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gengeſetzten Seite der großen Meeresbucht von Neapel liegt.
letzung aus dem erſten Brief jenes berühniten Neffen zu
Dritte Folge.
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Fragmente aus Italien. Natur und Kunſt von Karl Grün. München, Fleiſchmann's Buchhdlg. 1862.
Das immer neue Intereſſe, welches ein Land wie Ita⸗ lien einflößt und in Anſpruch nimmt, bietet Raum zu vie⸗ len literariſchen Erſcheinungen über daſſelbe, von denen ſich wenigſtens die beſſeren rechtfertigen.
Der Verfaſſer des vorſtehenden Bandes hat bereits vor einiger Zeit ein größeres auch in dieſen Blättern beſpro⸗ chenes Werk über Italien geſchrieben, welches mehr auf die politiſchen und ſocialen Verhältniſſe des neuen europäiſchen Großſtaats eingeht.
Um zu ergänzen, was bei einer ſolchen Tendenz über⸗ ſehen werden mußte, hat Grün hier in einzelnen Nachträ⸗ gen über Kunſt und Natur ſeine perſönlichen Anſchauun⸗ gen niedergelegt, ohne dabei auf äſthetiſche oder kunſthiſto⸗ riſche Ueberſichten einen Anſpruch zu machen.
Wir finden hier einzelne reiſeſchildernde Raiſonnements über das Terrain der Lombardei, Genua, Piſa, Florenz, Rom, Umbrien und Neapel. Land und Leute ſind mit Friſche geſchildert, ſo weit ſie der Verfaſſer kennen gelernt und als Neuling richtig durchſchaut hat; auch für Natur⸗ ſchönheiten zeigt derſelbe einen empfänglichen Sinn.
Bei ſeinem Aufenthalt in Neapel beſuchte der Rei⸗ ſende natürlich auch Herculanum und Pompeji, wo, bei⸗ läufig erwähnt, vor einigen Wochen zum erſten Male ein zweiſtöckiges Haus aufgegraben ward, vielleicht keine ab⸗ ſolute Seltenheit, denn es liegen noch zwei Drittheile der alten Stadt unter der Aſche.
Die Leſer wiſſen, daß Pompeji, eine antike griechiſche Pflanzſtadt, nicht weit vom Fuße des Veſuv, in reizender Lage und früher ungemein blühend, im Jahre 79 nach Chriſti Geburt durch einen verhängnißvollen Ausbruch jenes Vulcans in einem Aſchenregen verſchüttet wurde. Die Aſche, allmählich zu hartem, fruchtbarem Boden geworden, liegt nur fünf bis fünfzehn Fuß über den einſtöckigen Gebäu⸗ den; aber da der Untergang ſo raſch erfolgte, daß zahlreiche Bewohner nicht einmal das Leben retten konnten, ſo mag der Schrecken und die dauernde Furcht ſo groß geweſen ſein, daß man von der leichten Möglichkeit, die herrlich gebaute Stadt wieder auszugraben, leider abſah.
Wie den Gelehrten bekannt iſt, und wie das größere gebildete Publicum wenigſtens als Factum gehört hat, ſind uns jedoch höchſt intereſſante Daten über jenen Aus⸗ bruch des Veſuvs von einem Augenzeugen erhalten worden.
Der muthige Naturforſcher Plinius der Aeltere beob⸗ achtete nämlich jenes Phänomen, wobei er ſeinen Untergang fand, und ſein Neffe ſchrieb darüber zwei ſehr feſſelnde Briefe au den Hiſtoriker Tacitus. Dieſer Neffe mit ſei⸗ ner Mutter und dem älteren Plinius lebten damals zu Miſenum, einem alten Städtchen, welches an der entge⸗
Wißbegierigen Leſern wird es lieb ſein, hier eine Ueber⸗
ſinden. Er ſchreibt: „Mein Onkel war zu Miſenum, wo er die Flotte be⸗ fehligte. Am 23. Auguſt(im Jahre 79) gegen ein Uhr
ten Küſte bildet.
