Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
435
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II. Jahrg. V Nr. 28.]

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Novellen-

Die Preisnovelle.

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Novelle von

Ewald Aug. König.

Eine rauher, nebliger Novembermorgen blickte durch die trüben Feuſterſcheiben der kleinen Poſtexpeditions⸗ Stube eines Landſtädtchens auf das bleiche, verſtörte Ant⸗ litz des noch jungen Poſtſecretärs, der, die Feder in der Rechten, vor ſeinem Schreibpulte ſaß und ſanft in das Reich der Träume hinübergeſchlummert war. Er hatte die gewölbte, von ſchwarzen Locken dicht beſchattele Stirne in die Hand geſtützt und ſah bei dem unſichern Lichte einer nur noch ſchwach glimmenden Oellampe eher einem in tiefes Brüten Verſunkenen, denn einem Schlafenden ähn⸗ lich. Die für das Städtchen, in welchem unſere Erzäh⸗ lung begiunt, in Bezug auf die Zeitrechnung allein maß⸗ gebende Poſtuhr hatte eben die achte Stunde verkündet, als die Thür zum Expeditionszimmer haſtig geöffnet wurde und ein zweiter Beamter eintrat.

He Gottfried! Gottfried! rief dieſer nach einem

Blick auf den ſchlafenden Collegen, während er denſelben am Arme ergriff und heftig rüttelte.Mohrenelement, abgen ehſt Du ſo Deinen Dienſt? So wache doch auf; der Wohl Deiſter kann jeden Augenblick hier eintreten! aber ſe Was gibt's? fuhr der Erwachende auf.Habe ich Vaterl reis gewonnen? Denkt dieſer Menſch immer und ewig nur an ſeine No⸗ i'e! brummte der zweite Secretär, während er au ſein alt trat und die Bücher öffnete.Was es gibt, fragſt Du? Nichts gibt's; aber es hätte etwas geben können, zum Beiſpiel eine Naſe für den Herrn Poſtſecretär Gott⸗ fried Lieſegang, vielleicht auch eine Ordnungsſtrafe wegen Pflichtverletzung! Ich dächte, der Dienſt und die Zufrie⸗ deuheit Deiner Vorgeſetzten müſſe Dir doch wichtiger ſein als die ſehr zweifelhafte Frage, ob Du mit Deiner Novelle bei der Novellenconcurrenz einen Preis erwerben wirſt! Aber das kommt davon, die Nächte haſt Du durchwacht, um den Unſinn niederzuſchreiben, und nun übermannt Dich am Tage der Schlaf, ſo daß es Dir unmöglich wird, Dei⸗ ue Pflichten nachzukommen.

Der Geſcholtene erhob ſich und ſchritt einige Mal in dem kleinen Zimmer auf und ab.Du magſt Recht haben, Julius, erwiderte er nach einer Weile, vor dem Collegen ſtehen bleibend.Ich gebe zu, daß all mein Hoffen und Träumen vielleicht Thorheit iſt und ich vernünftiger thäte,

Dritte Folge

Zeitung.

mich mit all meinen Kräften meinem Amte zu widmen, um es mit der Zeit zu etwas Beſſerem als einem ſchlichten Poſtſecretär mit fünfzehn Thaler Gehalt monatlich zu bringen; doch was hilft es, ob ich mir dies vornehme und meinen eigenen tauben Ohren predige! Die nächſte Stunde ruft mir wieder zu, ich ſei für dieſen Sclavendienſt nicht geboren und habe die heilige Verpflichtung, die Gabe der Mutter Natur nicht verkommen zu laſſen.

Und was verſtehſt Du unter dieſer Naturgabe? forſchte Zulius, deſſen Lippen ein ſarkaſtiſches Lächeln überflog.

Mein Schriftſtellergenie! fuhr der junge Mann er⸗ glühend fort.Nicht Jedem iſt es gegeben, zu Nutz und Frommen ſeiner Mitmenſchen

Firlefanz! fiel Julius achſelzuckend ihm in's Wort. Seine eigenen Gedanken zu Papier zu bringen, iſt eben keine große Kunſt, und einen Roman zu erfinden und aus⸗ zuſchmücken, halte ich für eben ſo leicht, als einen Bericht an das Oberpoſtamt niederzuſchreiben.

Gottfried hatte verletzt dem Sprechenden den Rücken gewandt und die Feder ergriffen, um ſeine gewohnte Ar⸗ beit zu beginnen.Es wäre Unrecht, Dir Deine beleidi⸗ genden Aeußerungen übel nehmen zu wollen, verſetzte er zach einer Pauſe gelaſſen.Du verſtehſt es eben nicht beſſer, Dein Materialismus hindert den Flug Deiner Seele, die ſich uoch nie über das Gewöhnliche, Alltägliche hinausgewagt hat. Du haſt keine Ahnung von dem, was das Herz eines Menſchen bewegen kann, Du weißt nichts von dem Vorhandenſein ſolcher Naturgaben.

O, doch! unterbrach Julius ihn im ſßpöttiſchen Tone.Die beſten und ſchönſten Gaben der Natur ſind nach meiner unmaßgeblichen Meinung kaltes Blut und ein geſundes Gebiß! Erſteres, um den mitunter unaus⸗ bleiblichen Stürmen von oben eine eiſerne Stirne bieten zu köunen, letzteres, um vor der traurigen Nothwendigkeit geſichert zu ſein, manchem herrlichen Genuſſe entſagen zu müſſen. Doch Scherz bei Seite; Du weißt, ich bin Dein Freund und meine es ehrlich mit Dir, wenn ich auch manchmal rauh und barſch auftrete und Deinen tau⸗ ben Ohren in etwas derber Weiſe Moral zu predigen ver⸗ ſuche. Beantworte einmal offen meine Frage, was be⸗ wegt Dich, die dornenvolle Bahn eines Schriftſtellers zu betreten und Tag und Nacht ihr Deine Gedauken zu wid⸗ men? Eitle Ruhmſucht iſt es nicht, denn triebe Dich nur der Ehrgeiz dazu, ſo läge es Dir ja näher, Dich auf Dei⸗ nem Poſten auszuzeichnen, ſo daß Deine Vorgeſetzten auf⸗ merkſam auf Dich würden und Dich raſcher als Deine Collegen beförderten. Jeder Menſch muß für ſein Thun

und Laſſen Gründe haben, und ich zweifle nicht, daß Du