Kirchhofe erhebt ſich ein marmorner Stein, daran ſteht mit goldenen Buchſtaben der Name„Eduard Stanitz“; dort bleiben ſie ſchweigend ſtehen. Die Dame kniet neben dem Steine und bekränzt ihn mit Blumen, und die Blumen ſind naß von ihren heißen, heißen Thränen!
Gedichte von Th. Vogt.
Glockenklänge.
Es klingen die Glocken durch's Abendroth Weit über Berg und Hain—
Mir ward's um's Herz ſo ſchwer, ſo bang— Ich bin ſo ganz allein.
Und ach! aus dem Auge, ſonſt friſch und froh, Leis eine Thräne fällt—
Was ſingen und klingen die Glocken wohl Hinaus weit in die Welt?
Zas todte Lieb.
Hörſt Du, Knabe, Saitenklänge Durch das Abendroth?
Deine Liebſte, armer Kuabe, Iſt ſchon lange todt!
Sang Dir einſt ſo ſüße Lieder Zu dem Saitenſpiel;
Herzt' und küßte, trauter Knabe,
Dich ſo viel, ſo viel.
Denkeſt bei den ſüßen Klängen Wohl an alte Zeit?
Ach, für Dich iſt längſt vorüber Glück und Seligkeit!
Deine Liebſte, armer Knabe, Iſt ſchon lange todt!
Was nun ſchaueſt Du ſo trübe In das Abendroth?
Gedichte von Bertha von Woisky.
Der Abend.
Wie des Abends ſanfter Frieden In die Seele ſich ergießt! Wie da aller Schmerz hienieden Stille im Gebet zerfließt!
Eine Ruhe ohne Gleichen
Zieht durch's ahnende Gemüth, Wenn des Tages Strahlen bleichen Stern an Stern im Aether glüht.
Das iſt Gottes heil'ge Nähe, Die ſo zauberweich und ſacht Uns des Herzens tiefes Wehe Liebevoll vergeſſen macht.
„
V Laßt uns Alles ruhig tragen—
Kämpfend geht's dem Ziele zu!
Auch den trübſten, ſchwerſten Tagen Folgt der Abend, folgt die Ruh'.
(VIII. Jahrg.
in der Muſik zugeſtanden haben, wie es ſich in ihrer Kunſt um
manche Formen handle, die zwar heilig durch Ueberlieferung, aber
keineswegs durch den Vorzug der logiſch beſten Conſequenz ſeien. O. B.
Miscellen
Mazarin und fouquet.
Der Cardinal Mazarin hatte ſich vom Hofe zurückgezogen
und lebte auf ſeinem Landſitze in den Ardennen. Der Abbé Fou⸗
quet machte ihm einen Beſuch, um ihn zur Rückkehr einzuladen,
und ſuchte die Hoffnung in ihm zu erwecken, daß ihn eine günſtige Aufnahme erwartete. Mazarin hatte bereits geheime Verſiche⸗ rungen deſſelben Inhalts erhalten und überdies einen Brief von der Königin empfangen, der ihn zur unverzüglichen Rückkehr auf⸗ forderte. Er war wirklich entſchloſſen, einer ſo willkommenen Aufforderung zu gehorchen, aber er zeigte noch immer Zweifel und Unſchlüſſigkeit, und nach langer Beſprechung der Gründe und Gegengründe ſagte er zu dem Abbé, während ſie im Walde ſpa⸗ zieren gingen:
„Woblan, Herr Abbé, wir wollen ſehen, wie das Schickſal in dieſer wichtigen Sache für uns entſcheiden wird. Ich will meinen Stock in dieſe Fichte werfen, und bleibt er zwiſchen den Zweigen ſtecken, ſo ſoll es mir ein unfehlbares Zeichen ſein, daß ich bei meiner Rückkehr an den Hof daſelbſt bleiben werde; fällt aber der Stock auf die Erde herab, ſo wird dies mir eben ſo gewiß anzei⸗ gen, daß ich bleiben muß, wo ich bin.“
Bei dieſen Worten flog der Stock in den Baumwipfel und
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blieb ſo feſt ſtecken, daß er vielleicht noch darin wäre, wenn der Wind ihn nicht herabgeworfen hätte. Da rief der Meiſter in der Verſtellung mit erkünſteltem Erſtaunen:
„Kommt, Herr Abbé, laßt uns abreiſen. Der Himmel be⸗ günſtigt uns, und dieſer Baum guter Vorbedeutung wird uns eine glückliche Reiſe ſichern.“
Menſchenhandel.
Einen eigenen Erwerbszweig betreiben in Wien die ſoge⸗ nannten Lehrbubenhändler, meiſtens Böhmen, welche die Ver⸗ mittlung zwiſchen jenen Geſchäftsleuten der Hauptſtadt, die Lehr⸗ jungen benöthigen, und jenen bevölkerten Diſtricten der nördlichen Provinzen übernehmen, wo arbeitsfähige Burſche vorhanden ſind. Der Händler erbält von den Eltern der Letzteren eine kleine Gra⸗ tification für die Unterbringung des Burſchen in Wien und tritt dann mit einer Schaar von 50 bis 100 Jungen, deren ſämmtliche Habſeligkeiten ihm anvertraut ſind, und über deren Verpflegung er wacht, die Reiſe nach der Hauptſtadt an, wo er den Meiſtern, welche ihm die Burſchen abnehmen, für einen böhmiſchen Buben 50 Neukreuzer, für einen mähriſchen oder ſchleſiſchen aber 70 Neu⸗ kreuzer bis 1 Gulden erhält. Der Händler macht im Laufe eines Sommers drei bis vier ſolcher Touren, und im Ganzen bezieht Wien alljährlich auf dieſe Weiſe etwa 2000 Lehrjungen aus den Provinzen. 5.
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