nach Mittag bemerkte ihm meine Mutter, daß ſich eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Geſtalt zeige. Er ſteht auf und begibt ſich an einen Ort, wo er das Wunder bequem beobachten konnte; aus der Ferne war es ſchwie⸗ rig, zu unterſcheiden, von welchem Berge die Wolke auf—⸗ ſtieg. Die Folge hat ſeitdem erwieſen, daß es der Berg Veſuv war. Ihre Geſtalt glich der eines Baumes und einer Pinie mehr als jedem andern. Denn nachdem ſie ſich ſehr hoch in Form eines Stammes erhoben, ſtreckte ſie eine Art von Aeſten aus. Ich ſtelle mir vor, daß ein un⸗ terirdiſcher Wind ſie hervorſtieß und in der Luft hielt. Aber ſei es nun, daß der Druck nachließ, ſei es, daß ſie unter ihrer eignen Schwere ſank, man ſah, wie ſie ſich ausdehnte und ins Weite ging. Bald ſchien ſie weiß, bald ſchwärzlich, bald bunt, je nachdem ſie mehr mit Aſche oder mit Erde gefüllt war. Dieſes Wunder ſetzte meinen Onkel in Erſtaunen. Er war ſehr gelehrt und er hielt es einer näheren Unterſuchung werth.
Er läßt ſeine Tiburna ſegelrecht machen und bietet mir an, ihm zu folgen. Ich antwortete ihm, daß ich lieber ſtudiren wollte, und er hatte mir gerade etwas zu ſchreiben aufgegeben. Er ging fort, ſeine Schreibtafel in der Hand, als die Soldaten der Flotte, die zu Retina war, erſchreckt von der Größe der Gefahr— denn dieſer Ort liegt gerade am Fuße des Veſuv, und von da konnte man ſich nur ſee⸗ wärts retten,— anlangten, um ihn zu beſchwören, ſie vor einer ſo grauſen Gefahr zu beſchützen.
Er blieb bei ſeinem Vorhaben und verfolgte mit Hel⸗ denmuth, was er anfänglich nur aus Neugierde unternom⸗ men. Er läßt Galeeren kommen, beſteigt ſelbſt eine und fährt ab, um zu ſehen, welche Hülfe man bringen könnte, nicht nur zu Retina, ſondern an allen andern Ortſchaften der ſchönen Küſte, die deren ſo viele trägt. Er beeilt ſich dorthin zu gelangen, von wo Jedermann flieht, und wo die Gefahr am größten zu ſein ſcheint. Aber mit ſolcher Frei⸗ heit des Geiſtes, daß, ſo wie er eine Bewegung oder eine außerordentliche Form an dem Wunder gewahrte, er ſeine Beobachtungen machte und ſie dictirte. Schon flog die Aſche auf ſeine Schiffe immer dichter und heißer, je näher ſie kamen. Schon fielen erkaltete Steine um ſie her und ganz ſchwarze, ganz verbrannte, von dem heftigen Feuer pulveriſirte Kieſel. Schon ſchien das Meer zurückzutreten und das Land durch ganze Bergſtücke, mit denen es be⸗ deckt war, unnahbar zu werden, als er etliche Augenblicke ſtill hielt, ungewiß ob er umkehren ſollte, und dann zu ſei⸗ nem Steuermann, der ihm rieth, das hohe Meer wieder⸗
zugewinnen, ſagte:„das Glück iſt mit dem Muthi⸗
gen, drehe das Steuer auf Pomponianus!“ Pomponianus war zu Stabiä an einer kleinen Binnen⸗ bucht, wie ſie das Meer allmählich an dieſer ausgeſchweif⸗ Dort, angeſichts der noch entfernten Gefahr, die aber immer näher zu rücken ſchien, hatte er alle ſeine bewegliche Habe auf die Schiffe geladen und wartete nur auf etwas weniger widrigen Wind, um abzu⸗ ſegeln. Mein Onkel, dem gerade dieſer Wind ſehr gün⸗ ſtig geweſen war, landet, findet ihn zitternd, umarmt ihn,


