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zeugen, wie Gerſtäcker einer iſt, die Vieles ſehen, was dem Gelehrten trotz ſeiner Brille wegen ſeiner fachwiſſenſchaft⸗ lichen Scheuklappen verdeckt bleibt, geben einen unbefange⸗ nen Anhalt über die Kenntniß mannigfacher Privatzu⸗ ſtände fremder Völkerſchaften.
Wir leben in einer Zeit des lebendigſten Weltverkehrs und gehen immer mehr einer Periode entgegen, in welcher man keine Entfernungen mehr reſpectiren und es für einen Mann von Bildung erſten Grades natürlich, wenn auch nicht nothwendig finden wird, die Grenzen des alten Eu⸗ ropa überſchritten zu haben. Zugleich wird das dringendſte Bedürfniß empfunden, ſich über Alles perſönlich oder durch genaue Mittheilung zu unterrichten, was auf Erden vor⸗ geht. In ſolchen Tagen ſind Männer wie Gerſtäcker von Gewicht, weil ſie durch perſönliche Erfahrungen die Erfah⸗ rungen der Menge erſetzen, und gleichſam für Andere reiſen, erleben und beurtheilen. Keiner würde mehr als Gerſtäcker der paſſende Held von Ausdauer und Kraft ge⸗ weſen ſein, um ſich einer Entdeckungsreiſe in's Innere Afrika's anzuſchließen.
Es kann bei einem Geiſt von lebhafter Phantaſie, der ſo Vieles geſehen und erfahren hat, nicht fehlen, daß es ihn treibt, das novelliſtiſche Treiben ringsumher zu Erzählun⸗ gen zu geſtalten. Denn die Wirklichkeit, wenn ſie am paſſenden Orte aufgeſucht wird, iſt viel romantiſcher, als die meiſten Leute aus ihrem Alltagsleben heraus denken.
So iſt denn Gerſtäcker mannigfach auch als Novelliſt aufgetreten, und zuweilen waren ſeine Arbeiten ſehr dan⸗ kenswerth, wenn auch weder poetiſch noch künſtleriſch, dan⸗
kenswerth nämlich da, wo uns der Verfaſſer durch ſeine
leicht und locker geſchürzten Erzählungen die Kenntniß fremder Völker und ihrer Sitten, Gebräuche, Bildungs⸗ ſtufen, Vorurtheile, Charakterzüge und Regierungszuſtände vermittelten.
Wir ſind dadurch in hundert Einzelnzügen, welche ſelbſt die ausführlichſte Reiſebeſchreibung ausſchließen muß, mit dem Treiben der Holländer und Eingeborenen auf Java, mit den Verhältniſſen von Sydney und San Francisco und vielen andern Localitäten vertraut geworden.
Aber auch andere Novellen, die ſich nicht auf Beobach⸗ tung in fernen Erdtheilen, ſondern auf heimathliche Zu⸗ ſtände baſiren, hat der Autor veröffentlicht, und in ihnen,
wo er geradezu als freier Producent auftritt, kann das Publicum natürlich ſich nicht mehr verpflichtet fühlen, der ſchwachen und einſeitigen Productionskraft eine Nachſicht zu ſchenken, die nur von dem Vortheil, Uubekanntes zu erfahren, geboten wird.
Die Leſer, welchen ihre Zeit das zu ſein ſcheint, was ſie iſt, ein Capital, welches man ſich ſelbſt verzinſen muß, werden alſo wohlthun, von dem thätigen Manne nur die transatlantiſchen Romnanſchilderungen zu genießen und die einheimiſchen als ſo trockne wie ſchwache Verſuche müßigen Leuten zu überlaſſen.
Zu der letztern Production gehört allerdings der vor⸗ liegende Band der geſammelten Erzählungen, doch haben wir ihn nur als Anlaß genommen, und es war Pflicht, dem Urtheil über Gerſtäcker im Allgemeinen gerecht zu werden.
Leider wird das nationale Verdienſt deutſchen Unter⸗ nehmungsgeiſtes nur ſelten einigermaßen angemeſſen be⸗ lohnt. Den verſchiedenen Regierungen loſten ihre Kaſer⸗ nen und die Zinſen ihrer Schulden zu viel, um noch für Wiſſenſchaft und Literatur ein Plus übrig zu haben. Das Publicum aber, welches hier die Nation repräſentirend eintreten und mit geſundem Urtheile die literariſchen Werke von öffentlichem Verdienſt herausfinden und durch rege Theilnahme für dieſelben begünſtigen ſollte, findet den Bücherkauf zu koſtſpielig, und nur die Benutzung der
Leibibliotheken iſt das Opfer, welches es den Schriftſtellern bringt. Ida Pfeiffer mußte trotz ihrer fleißigen Editionen darben, und es hielt ſchwer, für die Aufſuchung des ver⸗ ſchwundenen Dr. Vogel, der dem deutſchen Geiſte Ehre gemacht hat, nur einige tauſend Thaler zuſammenzu⸗ bringen.
Solchen Verhältniſſen gegenüber ſei noch einmal in Erinnerung gebracht, wie dankenswerth es anzuerkennen iſt, daß der Herzog von Coburg, der auch in letztgenannter Angelegenheit aufopfernd thätig geweſen iſt, ſchon ſeit langer Zeit dem wackeren Gerſtäcker durch eine angenehme Anſtellung im Forſtweſen einen ſichern Rückhalt für ſeine bürgerliche Exiſtenz gewährte.
Verlag von f. d. Brockhaus in Leipzig. Album der
neuern deutſchen LTyrik. Fünfte Auflage. Miniatur⸗Ausgabe.
Auf Velinpapier in elegantem Leinwandband 1 Thlr. 20 Ngr. Prachtausgabe auf Chamoispapier in reichem Lederband 3 Thlr. Eine vorzügliche Anthologie, als elegantes und billiges Geſchenk beſonders zu empfehlen. Vorräthig in allen Buch⸗ handlungen.
Redigirt unter Berantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig.— Verlag von Alphons Hürr in Leipzig.— Druck von Gieſecht& Devrient in Leipzig.
In Paris erschien und wird durch Alphons Dürr in
V Leipzig debitirt:
Les Grotesques de la Musique
par. Hector Berlioz. 1 beau vol. in- 12⁰. 1 Thlr.
In Paris erschien und wird durch Alphons Dürr in Leipzig debitirt: 4 Feuillet, Octave, Le Roman d'un jeune homme
pauvre, Sme édition. In-1 20. 1 Thlr. Michelet, L'Amour. 3me édit. In-1 20. 1 Thlr. 5 Ngr.
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