werden beiſpiels⸗ weiſe im 9. Heft die merkwürdigen Erlebniſſe des armen Guinnard unter den Patagoniern, jenen uncultivirten amerikaniſchen Wilden ſüdlich vom Rio⸗Negro, erzählt.

Er zog mit einem Italiener Pedritto durch die Pam⸗ pas und kam durch Verluſt ſeines Compaſſes auf das In⸗ dianergebiet. Lauge irrten ſie umher, mit Hunger und Durſt kämpfend.Ganz entkräftet, ſagt Guinnard, verfolgten wir eines Tages auf dieſem traurigen Zuge ein Reh, und ſchon hatten wir durch das angeſchoſſene, verfolgte Thier Hoffnung auf ein ſchmackhaftes Mahl, als plötzlich eine Horde Indianer in der Ferne ſichtbar wurde. Zum Glück bemerkten ſie uns nicht, und wir krochen nach unſerer Hütte zurück. Dort verbargen wir uns abermals zwei Tage laug, immer in Furcht, angegriffen zu werden von einem wilden erbarmungsloſen Feinde. Aber ein noch ſchlimmerer Feind war auch jetzt für uns der Hunger. Am dritten Tage mußten wir hinaus auf die Jagd und waren ſo glücklich ein Reh zu ſchießen.

Schou hatte ich daſſelbe über meine Schultern gewor⸗ fen, als die Indianer, deren Zahl diesmal weit beträcht⸗ licher war, von allen Seiten wie durch Zauber hervorka⸗ men, uns uumnringten, laut aufjubelten, wilde Kehltöne ausſtießen, ihre Lanzen ſchwangen, ihre Wurfkugeln und ihre Laſſos warfen. Wir waren verloren.

Dieſe braunen Menſchen boten einen fürchterlichen Anblick dar. Sie waren halb nackt und ſaßen auf flinken Roſſen, die ſie mit einer wilden Geſchicklichkeit leiteten. Ihr gewaltiger Leib, ihr dickes, wirr um den Kopf hän⸗ gendes Haar, das auf die Schultern fiel, das Alles ſah geradezu ſchrecklich aus. Der ganze Eindruck war unedel; ihre breitausgewirkten Züge ſind häßlich, der Anblick hatte etwas Infernaliſches. Der Ausgang eines Kampfes zwiſchen uns und dieſer Horde konnte nicht zweifelhaft ſein. Aber was blieb uns übrig, als dem Tode ſtaudhaft in's Angeſicht zu ſehen? Wir drückten einander die Hände, wollten als tapfere Leute ſterben und gaben dann Feuer auf die vorderſten Feinde; der eine wurde verwundet, aber mit deſto größerer Wuth ſtürmte die Maſſe auf uns ein. Mein italieniſcher Gefährte wurde von Lanzenſtichen durchbohrt und iſt nicht wieder aufgeſtanden.

Ich erhielt einen Lanzenſtich in den linken Arm. Bald darauf warf einer dieſer Patagonier mir eine große Stein⸗ kugel an den Kopf, ſodaß ich bewußtlos zu Bodeu ſank. Ich habe auch noch andere Wunden und andere Beulen erhalten, aber davon wußte ich nichts, ich lag ohnmächtig da. Erſt nach langer Zeit verſuchte ich mich emporzu⸗ raffen, fiel aber ſogleich wieder zur Erde. Als die India⸗ ner ſahen, daß ich zuſammenzuckte, ſchickten ſie ſich an, mir Aber einer von ihnen, der ohne Zweifel dachte, daß ein Menſch ven ſo großer Lebenszähig⸗ keit ein nützlicher Sclave werden könne, trat ſeinen Ge⸗

t.

Uovellen-Zeitung.

[VIII. Jahrg.

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fährten entgegen. Nachdem er mich vollſtändig ausge⸗ plündert hatte, knebelte er mir die Hände auf den Rücken zuſammen, legte mich danu nackt, wie ich war, auf ein Pferd und band mich auf demſelben feſt.

Nun begann für mich eine wahrhaft ſchreckliche und fürchterliche Reiſe. zeppa habe ich am andern Ende der Welt einen Ritt ge⸗ macht wie jener Mann in Rußland. war groß, ich fiel von einer Ohnmacht in die andere, wurde auf dem Pferde hin und her gewiegt wie ein Waarenballen, und das Roß wurde von ſeinem barbari⸗ ſchen Gebieter zu wildem Galopp angetrieben.

Wie lange dieſe Marter dauerte, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur noch, daß am Ende jedes Tages die Indianer mich auf die Erde legten, aber die Hände mir nicht losbanden. Sie hätten es thun können, denn in meiner kläglichen Lage wäre jeder Verſuch zur Flucht un⸗ möglich geweſen. Ich konnte ja nicht einmal gehen. Dieſe Reiſe erſchien mir wie eine Ewigkeit. Ich nahm keine Speiſe zu mir, obgleich die Indianer mir von Zeit zu Zeit Wurzeln anboten..

Endlich kamen wir an den eigentlichen Lagerplatz der Horde, und dort nahm man mir die Bande von Händen und Füßen ab. Beide waren geſchwollen, ich konnte nicht gehen, ich konnte nicht kriechen und mußte auf der Erde liegen bleiben, umgeben von den wilden Räubern. Män⸗ ner, Weiber und Kinder ſtarrten mich mit wilder Neugier an, aber Niemand gab ſich die Mühe, mein entſetzliches Schickſal auch nur einigermaßen zu erleichtern. Erſt am Abeud bot man mir etwas zu eſſen, doch ich hatte weder Hunger, noch die Kraft, Speiſe zum Munde zu bringen. Auch widerte mich rohes Pferdefleiſch, das Hauptnahrungs⸗ mittel dieſer Nomaden, an.

Drei Jahre hat der Unglückliche unter dieſen wilden Horden in Gefangenſchaft gelebt, er mußte, unbekleidet und

unbewaffnet, wie man ihn ließ, mit den verwilderten Hun⸗

den um die ärmliche Nahrung kämpfen, wurde ſtets ge⸗ mißhandelt, wenn er ſeine Arbeit nicht recht machte, und es war ſchon ein Feſt für ihn, wenn ihm erlaubt wurde, eine Straußenjagd mitzumachen.

Man ſieht, daß es allerdings uncultivirte Völker⸗ ſtämme gibt, die aller edleren Gefühle des Beileids und der Humanität bar ſind. Guinnard beſchreibt ſie mit all ihren Sitten und Gebräuchen auf's Genaueſte und kann nicht genug ſchildern, wie groß dort ſeine Sehnſucht nach den ſchlechteſten Verhältniſſen des gebildeten Europa war, wo man ſo ohne Lebensgefahr behaglich ſein Glück oder ſein überaus trauriges Loos genießen kann. Es gibt dagegen wieder Europäer, die ſich ſelbſt nach patagoniſchen Einöden ſehnen!.

Solche und ähnliche der Wirklichkeit entlehnte Berichte,

durch gute Abbildungen in allen Branchen erläutert, bringt

der Globus in Menge, und ſeine geſchmackvolle, elegante Ausſtattung und ſein Umgehen des zu gelehrt Trockenen trägt ſehr dazu bei, ihn bei großen Kreiſen des Publicums auf's Wärmſte zu empfehlen.

Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Ilphons püft in Leipzig. Druck von Gieſecke& Pevrientin Leipzig⸗

Auderthalb Jahrhunderte nach Ma⸗ Mein Blutverluſt